CIT-Consult Emotion-Blog

Mut zum Risiko: Vertrauen ins Leben

28.04.2014 von: Michael Blochberger

Genau 17 Jahre ist's her, dass meine hochschwangere Frau und ich unseren Osterurlaub erstmals auf der kanarischen Insel La Palma verbrachten. Mit der Gründung von CIT am 1. April des Jahres und der bevorstehenden Geburt unseres Sohnes waren wir gerade dabei, unser Leben neu auszurichten. Offen und unbeschwert ließen wir uns damals auf ein Abenteuer ein, für das wir bis heute von vielen Freunden für verrückt erklärt werden.

Wie kann man ein Grundstück in einem Land erwerben, dessen Sprache man nicht spricht? Wie verrückt muss man sein, dort ein Ferienhaus zu bauen, ohne die Gesetze und Bauvorschriften zu kennen? Woher nimmt man den Mut, ein solches Wagnis einzugehen, ohne Garantien und Sicherheiten? Was kann eine kleine Insel im Atlantik bieten, dass man sie anderen traumhafte Urlaubszielen in der Welt vorzieht?

Subtropisches Klima in purer Natur

Schon als Kind liebte ich es, unbeschwert in der Sonne zu spielen, feuchten Sand und lauen Wind auf meiner Haut zu spüren. Kratzige Kleidung, schweres Schuhwerk, winterliche Temperaturen, Maßregelung und Gängelei zählen zu meinen frühesten negativen Erinnerungen. Welch hohen Stellenwert dieses Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Freiheit für mich besitzt, wurde mir erst viele Jahre später, während meiner Trainerausbildung, bewusst.

Aber schon zur Studentenzeit, während meines ersten Urlaubs auf den kanarischen Inseln, habe ich das ganzjährige sommerliche Klima als totale Befreiung empfunden: Weihnachten leicht bekleidet auf der Terrasse frühstücken zu können, das war für mich der Inbegriff von Unbeschwertheit und Entspannung. Die frische Seeluft auf der Haut, den Blick übers Meer schweifen lassen, Herz und Körper spüren auf der Wanderung durch die Berge, das gab mir tiefe sinnliche Befriedigung.

Damals entstand mein Traum, irgendwann einmal auf den Kanarischen Inseln ein zweites Standbein aufzubauen. Nur dauerte es noch Jahre, bis ich eine Partnerin fand, die dieses Klima ebenso liebte und ähnliche Vorstellungen hatte.

Ostern 1997 landeten wir eher zufällig auf La Palma und unserer beider Träume wurden gemeinsam lebendig. Wetter und Klima zeigten sich von ihrer besten Seite, wir eroberten diese unwirkliche Insel im Mietwagen und lernten deren Vielfalt in allen Fassetten kennen: Die wenigen Touristenstrände und die einsamen Buchten an der Steilküste. Schroffe Vulkankegel und ausgewaschene Barancos. Gewaltige Bananenplantagen und blühende Obstgärten. Riesige Kiefernwälder und oberhalb der Baumgrenze der Kraterrand der Caldera mit seinen futuristisch anmutenden Observatorien.

La Palma ist wie ein kleiner Kontinent, der viele Klimazonen auf engstem Raum vereint: Während in einem Teil der Insel strahlender Sonnenschein herrscht, kann andernorts ein Unwetter toben. Während die Urlauber am Strand in der Sonne braten, kann es auf den höchsten Bergen schneien. La Palma ist eine Insel der Kontraste, voller natürlicher Attraktionen, ein Eldorado für Extremsportler, Wanderer, Biker, Gleitschirmflieger und Wassersportler. Ein Insel für Individualisten ohne Massentourismus. Oder wie eine Touristin es auf den Punkt brachte: "La Palma ist beeindrucken schön, aber nix für Weicheier."

Mit Selbstvertrauen wird Mut zur Herzenssache

1997 war für uns eine Wendemarke im Leben: Eine neue Firma gegründet und ein neues Familienmitglied im Anmarsch. In dem Gefühl, den richtigen Weg zu gehen, waren wir offen für alles, was kommen sollte. La Palma war für uns wie ein Symbol für einen alternativen Lebensstil: Die einfache, spanische Lebensart, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Palmeros, das beziehungsfördernde, stressreduzierte Arbeitstempo und uns bis dahin unbekannte Frische und Qualität der Lebensmittel machten uns die Entscheidung leicht.  

