CIT-Consult Emotion-Blog

Der Mann auf der Suche nach seiner Männlichkeit

04.07.2010 von: Michael Blochberger

"Wird's ein Junge oder ein Mädchen?" fragte die erfahrene Mutter die schwangere Freundin. "Ein Junge? Dann sei froh, die sind viel pflegeleichter!" Obwohl diese mütterliche Aussage so unschuldig daher kommt, ist sie doch die Wurzel einer der größten psychologischen Herausforderungen, der wir Männer in unserem Leben zu begegnen haben: Die Beziehung zur ersten und wichtigsten Frau in unserem Leben – unserer Mutter – prägt unser Rollenverständnis als Mann so nachhaltig, dass viele ihr Leben lang darunter zu leiden haben.

Seit Menschengedenken sind es die Mütter, die den größten Einfluss auf die Erziehung ausüben. In den ersten Jahren sind sie die absolut wichtigste Bezugsperson. Das Kleinkind fühlt sich noch eins mit der Mutter und entdeckt erst mit drei oder vier Jahren, dass es ein eigenes, unabhängiges Wesen ist. Die Liebe der Mutter gibt dem Kind die nötige Sicherheit, unabhängig ob Junge oder Mädchen. Aber während Mädchen sich schon früh in sozialen Kontakten ausprobieren, sind bei vielen Jungen tiefere Bindungen zur Mutter zu beobachten, vielleicht auch, weil die Mütter dazu tendieren, den männlichen Nachwuchs mehr zu verwöhnen oder unbewusst von sich abhängig zu machen.

Erst zwischen 8 bis 12 Jahren gewinnt der Vater gegenüber seinen Kindern an Einfluss. Für die Jungen wird er zum Vorbild für Zielstrebigkeit, Erfolg und Männlichkeit. Für die Mädchen wird er der erste Trainingspartner für ihre weiblichen Verführungskünste. Ehe man(n) es sich versieht, sind die Weichen für das spätere Leben gestellt: Die Jungs müssen sich dem Vater gegenüber beweisen und der Mutter gegenüber gehorsam sein. Die Mädchen lernen, den Vater zu betören und sich von der Mutter abzugrenzen.

In einer klassischen Männergesellschaft fällt es den Männern noch leicht, sich selbst zu belügen. Als von der Mutter verwöhnter Macho wachsen sie in die Rolle des Ernährers und Stammhalter hinein. Sie suchen sich eine möglichst verführerische Frau, die ihnen zu Füßen liegt und sich um die Kinder kümmert. Über allem thront die unanfechtbare Mama, die in der Familie (heimlich) das Sagen hat und ihm in dem Glauben lässt, ein echter Mann zu sein.

Durch die Jahre der Emanzipation und die Antibabypille ist dieses Bild aber gewaltig ins Wanken geraten. Viele Frauen geben sich heute nicht mehr mit der Hausfrauenrolle zufrieden, sie verdienen ihr eigenes Geld, entscheiden, wer der Vater ihrer Kinder sein soll und wann es soweit ist. Die Frauen sind in den letzten 40 Jahren viel unabhängiger und selbstbewusster geworden und viele sehen es nicht mehr ein, dem Mann noch etwas vorzuspielen.

Der klassische Macho hat ausgedient. Mit seinem oberflächlichen Imponiergehabe kommt er bei starken Frauen nicht mehr an. Und die Verunsicherung unter den Männern ist groß. In tiefer Abhängigkeit von dem Wohlwollen der Mutter erzogen fehlt es ihnen an Vorbildern echter Männlichkeit. Sofern die Familie noch intakt ist, erleben sie den Vater nicht selten als gehetztes Arbeitstier, das vorrangig mit der Absicherung des materiellen Familienstatus beschäftigen ist. Aber ist es das, was die Frauen vom Mann erwarten? Wie Herbert Grönemeier in seiner zeitgeistigen Männerhymne müssen wir uns fragen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Ich selbst musste jahrelang schmerzliche Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht machen, um mir diese Frage halbwegs befriedigend beantworten zu können, denn das Verhalten der Frauen scheint uns Männern selten logisch. Einerseits suchen sie den zuverlässigen Familienvater, dem sie vertrauen können, der nur für sie und ihre Kindern da ist und ihnen eine sichere Zukunft gibt. Andererseits fühlen sie sich vom attraktiven aber windigen Liebhaber angezogen, der ihnen erotische Abenteuer und attraktive Gene für den Nachwuchs verspricht.

