CIT-Consult Emotion-Blog

Unser Leben ist die Parodie unserer Träume

21.12.2013 von: Michael Blochberger

Mit Ende 50 stellt Hartmut Hainbach sein scheinbar erfolgreiches Leben und seine Professur in Philosophie in Frage und macht sich auf die Suche zu den entscheidenden Stationen seines Lebens, um zu sich selbst zu finden:

Das Studium in den USA, die väterliche Beziehung zu seinem Doktorvater, verflossene Freunde und Partnerschaften, die nicht aufgearbeitete Beziehung zum kleinbürgerlichen Elternhaus, die Familienfeiern seiner spießigen Schwester, seine zur Wochenendbeziehung verkommene Ehe und die wachsende Distanz zu ihrer inzwischen erwachsenen Tochter sind die Szenarien, die Stephan Thome in irritierenden Zeitsprüngen zu einem faszinierenden Roman zusammenfügt.

In sinnlichen Bildern und einer treffsicheren Sprache zeichnet Thome das Leben eines nachdenklichen, verunsicherten Menschen, zwischen Sehnsucht und Selbstmitleid, dem so vieles im Leben zugeflogen ist, dass er nicht mehr weiß, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Im vielschichtigen und zwiespältigen Charakter der Hauptperson kann man ebenso sympathische wie erschreckende Züge von sich selbst entdecken: seine kindliche Selbstverliebtheit gepaart mit mutlosem Selbstzweifel, seine Sehnsucht nach bürgerlichen Werten, die im ständigen Widerspruch zur politischen Oppositionshaltung und zur intellektuellen Überheblichkeit stehen.

Im Bermudadreieck einer humorvoll-ironischen Selbstreflexion konnte ich über Hartmuts Macken immer wieder herzhaft lachen und Teile meines Selbst darin wieder entdecken. Ein Buch von sprachlicher Raffinesse, psychologischem Tiefgang und philosophischer Hintergründigkeit. Kurz, einer der besten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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