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Philosophie und Führungsverantwortung

29.06.2013 von: Michael Blochberger

Er studierte Philosophie. War Deutscher Hochschulmeister im Boxen. Begann seine berufliche Laufbahn bei Google. Heute ist er Personalleiter eines IT-Unternehmens, Coach und Herausgeber des Blog "Geist und Gegenwart": Gilbert Dietrich im Interview über sich und sein Verständnis von Führung und Persönlichkeitsentwicklung.

Wie kam es dazu, dass du nach dem Philosophiestudium in Berlin und Rhode Island/USA deine berufliche Karriere bei Google in Irland begonnen hast?

Das lag vor allem daran, dass ich neben dem Studium schon immer Projekte im Netz gemacht habe und dann auch in der Uni mit XML und ähnlichen mark up languages mit Literatur gearbeitet habe. Wir wollten [an der Uni] den Offline/Online-Graben zwischen Literatur und digitalen Medien überbrücken. Eine Professorin hatte mich dabei ganz erheblich gefördert und in ein XML-Projekt an der Brown University gebracht. Mit dieser digitalen Medienkompetenz im Gepäck hatte ich mich bei Google aktiv beworben. Damals brauchten sie Deutsche fast nur für AdWords und sie waren nicht so überzeugt davon, dass ich mich für Werbung eigne. Ich bin aber stur geblieben, habe in irischen Hostels geschlafen und stand immmer wieder bei Google vor der Tür, bis sie mich reingelassen haben. Sie hatten dann etwas mit XML-Feeds im Bereich der Produktsuche für mich gefunden. Also habe ich das erste Jahr fast nur solche maschinenlesbaren Feeds entschlüsselt.

Heute bist du Personalchef eines großen IT-Unternehmens in Leipzig. War das für dich eine logische, kontinuierliche Entwicklung oder gab es entscheidende Brüche oder Wendemarken in deiner Biografie, die dich dazu gebracht haben, diesen Weg zu gehen?

Eigentlich habe ich alles meiner Professorin zu verdanken, ohne die ich nicht in die USA gekommen wäre. Denn ohne das wäre ich nicht in Google reingekommen und dort habe ich eben nach den ersten beruflichen Schritten immer mehr mit dem Team-Management und mit HR-Prozessen zu tun bekommen. Das hat mich gereizt und ich habe eine Coachingausbildung gemacht. Das alles zusammen hat mich am Ende in die Richtung Personalmanagement gebracht. Da bin ich sehr froh drüber, denn hier treffen sich die für mich interessannten wirtschaftlichen und menschlichen Aspekte.

Was ist deine Philosophie in deiner Aufgabe als Personalleiter und Personalentwickler eines jungen, dynamischen Unternehmens?

Ich habe da keine Philosophie. Ich habe Meinungen, Erfahrungen und Ansichten, auch ein Gefühl von dem, was richtig ist. Generell bin ich eher ein intuitiver Vorwärts-Mensch. Ich versuche Menschen und Verbesserungen nach vorne zu bringen und halte nichts vom ewigen Rumheulen und Beschweren. Da verliere ich die Geduld. Es gibt immer was zu meckern und zu vielen Menschen reicht das aus, sie geben sich damit zufrieden zu meckern, anstatt etwas nach vorne zu bringen.

Ich glaube prinzipiell daran, dass Menschen souverän und eigenverantwortlich handeln sollen. Leider konterkarieren viele Prozesse in den meisten Firmen das total. Anstatt die Mitarbeiter wie Erwachsene zu behandeln, werden sie kontrolliert, gegängelt und gemaßregelt. Und dann wundert man sich, dass es wie in einem Kindergarten ist und jeder nur nach seinem Ausgang aus der Maschine sucht. Jeder kann ein Auto kaufen, Kinder erziehen und wählen gehen, aber niemandem trauen wir zu, eigenverantwortlich zu entscheiden, wann sie ihre Aufgaben erledigen können und wie viel Zeit sie dazu benötigen.

Bei meinen Entscheidungen lasse ich mich also von solchen Konzepten wie Selbstverantwortung, Verbesserung und Entfaltung leiten. Ich denke aber, dass wir gerade in Deutschland noch einen weiten Weg vor uns haben. Mein Eindruck ist, dass moderne US-Firmen wie zum Beispiel Google da schon viel weiter sind. Dort wird ganz genau auf Eigenverantwortung, Feedback, Kommunikation und Weiterentwicklung geachtet. Das fehlt mir in Deutschland.

Wie wichtig ist dir die Identifikation der Mitarbeiter mit Team und Organisation und was tust du dafür?

