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Thunfischsteak mit Folgen

11.07.2013 von: Michael Blochberger

Wie ein Thunfischsteak auf Teneriffa ein ganzes Leben verändern kannWährend meiner Studienzeit lud mich ein Freund in das Ferienhaus seines Onkels auf die Kanareninsel Teneriffa ein. Da ich noch nie zuvor auf einer subtropischen Insel gewesen war, freute ich mich darauf, einen kostengünstigen Urlaub in der Sonne verbringen zu können. Kurz vor Weihnachten bestiegen wir mit unseren Freundinnen den Flieger – nichtsahnend, welch tiefgreifende Eindrücke uns erwarten sollten.

Wir wohnten in einem wunderschönen Ferienhaus am Rande einer Bananenplantage, unweit der wachsenden Touristenhochburg Playa de las Americas. Morgens genossen wir unser ausgiebiges Frühstück auf der idyllischen Sonnenterasse mit Blick aufs blaue Meer, nachmittags erkundeten wir die wilde Landschaft der Insel und wenn uns danach war, fuhren wir zum künstlich angelegten Strand von las Americas, um baden zu gehen.

So lebten wir täglich im Kontrast zwischen einer entspannten, südländischen Lebensart und dem hektischen Trubel des Massentourismus. Bald waren wir die schlechten Restaurants und grölenden Saufgelage im Tourizentrum leid und erkundigten uns bei Einheimischen nach Gelegenheiten, die echte spanische Küche kennenzulernen. Empfohlen wurde uns ein Kiosko in der kleinen Hafenstadt Los Christianos. Also machten wir uns auf den Weg zu dem Fischerdorf und entdeckten die kleine Bar in der Nähe des Hafens. An der Theke saßen die Hafenarbeiter in ihren öligen Klamotten, um nach der Arbeit ihren Vino zu trinken.

Ich erinnere mich noch gut an meine Unsicherheit und das Gefühl zu stören, aber unser Hunger war so groß, dass wir an einem der drei kleine Tischchen Platz nahmen, die an der Wand des schmalen Raumes aufgestellt waren. Die abgegriffene, handgeschriebene Speisekarte war schon wenig vertrauenserweckend, aber noch übler war der Blick in die winzige fettige Kochnische, in der auf einem zweiflammigen Gasherd eine einzige große Bratpfanne erhitzt wurde.

Wir nahmen unseren Mut zusammen und versuchten, mithilfe des Wörterbuches die fünf angebotenen Speisen zu entziffern. Ich entschied mich für Thunfisch, weil das das einzige war, was wir zweifelsfrei entschlüsseln konnten. Ein mürrischer Spanier mit schmutziger Schürze nahm unsere Bestellung entgegen und wenig später begann dieser in der Nische zu hantieren, warf etwas Dunkles in die bereits glühende Pfanne und brachte uns Gläser, Brot und eine offene Flasche Rotwein ohne Etikett.

Als unsere Teller kamen, machten wir noch Witze, aber wir wurden in unserer Überheblichkeit peinlich berührt, als wir unsere Speisen kosteten. Ich hatte noch nie zuvor ein Thunfischsteak probiert, aber das was dort auf meinem Teller lag, schlug alles was ich je zuvor gegessen hatte: außen knusprig angebraten mit viel Knoblauch und Kräutern gewürzt, innen zart und saftig zerfiel es auf der Zunge. Der pure Genuss ohne Beilage und Schnickschnack, aber in einer Frische, die ich nicht kannte. Fast sprachlos genossen wir unser Essen, als ein Spanier an der Theke Volkslieder auf seiner Gitarre anstimmte und uns auch akustisch in seiner Heimat begrüßte.

Zum Abschluss dieses beeindruckenden Abends freuten wir uns noch über die unfassbar niedrige Rechnung, als ob es uns noch bewiesen werden müsste, dass Lebensqualität keine Frage des Geldes ist. Ohne dass es mir damals bewusst war, wurde an diesem Abend meine Sehnsucht nach der Einfachheit und Echtheit südländischer Lebensart geboren, die mich nie mehr loslassen sollte.

30 Jahre später komme ich wieder nach Teneriffa und suche die Orte meiner jugendlichen Impressionen auf. Die Bananenplantagen am Ferienhaus sind einer Ferienanlage gewichen, Playa de las Americas ist inzwischen eine heruntergekommene Betonstadt mit riesigen Bauruinen und Los Christianos ist nicht wiederzukennen: Aus dem einstigen Fischerdorf ist eine Großstadt mit unzähligen Hotels und Hochhäusern geworden. Vergeblich ziehe ich durch die Straßen, auf der Suche nach der kleinen Bar mit den drei Tischen. Dort wo ich sie zu finden glaubte, steht heute ein mehrstöckiges Hotel mit großzügigem Restaurant.

Voller Wehmut denke ich an die Geburtsorte meiner Träume und Visionen zurück, die dem Tourismus und Kommerz zum Opfer gefallen sind. Auch ich bin ein Teil des Systems, das dafür sorgt, dass das Ursprüngliche und Natürliche den falschen Idealen und touristischen  Standards immer weiter weichen muss. Aber ich habe eine neue Insel entdeckt, die sich bisher erfolgreich gegen den Massentourismus wehren konnte.

Ich gehe zum Hafen und löse eine Fährfahrt zur Nachbarinsel La Palma, wo ich das wiedergefunden habe, was ich vor vielen Jahren auf Teneriffa lieben lernte: Das  befreiende Klima eines ganzjährigen Sommers. Diesen Überfluss an unbändiger Natur. Diese tiefe innere Ruhe, wenn man seinen Blick über die Weite des Ozeans schweifen lässt. Und Menschen, die das einfache Leben zu genießen wissen.

Auf La Palma habe ich auch diese Kioskos in Hafennähe wiedergefunden, in denen der frische Fisch knusprig gegrillt auf den Tisch kommt.  Die Preise haben sich verdreifacht, die Tische vervielfacht und die Speisekarten sind inzwischen mehrsprachig. Aber der Genuss des frischen Fisches entschädigt für Vieles. Hier gewinne ich Distanz zu negativen Energien und falschen Idealen und kann zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zurückfinden.

Coaching-Urlaub auf La Palma

Foto: Peter Smola/pixelio.de

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