Diesen Zwiespalt können wir Männer nicht erfüllen, solange wir noch glauben, den moralischen Ansprüchen unserer Mütter gerecht werden zu müssen. Als folgsam dressierte "Muttersöhnchen" sind wir vielleicht brauchbare Ernährer, aber von Frauen auf lange Sicht nicht wirklich ernst zu nehmen. Da hilft kein aufgesetztes Machogehabe, auch wir Männer müssen uns emanzipieren, unser männliches Selbstbewusstsein entwickeln, um zu verstehen, wie man(n) Frau glücklich machen kann:

Sexuelle Souveränität. Nichts ist für eine Frau anziehender als ein erfahrener Liebhaber, der sich von der überholten Moral seiner Eltern befreien und in der sexuellen Erfahrung seine Männlichkeit entwickeln konnte. An dessen zwangloser Gelassenheit und seinem zufriedenen Charme erkennt die Frau den souveränen Liebhaber, der sie berührt ohne aufdringlich zu werden, der sie lockt, aber sie entscheiden lässt. Wer dagegen in zwanghafter Bedürftigkeit um ihre Zuneigung buhlt, wirkt hilflos, unerfahren und abschreckend.

Willensstärke und Standhaftigkeit. Ganz gleich wie emanzipiert eine Frau ist, tief in ihrem Inneren sucht sie einen starken mindestens gleichberechtigten Partner. Auch wenn sie immer versuchen wird, uns Männer von sich abhängig zu machen, Respekt und Achtung entwickelt sie erst, wenn der Mann sich ihrem Willen widersetzt und seinen eigenen Standpunkt vertritt. Zum Mann werden heißt also in erster Linie, sich aus den (mütterlichen) Fängen zu befreien, um auch die eigenen Bedürfnisse zu leben und sie auch gegen den Widerstand der Frau durchzusetzen. Wer die leibliche Mutter durch eine Frau ersetzt, aber noch das gehorsame Kind bleibt, macht sich selbst zum gehorsamen aber letztendlich verachteten Lakaien.

Zielstrebiger Realismus. Der Emanzipation zum Trotz sind die Männer im Rollenspiel der Geschlechter noch immer die Hauptverantwortlichen für die finanzielle Sicherung der Familie. Aber selbst für finanziell gänzlich unabhängige Frauen bleiben die Entwicklungsbereitschaft des Mannes und seine realistische Lebenseinstellung wichtige Argumente bei der Partnerwahl, weil die Frau gern auf die langfristige Verbesserung der Lebensgemeinschaft baut. Der Erfolg des Mannes, dessen verantwortungsbewusster Umgang mit Geld und seine Art und Weise, wie er Krisen meistert, sind entscheidende Kriterien, sich für einen Partner zu entscheiden. Männer, die viel versprechen, was sie auf Dauer nicht halten können, werden schnell als Blender entlarvt. Und wer in der Krise ausschließlich auf die mütterlichen Gefühle seiner Partnerin baut, darf sich nicht wundern, wenn er in ihren Augen an Attraktivität verliert.

Letztendlich werden wir zum Mann, wenn wir alle Formen der Abhängigkeit überwinden lernen und zu uns stehen, ohne die vielseitigen Bedürfnisse unserer Partnerin zu vernachlässigen. Das brauch nicht nur viel Erfahrung, sondern auch eine gehörige Portion Einfühlungsvermögen – womit nicht Anpassungsfähigkeit gemeint ist – und Selbsterfahrung!

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