Natürlich sahen wir auch die Risiken: Unsere mangelnden Sprachkenntnisse, die für uns irritierende Willkür mancher spanischer Behörden und Institutionen, das gewöhnungsbedürftige Gesundheitswesen und die geringen Aussichten, hier seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch viele Zweifel wurden zerstreut. Aufgrund des hohen Anteils an deutschen Auswanderern existierte eine perfekte, deutsche Infrastruktur: Ärzte, Makler, Steuerberater, Versicherungsvertreter, eine Vielfalt von Handwerkern, Bäckern, Fleischern oder Gärtnereien gaben uns das Vertrauen, auch mit wenig Geld, ein angenehmes Leben führen zu können.

Viele der hier ansässigen Deutschen strahlten eine Zufriedenheit und Bescheidenheit aus, die all unsere Zweifel in Luft auflöste. Die meisten, die wir kennenlernten, hatten Deutschland verlassen, um dem deutschen Leistungsdruck, einer gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Krise zu entfliehen und auf La Palma einen Neustart zu wagen. Sie zeigten eine solche Liebe zu ihrem Beruf, ein solch engagierten Pragmatismus, dass sie für mich und viele andere Menschen in Deutschland als Vorbild dienen können. So wurde La Palma auch für uns zu einer realen Alternative.

Ich bin da zuhause, wo Menschlichkeit und Liebe herrscht

Wenn wir Angst vor Veränderung haben, dann meist, weil wir fürchten, etwas zu verlieren: finanzielle Sicherheit, Freunde, Familie oder soziale Bindung.

An das Fehlen finanzieller Sicherheit waren wir in der Selbständigkeit gewohnt. Durch unsere persönliche und familiäre Entwicklung hatten wir uns bereits von alten Abhängigkeiten und falschen Freunden verabschiedet. Zunehmend ging mir aber die Falschheit, der Materialismus und der Statusdünkel in unserem sozialen Umfeld auf die Nerven.

Was wir in Deutschland oft vermissten, fanden wir zunehmend in unserer zweiten Heimat: Naturverbundenheit, Einfachheit, Bescheidenheit und Bewusstheit, nicht nur unter Auswanderern, sondern auch unter Touristen. La Palma ist eine Insel für Individualisten. Wer hierher kommt, hat seinen eigenen Willen und sein eigenes Weltbild, das eher von Natürlichkeit als von Status beherrscht wird. Es ist nicht immer leicht, mit diesen Menschen umzugehen, viele sind dickköpfige Eigenbrötler oder sensible Außenseiter. Aber ich führe in der Zeit, die ich auf der Insel verbringe, selbst mit wildfremden Menschen auf Anhieb tiefsinnige und reflektierte Gespräche, während es in Deutschland oft nur noch um Karriere, Geld oder Konsum geht.

Auch mit den Spaniern erlebten wir immer wieder glückliche Momente der Hilfsbereitschaft und Verbundenheit: bei handwerklichen Problemen, im Zusammenhalt gegenüber Behörden oder in der liebevollen Zuwendung gegenüber unserem (blonden!) Sohn. Besonders der Kontrast zwischen südländischer Kinderliebe und der weitverbreiteten Kinderfeindlichkeit in Deutschland wirft bei "jungen" Eltern wie uns die Frage auf: Was läuft in Deutschland falsch? Oder: Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen?

Love it, change it, leave it

In solchen Momenten fällt mir der schlaue Spruch ein: "Love it, change it or leave it!" Und er beantwortet mir die Frage, warum ich in Deutschland nicht wirklich lebe aber noch gern arbeite. Je öfter ich auf der Insel weile, desto schwerer fällt es mir, mich in Deutschland wohl zu fühlen. Ich hätte schon längst das Weite gesucht, wenn ich nicht noch das Bedürfnis in mir spüren würde, in Deutschland etwas verändern zu wollen.

Meine Trainings sind die Momente, in denen ich weiß, wofür ich das tue. Diese Trainings sind auf deutsche Führungskräfte für die deutsche Arbeitswelt zugeschnitten und haben zum Ziel, Emotionale IntelligenzResilienz und Führungskompetenz zu entwickeln, um unsere Arbeitswelt menschlicher zu machen. Aber ich trainiere auch unter der südlichen Sonne La Palmas zu eher privaten Themen. Nicht immer, aber immer öfter.

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