Da bin ich mir unschlüssig. Es ist auch ganz doll abhängig von der Persönlichkeitsstruktur eines Mitarbeiters, ob er oder sie eine starke Identifikation mit dem Arbeitgeber benötigt. Ich selbst brauche das nicht so sehr. Es muss einige positive Anknüpfungspunkte geben, das muss aber nicht in Identifikation münden. Auch ein starker Zusammenhalt im Team kann so ein Punkt sein. Für andere ist die konkrete Aufgabe wichtig, zu der sie jeden Tag zurück möchten, von der sie manchmal nicht einmal nachts die Finger lassen können. Es geht also um Sinnzusammenhänge und die können auf ganz verschiedene Weisen erzeugt werden. Identifikation kann dabei sicher helfen und ich finde, dass es jedem Unternehmen gut zu Gesicht steht, dafür zu sorgen, dass Identifikation möglich ist.

Ganz wichtig dabei ist Komunikation und das gemeinsame Feiern von Erfolgen, aber auch das Zusammenschweißen bei Misserfolgen. In Deutschland gibt es immer noch einen großen Argwohn gegenüber "zu viel" Kommunikation. Dinge sollen nicht breitgetreten werden, nur wenige sollen Zugang zu Informationen haben, weil man Angst hat, dass sonst irgend jemand etwas nach außen trägt. Durch solche Paranoia tritt man aber nur den Flurfunk los und was dann damit nach außen dringt ist viel schlechter zu managen, als positive und aktive Kommunikation mit allen Beteiligten. Als Beispiel: Ich habe bei uns im Unternehmen einen internen Blog gestartet, auf dem wir interessantes, wichtiges und erfolgreiches posten. Jeder darf kommentieren und Vorschläge bringen, am Ende auch gern selbst Artikel schreiben. So ein Blog löst nicht alle Kommunikationsprobleme, aber er sorgt dafür, dass Mitarbeiter voneinander erfahren, dass sie lernen, was andere machen und sich letztlich ein besseres Bild vom Unternehmen machen können. Dann können sie auch sehen, ob sie sich mit der Firma identifizieren können oder nicht.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeitsentwicklung in der Entwicklung eurer Führungskräfte?

Eine viel zu geringe Rolle. Ich hatte das Glück, eine richtige Führungskräfteentwicklung bei Google zu durchlaufen. Amerikanische Konzerne sind großartig in solchen Dingen. Ich hatte meinen eigenen Coach, lernte Persönlichkeitstests wie den MBTI kennen und wurde generell dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, unterschiedliche Persönlichkeiten in Teams zu erkennen, zu respektieren und ihren Eigenarten gemäß zu fördern. Ich versuche solche Aspekte heute in meiner Arbeit unterzubringen. Wir veranstalten dazu auch Workshops und natürlich spielt es eine große Rolle, wenn ich junge Führungskräfte im Unternehmen coache. Noch sehe ich die Zeit nicht gekommen, wo ich so etwas systematisch in Programme gießen kann. Man muss auch wirklich unterscheiden zwischen Konzernen mit etlichen Tausend Mitarbeitern und kleineren Firmen, denen zu solchen Programmen die Kapazitäten fehlen. Perspektivisch werden solche Aspekte aber eine immer größere Rolle spielen. Diese Saat versuche ich zu sähen.

Wie stehst du zu der Aussage von Peter Drucker "Nur wenige Führungskräfte sehen ein, dass sie letztendlich nur eine einzige Person führen können und auch müssen. Diese Person sind sie selbst."?

So aus dem Kontext genommen und unter Zugrundelegung unseres üblichen Verständnisses von "führen" ist diese Aussage natürlich quatsch. Es greift aber das auf, was ich eben schon sagte: Man muss alle Mitarbeiter als Erwachsene ernst nehmen, ihnen zugestehen, dass sie selbst wissen, was richtig ist und wie sie es erreichen. Sie sind ja keine Kühe. Man muss sie nicht führen, man muss zusammen Ziele erarbeiten, man muss transparent kommunizieren, man muss Arbeitsmittel besorgen und Hindernisse aus dem Weg räumen und für sein Team einstehen. All das macht eine gute Führungskraft heute. Das ist also fast eine Servicefunktion. Drucker hat Recht, wenn er meint, dass vielen das immer noch nicht klar ist, dass sie noch einem alten Bild des Führens einer Karawane oder eines Heeres anhängen. Solche Führungskräfte müssen sich selbst zu dieser Erkenntniss führen, dass sie eine Servicekraft sind.

