CIT-Consult Emotion-Blog

Empathie als Kraft der Transformation

22.01.2014 von: Michael Blochberger

Einer meiner ersten Kunden war Geschäftsführer einer Importfirma. Wir waren politisch selten einer Meinung, aber durch sein breites Wissen war er mir lange Zeit ein väterlicher Mentor. Nach seiner Pensionierung, wenige Jahre nach dem Mauerfall, erschütterte mich dieser erzkonservative Mann mit dem Satz: "Mit dem Untergang des Sozialismus ist die Welt aus dem Gleichgewicht geraten. Solange wir keine neuen politischen Ideale finden, wird sich der Kapitalismus zu einem Raubtier entwickeln, das seine Menschen frisst."

20 Jahre später geht mir dieser Satz nicht aus dem Kopf und unsere Welt steht mit dem Rücken zur Wand:

  • Die Globalisierung des Kapitalismus führt weltweit zu Kriegen, Hungersnöten und Katastrophen.
  • Weltweite Finanzkrisen fressen die Ersparnisse der Anleger, damit Banken und Spekulanten noch reicher werden können.
  • Die Politik ist nur noch damit beschäftigt, die Folgen von Krisen abzufedern und verliert zunehmend ihre Entscheidungs- und Gestaltungskompetenz.
  • Die zwanghafte Effizienzsteigerung in der Wirtschaft überfordert die Menschen und treibt sie in Krankheit und Burn-out.
  • Gesundheits- und Rentensystem sind den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen und kämpfen ums eigene Überleben.
  • Die gesellschaftliche Solidarität löst sich durch wachsende Einkommensunterschiede, Egoismus, Geldgier und Statusdenken auf.

Diese Liste ließe sich endlos erweitern, auf nahezu allen gesellschaftlichen Ebenen stoßen wir an die Grenzen des Systems. Wir versuchen, ehemals bewährte Strukturen und Institutionen den veränderten Bedingungen anzupassen. Aber weil wir das Problem nicht bei der Wurzel packen, schinden wir nur Zeit bis zur nächsten Krise. Wir versuchen etwas zu reformieren, was auf lange Sicht nicht zu retten ist. Statt unsere Zeit und unseren Wohlstand zu nutzen, um im großen Stil dieses überholte System zu transformieren und etwas Neues zu schaffen, vergeuden wir die Ressourcen damit, Löcher zu stopfen.

All diese kleinen Reformen kosten Geld, das der Staat sich vom Bürger zurückholen muss. Je länger wir versuchen, unser System zu retten, desto mehr müssen die Schwachen darunter leiden: Die Sozialleistungen werden gekürzt, Abgaben und Steuern werden erhöht, die Staatsschulden und deren Zinslasten steigen weiter und durch die niedrigen Zinsen wird der Sparer langsam enteignet. Von Jahr zu Jahr fallen mehr Deutsche unter die Armutsgrenze, die Schere zwischen arm und reich wird immer weiter.

Noch härter sind die Folgen weltweit. Jede Reform in Europa bringt mehr Elend in die Entwicklungsländer. Wir finanzieren unseren Wohlstand durch Kinderarbeit, Hungersnöte, Naturkatastrophen, mit Hilfe totalitärer politischer Systeme. Die Zahl der kriegerischen Auseinandersetzungen steigt weltweit, denn wer nichts mehr zu verlieren hat, dem sind alle Mittel recht. Und die Krisenherde rücken näher: Ägypten, Syrien, Türkei, Ukraine. Es gärt in Griechenland und Spanien. Wenn die finanziellen Mittel der EU knapp werden, haben wir den Bürgerkrieg auch in Europa.

