CIT-Consult Emotion-Blog

Mein Anti-Stress-Tag, Versuch 1.0

15.06.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Gut gelaunt, weil mal wieder so richtig erholt nach den Feiertagen, sitze ich im Auto Richtung Baden-Baden. Nein, ich lasse kein schlechtes Gewissen aufkommen, weil ich das gesamte verlängerte Wochenende im Garten lesend verbracht habe. Heute beginne ich auch nicht gleich hektisch mit dem herum telefonieren und Termine vereinbaren, während ich nebenbei mit 190 Sachen über die Autobahn düse. Ich fahre nur – und das auch noch vorschriftsmäßig, denn diese verkürzte Woche habe ich zu meinen ganz persönlichen Anti-Stress-Tagen auserkoren. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht selbst umsetzen könnte, wobei ich andere unterstütze.

So beginne ich die vorbeiziehende Landschaft in aller Seelenruhe in mich aufzusaugen: Da, ein Sonnenstrahl bricht plötzlich durch die Wolken und umhüllt sanft das satte Grün der sich ihm entgegenreckenden Bäume eines kleinen Waldstücks. Und da hinten, ein Reh auf der Flucht. Wie elegant es seine Sprünge vollzieht. Man meint, es berührt dabei nur für einen Bruchteil einer Sekunde gerade so viel Boden, wie es benötigt, um sich für den nächsten Sprung abzudrücken. Dabei richtet es seinen weißen Schwanz so unübersehbar auf, dass selbst dem zerstreutesten Verfolger das „Folge mir! Hier entlang!“ nicht entgeht. Ob die Ricke gerade ihr Kitz schützen will? So sehr ich mich auch auf etwaige Bewegungen im hohen Gras hinter ihr konzentriere, ich kann keinen Anlass ihrer Panik erspähen. Dafür wird mein Reifengeräusch immer penetranter. An irgendetwas erinnert es mich… Richtig, der Seitenstreifen naht. Ich lasse vom Reh ab und reihe mich wieder konzentriert in meine Pendlerkolonne ein. Den kurzen inneren Schreck besänftige ich durch bewusstes langsames Ausatmen, das Schließen der Augen schenke ich mir aber vorsichtshalber.

Das war auch gut für mich bzw. mein Auto, denn fast unmerklich, aber dennoch überraschend, wenn man abgelenkt ist, kommt die Kolonne mitten auf der Landstraße zum Stehen. Ich erinnere mich, in einem Kilometer kommt eine Ampel statt einem Kreisverkehr – das wird dauern. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bleibe ich ganz cool, denn schließlich ist heute mein erster Anti-Stress-Tag. Ein Blick auf die sich rückwärts bewegende Zeit im Navi beruhigt mich – noch. Ich bin rechtzeitig los gefahren, es schrumpft lediglich mein Zeitpuffer. Ein tolles Gefühl, wenn ich mein Zeitmanagement im Griff habe!

Trällernd beobachte ich amüsiert die Gesichter der mir entgegenkommenden Autofahrer. Müde und abgespannt sehen viele bereits jetzt schon in der Frühe aus. Es könnte sich um Adrenalin-Junkies handeln, deren Pegel durch das verlängerte Wochenende zu stark abgesunken ist. Die sacken sofort in sich zusammen, wenn keine Action um sie herum herrscht. Oder die haben doch durchgearbeitet, weil von irgendeinem Teil der Welt ungeachtet der Feiertage Anfragen, Arbeitsaufträge oder dringende Informationen per Mail eintrafen. Ein wütendes Hupen reist mich jäh aus meiner besinnlichen Betrachtungsweise. Mein Hintermann ist vor Zorn purpurrot im Gesicht und tobt wie ein Irrer in seinem Fahrzeug herum. Als sich seine wutentbrannten Augen mit den meinen im Rückspiegel treffen, wird mir schlagartig klar, ich scheine der Anlass seines Gefühlsausbruchs zu sein. Ich habe doch gar nichts gemacht! Eben! Was für ein Staatsverbrechen: Ich habe eine Lücke von einigen hundert Metern zugelassen! Jetzt bin ich aber richtig erleichtert, dass mein Hintermann sein Auto nicht verlassen hat. Nach diesem emotional nicht gerade aufbauenden Erlebnis fühle ich mich jetzt doch genötigt, hoch konzentriert auf den geringst möglichen Abstand zu meinem Vordermann zu achten. Die Türen meines Wagens habe ich vorsichtshalber verriegelt, schließlich dauert der Adrenalinabbau im Blut circa eine Stunde. Nach einer endlos anmutenden Viertelstunde haben wir beide es geschafft! Die Gesichtsfarbe des Fahrers hinter mir ist wieder normal, was ihn jedoch nicht davon abbringt, mir beim Überholen noch einmal mit einer deutlichen Geste zu zeigen, was er von mir hält. Statt mich aufzuregen gönne ich mir eine gemächliche Fahrt auf den letzten Metern zum Büro meines Kunden, wodurch mir heute sogar das Vogelgezwitscher und das freudige Bellen der Gassi gehenden Hunde auffallen.