Ich finde aber auch, dass man die heutigen Realitäten nicht ganz außer acht lassen kann. In vielen Firmen und Bereichen ist es Alltag und wird es lange Alltag bleiben, dass auch noch nach klassischen Vorstellungen und unter Kontrolle geführt wird. Es ist ein Kulturwechsel, der langsam beginnt. Was mir zu Führungskräften auch noch einfällt: In vielen Situationen muss heute noch irgend jemand entscheiden und die Verantwortung für diese Entscheidungen tragen. Das ist eine Führungsaufgabe und nicht jedem liegt das. Wer das aber kann, hat das Zeug zu führen. Ich denke da zum Beispiel an Obama: Der muss Entscheidungen treffen, die für Menschen Tod oder Leben bedeuten und er trifft Entscheidungen, die noch lange die Zukunft von Millionen von Menschen prägen werden. Aber er weiß, dass er zwar mit der Hilfe anderer Menschen, aber eigentlich doch nur sich selbst zu den richtigen Entscheidungen führen kann. Er ist da sehr luzide, weiß um seine Fehlbarkeit und um die Abhängigkeiten und darum, dass er sich selbst und seine Energien bewusst steuern muss, um die Fehlerquote seiner Entscheidungen gering zu halten. Das ist für mich eine moderne Führungskraft, jemand mit psychologischem Selbstverständnis.

Neben deinem Hauptberuf arbeitest du freiberuflich als Coach, bist Herausgeber des Blog "Geist und Gegenwart", bist aktiver Boxer und interessierst dich für Fotografie und Literatur. Wie bekommst du all diese Aktivitäten unter einen Hut?

Man muss sich konzentrieren und kann nicht alles machen. Ich habe Phasen im Leben. Lange hatte ich eine Fotografiephase, habe sogar für einen Akt den Jugendfotopreis von der damaligen Bundesministerin für Jugend Angela Merkel überreicht bekommen. Dann kam die Literaturphase mit einigen Preisen, Lesungen und Veröffentlichungen. Seit dem bin ich eher interessierter Begleiter, lese viel und mache alle paar Jahre die Lyrik-Zeitschrift [SIC] zusammen mit ein paar Freunden. Sport war immer mein Begleiter und Boxen ist einfach eine der aufregendsten, körperlich und psychisch anstrengendsten Sportarten. Ich liebe das Adrenalin und bin deswegen dabei geblieben. Als Coach bin ich freiberuflich immer noch nicht so aktiv, wie ich es gerne wäre, die Zeit fehlt neben der Arbeit. Aber ich coache natürlich auch auf der Arbeit und das hilft mir, da dran zu bleiben und diese Seite auszuleben.

Was möchtest du mit "Geist und Gegenwart" erreichen? Oder: Was gibt dir die Motivation für dein Engagement im Netz?

Geist und Gegenwart ist wichtig für mich, hier kann ich meine neugierige Seite ausleben, mich ausdrücken, etwas ganz allein gestalten, durch Recherche viel dazulernen und an der Philosophie dranbleiben, die mich immer noch wahnsinnig interessiert. Ich sehe es auch als Vorarbeit zu meinem späteren Projekt einer Philosophischen Praxis. Das stelle ich mir als Broterwerb und Mission in einigen Jahren vor: Anderen mit Philosophie und Coaching dabei helfen, ein gutes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Geist und Gegenwart geht schon jetzt in diese Richtung.

Welche Werte und Charakterzüge machen dich besonders aus? Wofür stehst du?

Meinen Charakter kann ich selbst kaum einschätzen, aber ich kenne meine Persönlichkeit inzwischen sehr gut, das war harte Arbeit. Und ich weiß, welchen Idealen ich mich immer weiter annähern möchte, zum Beispiel: Mut, Ehrlichkeit, Authentizität. Also das leben, von dem ich überzeugt bin, dass es nicht nur für mich, sondern für möglichst viele Menschen gut ist.

Welche Bedeutung haben Beziehung und Familie in deinem bisherigen Leben?

Hm, gute Frage! Svenja Hofert hat gerade ein Reiss Profile von mir erstellt, bei dem das Motiv Familie ganz schlecht abschnitt, also nicht existent war. Es ist so, dass ich im Moment nicht so viel Familie um mich habe. Meine Eltern leben in Berlin und ich sehe sie alle paar Wochen, die meiner Frau leben in Frankreich und Kinder haben wir noch keine. Das spielt also im Moment keine besonders große Rolle. Aber wichtig ist für mich zu wissen, dass Familie da ist, dass es ihnen gut geht und wir uns sehen können, wenn wir wollen. Als ziemlich introvertierter Mensch habe ich aber nie besonders unter geringer Häufigkeit beim Familienkontakt gelitten, die Qualität ist wichtig.

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