Mut zur eigenen Überzeugung und Verantwortung

Natürlich sind das alles gesellschaftliche Probleme, die wir als Einzelne nicht lösen können. Aber wir können anfangen, uns der Zusammenhänge bewusst zu werden, uns eine eigene Meinung dazu zu bilden und sie unseren Mitmenschen gegenüber zu vertreten. Wenn wir unser Leben weiterhin in Freiheit und Sicherheit führen wollen, müssen wir Verantwortung übernehmen. Das heißt, nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen, den Kopf einziehen, wenn es kritisch wird, sondern Zivilcourage zeigen. Das beginnt damit, dass wir bei Übergriffen randalierender Jugendlicher Einfluss nehmen und endet nicht damit, auch unserem Chef gegenüber eine eigene Meinung zu vertreten, nicht aus Opposition sondern aus persönlicher Überzeugung heraus. Als Angestellter ist es meine Pflicht, mich für meine Firma zu engagieren, aber ich trage auch die Verantwortung für meine Gesundheit. Wenn in der Organisation etwas falsch läuft, sollte ich das zum Thema machen dürfen. Jeder hat das Recht, sich zu wehren, wenn er zum Opfer schlechter Führung oder falscher Organisation wird. Das fördert Klarheit, Ehrlichkeit und Selbstbewusstsein.

Erst Fühlen dann Handeln

In meine Trainings kommen viele Leistungsträger und Führungskräfte, die an ihre Grenzen gestoßen sind. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Körperwahrnehmungen und Gefühle zu benennen, sie können nichts mehr riechen, leiden unter Tinnitus oder anderen psychosomatischen Symptomen. Statt zuzuhören, wahrzunehmen, zu hinterfragen oder Kreativität zu entwickeln, rennen sie los wie blind, weil sie trainiert sind, unter Zeitdruck schnellstmöglich zu handeln. Die Qualität einer Lösung ist im heutigen Berufsalltag scheinbar zu einer weitgehend vernachlässigten Größe geworden.

Jeder von uns sollte sich im Beruf die Zeit nehmen, die Ursachen eines Problems zunächst zu hinterfragen, ein Projekt in seiner Gesamtheit zu durchdringen und sich nicht im Aktionismus zu verrennen. Das funktioniert nur, wenn ich mir Zeit lasse, das Thema zu erfühlen. Sicherer als unser Verstand, der gar nicht alle Informationen gleichzeitig verarbeiten kann, und viele trügerische wissenschaftliche Berechnungen ist das Vertrauen in unser Körpergefühl. Wir müssen lernen, auch unter Stress und Leistungsdruck Abstand zu gewinnen, den Überblick zu bekommen und hin zu fühlen. Wenn ich Vertrauen zu meinem Körper entwickelt habe, kann ich fühlen, was das Beste ist. Wenn ich mich intensiv genug mit einer Aufgabe auseinandergesetzt habe, liefert mir meine Intuition die Lösung. Das hilft, Fehler zu vermeiden und Ressourcen zu sparen, denn die meiste Zeit verlieren wir durch unnütze Arbeitsvorgänge und falsche Entscheidungen.

Mehr Unabhängigkeit und Bescheidenheit

Stress ist die Folge unverarbeiteter und unbewusster Ängste. So erlebe ich zahlreiche Manager als Getriebene. Sie haben Angst, ihre Vorgaben nicht zu erreichen, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein oder bei Ausbleiben des Erfolgs ihren Job zu verlieren. Gleichzeitig haben sie sich alle an ihr hohes Einkommen, ihren Status oder ihren Dienstwagen gewöhnt. Der hohe Lebensstandard gibt ihnen aber keine echte Sicherheit. So hetzen sie von Projekt zu Projekt und verlieren den Sinn ihrer Arbeit aus den Augen.

Die Mehrheit unserer Gesellschaft hat den materiellen Wohlstand in den Mittelpunkt des Handeln gestellt. Je weniger Liebe, Vertrauen und Wertschätzung wir erfahren, um so mehr müssen wir diese Defizite durch materielle Erfolge und Karriere kompensieren. Je mehr wir arbeiten, desto weniger Zeit bleibt uns aber zu leben, fühlen und genießen. Um unser Selbstwertgefühl aufzuwerten, begeben wir uns in Abhängigkeiten von Status und Konsum und damit in die Hände anderen: Arbeitgeber, Kunden und Banken entscheiden über unser Leben, unser Glück und unsere Ängste.

