CIT-Consult Emotion-Blog

Die Macht destruktiver Glaubenssätze

05.03.2010 von: Michael Blochberger

Er ist ein kompetenter und erfahrener Fachberater, Anfang Fünfzig und gesundheitlich angeschlagen. Nach Herzinfarkt und Schlaganfall quält ihn die Angst um seinen Arbeitsplatz. Wie lange kann er seine krankheitsbedingten Ausfälle noch durch Leistungsbereitschaft kompensieren? Wie soll es weitergehen, wenn er die Kündigung erhält? Getrieben von Angst und Wut presst er die Worte hervor, immer wieder unterbrochen von heftigen Hustenanfällen. Er ist einer von 16 Teilnehmern eines Stressmanagement-Seminars.

Er sieht sich als Opfer unserer Leistungsgesellschaft, verbrannt, ausgelaugt, gesundheitlich am Ende. Ein Mann, der fürchtet, den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, der sich auf Kosten seiner Gesundheit zur Arbeit quält. Ein von Existenzangst gezeichneter Mensch, der sich täglich zur Leistung zwingt, obwohl er weder Freude noch Hoffnung darin findet. Dies ist seine Sichtweise, seine ganz persönliche Wahrheit, die er mit Schuldzuweisungen gespickt heraus hustet, voller Hilflosigkeit, Angst und Hass gegen alle, die das für ihn verursacht haben: Die Vorgesetzten, die ihm keine Anerkennung geben, die Politiker, die ihm seine soziale Sicherheit nehmen und die Gesellschaft, deren Veränderungen er sich nicht gewachsen fühlt.
 
Von allen Kollegen und Kolleginnen leidet dieser Mann am deutlichsten unter starken Stresssymptomen. Auch die anderen klagen über den wachsenden Leistungsdruck. Viele lassen sich wie er erst durch eine Krankheit zu einer Ruhepause zwingen. Einige sind ebenfalls über Fünfzig und haben Angst, nicht mehr gebraucht zu werden. Aber kein Teilnehmer ist von so negativen Einstellungen besessen wie unser Kandidat. Keiner sieht seine Situation und seine Umwelt durch eine so düstere Brille.
 
Im Einzelgespräch unterstütze ich ihn dabei, seine Belastungssituationen, die so genannte Stressoren, von seinen persönlichen Bewertungen zu trennen, um ihm den Einfluss seiner negativen Einstellung bewusst zu machen. Schritt für Schritt erarbeiten wir seine destruktiven Bewertungen und Glaubenssätze:

  • Ich muss um meinen Arbeitsplatz kämpfen
  • Ich darf unter Stress keine Fehler machen
  • Ich kann dem Druck nicht mehr standhalten
  • Man wird mir aufgrund meiner Krankheit kündigen
  • In meinem Alter finde ich keinen neuen Arbeitsplatz
  • Ich werde meinen Lebensstandard nicht halten können

Leistungsdruck und Krankheit sind für viele in seinem Alter alltägliche Herausforderungen. Aber unser Teilnehmer hat sich in seine stressverschärfenden Gedanken so verbissen, dass für ihn die Situation unerträglich wird. Erst durch diesen hoffnungslosen Pessimismus macht er daraus seine persönliche Tragödie.
 
Im zweiten Schritt machen wir uns daran, die negativen Bewertungen zu hinterfragen, um alternative Sichtweisen anzuregen. Dabei helfen ihm Fragen wie:

  • Was spricht dafür, dass ich meinen Job behalte?
  • Was gibt mir Mut und Sicherheit, diese Situation zu meistern?
  • Was denkt einer, den diese Situation weniger belastet als mich?
  • Was kann ich aus dessen Einstellung lernen?
  • Welche Aufgabe stelle ich mir in dieser Situation?
  • Was kann ich tun, um diese Situation zu entschärfen?

Über diese Fragen finden wir mühselig zu einigen konstruktiven Aussagen, die der Teilnehmer einzeln auf Moderationskärtchen notiert:

  • Ich bin ein erfahrener und zuverlässiger Fachmann
  • Ich weiß, was ich kann
  • Als gute Arbeitskraft finde ich immer einen Job
  • Ich kann etwas für meine Gesundheit tun
  • Geld allein macht nicht glücklich

Auf meine Frage, wie sich diese positiven Bewertungen bei ihm anfühlen, zögert er lange. Ich frage nach: "Was macht das mit dir, wenn du dir sagst: Mit meiner Erfahrung finde ich immer einen Job?"
"Ich weiß, dass es nicht so ist," entgegnet er.
"Und was fühlst du, wenn du sagst: Ich tue etwas für meine Gesundheit?"
"Dafür ist es schon zu spät," erwidert er.
"Und was spürst du, wenn du dir sagst: Ich kann auch mit weniger Geld glücklich sein?"
"Das will ich nicht! Auf meinen Lebensstandard bin ich nicht bereit, zu verzichten!" stößt er wütend hervor und bekommt einen kräftigen Hustenanfall.
"Mir geht es anders. Ich spüre die Hoffnung und Lebensfreude, die in diesen Aussagen steckt," sage ich.
"Es gibt keine Hoffnung!" giftet er trotzig zurück. Er reißt alle Karten mit positiven Aussagen von der Pinnwand und schreibt eine neue Karte: "Für mich gibt es keine Lösung – Ich kann die Umstände nicht beeinflussen"
 
Wie viele sieht er sich ausschließlich als Opfer der Umstände, aus denen es seiner Meinung nach kein Entrinnen gibt. So zementiert er seine destruktive Sichtweise zu einem geistigen Gefängnis, das praktisch jeden ideellen Ausbruchsversuch, jedes alternative Verhalten unmöglich macht. Was mir bleibt, ist ihm den Rat zu geben, sich professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen, wohl ahnend, dass er lieber sterben würde, als sich diese "Blöße" zu geben.
 
Seine Vorgesetzten haben eine etwas andere Sicht der Dinge: Sie kennen den Mitarbeiter als einen unangenehmen aber unverzichtbaren Leistungsträger, dessen Krankheiten zu tolerieren sind. Aufgrund seiner Erfahrung werden ihm regelmäßig wichtige Aufgaben und Projekte anvertraut. Einzig und allein sein aggressives Verhalten – Folge seiner destruktiven Einstellung – wird mit Misstrauen beobachtet. Aber genau dieser destruktive Charakter wird es sein, der seine "Wahrheit" eines Tages Realität werden lässt.
 
Vielleicht ist das der Moment, den er braucht, um in seinem Leben endlich etwas zu verändern...?

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