CIT-Consult Emotion-Blog

Undifferenzierte Hetze

13.11.2013 von: Michael Blochberger

Fehlende Qualitätsstandards in der Weiterbildung stellen Personalentwickler vor die schwierige Aufgabe, aus einem unüberschaubaren Angebot die seriösen und professionellen Anbieter von den zahlreichen Blendern und Autodidakten zu unterscheiden. Da kommt das "Schwarzbuch Personalentwicklung" von Dr. Viktor Lau gerade recht, das Aufklärung und vernünftige Richtlinien verspricht.

Lau fordert in seinen Ausführungen eine strikte Trennung von Personalentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung. Die Aufgaben der Personalentwicklung sieht er einzig und allein darin, das "Humankapital" zu analysieren und gewinnbringend einzusetzen. Diese Einstellung ist zwar legitim, aber wenig realistisch. In einer Zeit, in der durch steigenden Wettbewerb und Leistungsdruck immer mehr Menschen an ihre psychischen Grenzen stoßen oder im Burnout landen, liegt es vermehrt in der Verantwortung des Arbeitgebers, sich für Gesundheit und Psyche seiner Mitarbeiter zu engagieren. Weiterbildungsthemen wie Resilienz, Burnout-Prävention, Emotionale Kompetenz und Führungskompetenz werden immer die Persönlichkeit beleuchten und entwickeln helfen, wenn sie zielführend sein wollen.

Ob das Herrn Lau bewusst ist, bleibt fraglich, denn über seine Vorstellungen von vernünftiger Persönlichkeitsentwicklung lässt er den Leser völlig im Unklaren. Wenn er sich zur personalen Psychologie äußert, dann nur im klinischen und pathologischen Sinne. Was bahnbrechende Wissenschaftler wie Lowen, Frankl, Rogers, Grinder, Erickson, Satir, Watzlavick, Werner, Goleman, Roth, Hüther oder Rizzolatti zur Enttabuisierung der Psychologie beigetragen haben, wird verschwiegen oder als Modeerscheinung abgestempelt.

Dafür quält er den Leser mit einer unsäglichen Sammlung von Zitaten, mit denen er zu beweisen sucht, dass die Personalentwicklung in Deutschland von "Scharlatanen" unterwandert ist. Etablierte Methoden aus NLP, Transaktionsanalyse, Systematischer Beratung, Organisationsaufstellung, Humanistischer Psychologie und Persönlichkeitsmodelle wie DISG, INSIGHTS oder MBTI werden ohne Ausnahme als unwissenschaftlicher "Humbug" der "Managementesoterik" verteufelt, ohne zu definieren, was Esoterik für ihn bedeutet.

Schnell drängt sich dem Leser der Verdacht auf, dass hier ein Betriebswissenschaftler mit etwas abrechnet, das er nicht verstehen will: Die Entwicklung der Psychologie an sich und das steigende Bedürfnis nach Halt, Sinn und Selbstbewusstsein in einer immer hektischeren und brutaleren Arbeitswelt. Solange ich als Personalentwickler verantwortungsbewusste Trainer und Coaches einsetze, muss niemand manipuliert werden. Lehne ich diese Verantwortung aber ab und lasse den Arbeitnehmer in Krisen allein, muss ich mich nicht wundern, wenn dieser billigen, unseriösen Heilsversprechen auf den Leim geht. Was passieren kann, wenn überforderte Mitarbeiter sich Hilfe außerhalb des Unternehmens suchen, habe ich selbst an einem Fall aus meiner Beratungstätigkeit beleuchtet.

Lau's wissenschaftlicher Stil (744 Fußnoten auf 284 Seiten) steht in erschreckendem Gegensatz zur Aggressivität seiner Sprache: Was die von ihm zitierten Psychologen, Therapeuten und Coaches schreiben, bezeichnet er pauschal als "Mummenschanz", "Unsinn", "küchentischpsychologische Trivialitäten", "esoterische Floskeln", "Stammtischparolen", "Gymnasiasten-Geschwafel" und scheut sich auch nicht davor, spirituelle Autoren mit nationalsozialistischem Gedankengut in Verbindung zu bringen.

Wer 266 Seiten voller hasserfüllter Pauschalurteile ertragen hat, findet im letzten Kapitel ein enttäuschendes "Plädoyer für vernünftige Personalentwicklung". Auf ganzen 17 Seiten weiß Lau nichts Neues zu sagen, bis auf eine kurze Ausführung über das "Vertrauen" als "Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität" – für mich die einzige Passage, in der ich den Autor und seinen guten Willen erkennen kann. Nur, wie soll Vertrauen entstehen zwischen Mensch und Organisation, wenn ich diffamiere statt aufzuklären?

Eine seriöse, psychologisch differenzierte Abhandlung über die Schnittstellen von Personalentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung wäre wünschenswert gewesen. Diese Chance hat Viktor Lau leider vertan. So bleibt das Buch selbst ein Beleg dafür, dass der Verstand die Psyche nicht dominieren kann, solange sie von Hass oder anderen destruktiven Gefühlen beherrscht wird.

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