Jeder kann seinen Anteil dazu beitragen, die Überbewertung des Materiellen in unserer Gesellschaft abzubauen, indem er sich von materiellen Zwängen so weit wie möglich befreit. Das heißt, lieber Konsumverzicht und Bescheidenheit zu pflegen als Kredite oder Leasingverträge für Konsumgüter abzuschließen. Je sparsammer wir sind, desto größer kann der Anteil unseres Einkommens sein, den wir möglichst steuervergünstigt investieren, um uns als Sicherheit zu dienen: wertsteigerndes Eigentum, Immobilien oder steuervergünstigte Anlagen. Alles, was die Fixkosten senkt, dient der Unabhängigkeit, alle finanziellen Verpflichtungen aber schüren Stress und Angst.

Der Mensch im Fokus empathischer Führung

Die Zeit der hierarchischen Führer unter dem Motto: "Ich bin der Chef und du folgst mir" geht dem Ende entgegen. Um eine neue Form der Führung zu etablieren brauchen wir aber eine neue Form des Bewusstsein in Wirtschaft und Personalentwicklung: Statt Umsatz und Leistungsgrößen muss der Menschen und seine Potenziale in den Mittelpunkt der Führung rücken. Was wir benötigen, sind Führungskräfte mit Sozialkompetenz, die zuhören können, den Wert ihrer Mitarbeiter erkennen, diese fördern und begeistern und dort einsetzen, wo sie mit Freude ihre Qualitäten unter Beweis stellen können. Es geht um Beziehungspflege und Identifikation, nicht um Leistungsdruck und Angstmache.

Als Führungskraft habe ich so entscheidenden Einfluss auf meine Mitarbeiter, dass ich auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leiste. Im Führungsstil präsentiere ich meine Gesinnung, mein Menschenbild und meine Persönlichkeit. Viele Vorgesetzte sind nicht mehr als Handlanger der Organisation. Was wir in Zukunft brauchen, sind authentische Persönlichkeiten, die sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen bewusst sind, die nicht andere zu Opfern ihrer eigenen Probleme machen, sondern sich Zeit nehmen, mit Empathie und Wertschätzung für sie da sind. Das erfordert mehr Selbstverantwortung, Menschenkenntnis und Persönlichkeit – Kompetenzen, deren Entwicklung auch in der Verantwortung der Personalentwicklung liegt.

Mit Gleichgesinnten vernetzen und engagieren

Jeder kann für sich etwas beitragen, um unsere Gesellschaft in eine neue Zukunft zu begleiten, aber auf uns allein gestellt bewegen wir kaum etwas. Durch das Internet und soziale Plattformen wie Facebook und Twitter haben wir aber die Möglichkeit, unzählige Gleichgesinnte zu treffen, uns zu vernetzen, zu informieren, zu solidarisieren und gemeinsam zu handeln. Noch nie war es so leicht, Einfluss zu nehmen und gehört zu werden wie heute. Um wirklich etwas zu bewegen, sollte ich aber bereit sein, die Idee über das eigene Ego zu stellen. Auch im Netz gilt es, in Beziehung zu treten mit aller notwendigen Toleranz, Empathie und Rücksichtnahme. Gerade im Netz können wir lernen, soziale Randgruppen zu verstehen und zu integrieren.

Viele werden entgegnen: Alles schön und gut, aber unser kapitalistisches System ist so erfolgreich und in der Gier der Menschen so tief verwurzelt, das können wir nicht verändern. Dem entgegne ich: Die Grünen haben bewiesen, dass es keine Mehrheiten braucht, um grundlegende Veränderung zu initiieren. Schon wenn 10 bis 15 Prozent einer Gesellschaft sich einer Idee verschrieben haben, nehmen sie Einfluss auf die Meinung der Gemeinschaft. So wie es nach Fukushima mit der Entscheidung zur Energiewende geschehen ist. Dieses Beispiel belegt aber auch, welch großen Einfluss Katastrophen auf gesellschaftliche Veränderungen haben. Noch nie hat Deutschland eine so lange Zeit ohne Krieg verbringen dürfen. Hoffen wir, dass wir lernen, die kommende Transformation wie den Fall der Mauer 1989 ohne Blutvergießen zu bewältigen.

 

Foto:R_by_anna_pixelio.de

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