CIT-Consult Emotion-Blog

Die Frage nach dem Menschsein

12.01.2014 von: Michael Blochberger

In brillanten Analysen und klaren, verständlichen Sätzen erklärt Arno Gruen in seinem Buch "Der Verlust des Mitgefühls", wie unsere lieblose, repressive Erziehung zu tiefen Verletzungen, Schmerzen, Angst, Scham und Schuldgefühlen führt und unsere Fähigkeit zur Empathie verkümmern lässt.

Anhand zahlreicher therapeutischer Fallbeispiele belegt er, dass durch die Unterdrückung des kindlichen Selbst keine eigene Identität entstehen kann. Um zu überleben, suchen wir die Identität mit dem Aggressor (Eltern, Vorgesetzte oder Politiker) und schaffen so die Grundlagen unserer Zivilisation mit allen bekannten Erscheinungen wie Perfektionismus, Depression, Burn-out, neurotisches Konsumverhalten, unterdrückte Aggression, Mobbing, bis hin zu Gewalttätigkeit und Kriminalität.

Besonders beeindruckt hat mich, dass Gruen alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wie die politische Verlogenheit, menschenverachtendes Führungsverhalten, Finanzkrisen, Kriege bis hin zum krankhaften Rassenwahn des Nationalsozialismus durch unsere zwanghafte Erziehung und die dadurch bedingte Fehlentwicklungen in der Psyche erklären kann. Auch vor der realitätsfernen Entwicklungen in Wissenschaft und Forschung macht Gruen nicht halt und demaskiert eine Welt der Blender, in der durch den scheinbaren Status der Wissenschaftlichkeit falsche Wahrheiten verbreitet werden.

Für mich ein kritisches und wichtiges Buch, das zur Selbstreflexion und Aufarbeitung der eigenen Geschichte dienen kann, aber auch aufrüttelt, unseren Kindern die Chance zu geben, sich entwickeln zu können, um in unserer kranken Gesellschaft wieder die Gefühle in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen.

Sehr lesenswert.

 

facebook twitter