Bewaffnet mit meinem guten Vorsatz „Keinen Stress in dieser Woche aufkommen lassen!“ öffne ich im Besprechungszimmer meinen Laptop, um alles für die Präsentation herzurichten, und kann den ersten Anflug von Zeitnot gerade noch im Keime ersticken. „In der Ruhe liegt die Kraft“, flüstere ich mir lautlos zu, „es ist ganz normal, dass Beamer und Laptop nicht auf Anhieb reibungslos miteinander korrespondieren“. „Pling“, tönt es da plötzlich aus meinem Rechner und Dank moderner Technik sehe ich wie mein Posteingang von einer Flut E-Mails überrannt wird. Nein, jetzt werde ich nicht an die Abendsitzung denken, die sich hieraus ergeben wird und nein, ich werde jetzt nicht nachschauen, ob etwas Dringendes dabei ist! Oh fällt es mir schwer, an mich zu halten und ohne Draufsicht das E-Mail-Programm zu schließen. Wer es brandeilig hat, der wird sich per Handy bei mir melden, besänftige ich mich langsam. Das stelle ich heute während der Besprechung aus statt stumm, denn während der Sitzung kann ich eh nicht reagieren. Also was bringt es mir vor der Pause mitzubekommen, dass mich jemand erreichen wollte, außer dass ich mich gestresst fühle? Zum Glück beginnt unser Meeting. Ich bin ganz Ohr.

Am Anfang der Mittagspause notiere ich mir meinen Schlachtplan für heute Nachmittag. Nur ganz kurz habe ich mir einen Überblick über die Maileingänge verschafft und meine Handynachrichten gecheckt. Alles keine Notfälle, alles heute Nachmittag regelbar bzw. in den nächsten drei Tagen. Ich merke wie ich mich sofort wieder entspannen kann und frage mich, woher der Anspruch eigentlich kommt, immer und überall erreichbar zu sein.

Ich freue mich auf die Tischgespräche. Am Wochenbeginn reden alle mehr über Privates. Erst gegen Ende der Woche mutiert die gemeinsame Mittagspause wieder zu Arbeitsgesprächen, um uns allen das Gefühl zu geben, keine Zeit zu vergeuden und zu Schaffen, was vor dem Wochenende noch zu Schaffen geht. Trotzdem ertappe ich mich nach dem letzten Bissen dabei, ungeduldig auf meinem Stuhl herumzuzappeln. Denn gerade ist mir mit Schrecken eingefallen, dass ich morgen einen Fertigstellungstermin zugesagt habe, der in meiner Zeitkalkulation fehlt. Schnell stürze ich den Cappuccino ungeachtet seiner Temperatur hinunter und habe dadurch das Vergnügen, den Rest des Tages mit einem verbrannten Gaumen zu verbringen.

Auf der Heimfahrt zu meinem Schreibtisch sause ich mit 190 auf der linken Spur, immer in Habachtstellung vor Blitzern oder Mitmenschen, die heute ebenfalls ihren Anti-Stress-Tag begehen. Ich spüre, wie sich meine Rückenmuskeln zwischen den Schulterblättern zusammen ziehen. Dennoch habe ich gleichzeitig ein euphorisches Gefühl, weil ich mir gerade sicher vormache, dass ich einen Teil der Zeit wieder herausholen werde. War wohl nichts mit einem ganzen Anti-Stress-Tag, denke ich leicht zerknirscht. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag und schließlich macht Übung den Meister!

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