CIT-Consult Emotion-Blog

Zugehörigkeit – Auf der Suche nach Identität

10.06.2013 von: Michael Blochberger

Was mich antreibt ist die Sehnsucht nach ZugehörigkeitEine neue Heimat zu suchen ist Lebenstraining und Selbsterfahrung. Eine Selbstreflexion über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit – Noch heute habe ich die Bilder unserer Flucht aus der DDR in Kopf. Als sich meine Eltern mit mir und meinem kleinen Bruder im Wartburg auf den Weg in den Westen machten, war ich acht Jahre alt und der Meinung, wir würden die Oma besuchen.

Das war die offizielle Version, für die mein Vater noch eine Ausreisegenehmigung ergattert hatte, obwohl er kein SED-Parteibuch besaß. Aber schon als die DDR-Grenzsoldaten unsere Koffer durchwühlten, bemerkte ich, dass ungewöhnliche Dinge vor sich gingen. Warum wurde meine Mutter nur so nervös, als die Grenzer mich nach unserem Reiseziel ausfragten? Und warum durfte ich die beiden goldenen Armbanduhren an meinen Handgelenken nicht vorzeigen?

Um sicher zu gehen, hatten meine Eltern mir nichts davon erzählt, dass sie im Westen bleiben wollten. Ich ging seit zwei Jahren zur Schule, hatte dort politischen Unterricht und war als "Junger Pionier" davon überzeugt, dass die Westdeutschen nur Bananen und Apfelsinen essen durften, weil sie dafür ihr Land an die Amerikaner verkauften. Ich hätte nicht verstanden, wofür ich Freunde und meine gewohnte Umgebung aufgeben sollte.

Als Kind versuchte ich natürlich dazuzugehören, aber Bastelkurse, Feste und andere Freizeitangebote waren Angebote der Parteiorganisationen. Wochenlang hatte ich meinen Eltern in den Ohren gelegen, bis sie es mir endlich erlaubten, den Jungen Pionieren beizutreten und teilzuhaben an der Gemeinschaft. Weil ich dazu gehören wollte, lernte ich, mich anzupassen, obwohl mir schon als Kind Reglementierung zuwider war.

Im Westen kam vieles anders als erwartet: Die Straßen waren besser. Die Südfrüchte gab's für Jedermann. Und die Erwachsenen flüsterten nicht mehr, wenn sie über Politik redeten. Ich musste auch kein Parteimitglied sein, um dabei zu sein, hier sorgte die Kirche für die sozialen Aufgaben, und weil es keine Einheitskirche gab, wurde zur wichtigsten Frage, ob ich evangelisch oder katholisch bin. Mein Vater war Atheist und ich nicht getauft. Wieder bettelte ich, um dazuzugehören, wurde im evangelischen Einzelcoaching von sozialistischen Glaubenssätzen gereinigt und durfte mich schließlich zu einer evangelischen Minderheit in Ostwestfalen zählen, die vom Pfarrer energisch zum sonntäglichen Gottesdienst gescheucht wurde.

Aber die Zugehörigkeit hatte ihren Preis: Wir Evangelischen hatten eine eigene Zwei-Klassen-Grundschule und mussten aufpassen, dass wir auf dem Heimweg nicht von den katholischen Jungen verprügelt wurden. Mit zehn Jahren am Gymnasium in die Stadt, hatte ich sogar einen katholischen Schulfreund, dem es aber untersagt war, sich nach Schulschluss mit mir im Dorf zu treffen. So lernte ich, dass Zugehörigkeit nicht nur Anpassung heißt, sondern sich für eine Seite zu entscheiden, um sich von der anderen zu distanzieren, ganz gleich, wie liebenswert sie mir waren.

Mit dem Umzug nach Bremen entdeckte ich eine bisher unbekannte Liberalität: Aufgeschlossene Lehrer, die mich im freien Denken und in politischer Auseinandersetzung unterstützten. Popmusik, Avantgarde-Kino und Zadecks Stil am Theater – meine Pubertät wurde eins mit der kulturellen und politischen Revolution der Zeit. Ich verabschiedete mich von den Vorstellungen meiner Eltern, war bei jeder politische Demo dabei, zog mit meiner ersten Freundin in eine Mini-WG von 20 qm und genoss diese kreative Aufbruchsstimmung. Das Gefühl der Zugehörigkeit war so überwältigend, dass ich nicht bereit war, sie für einen Studienplatz in der Fremde aufzugeben. Ich blieb in Bremen, studierte Kommunikations-Design und ging in die Werbebranche.

Das kreative Arbeiten faszinierte mich, aber in der Gesellschaft kreativer Workaholics und marketingbesessener Selbstdarsteller fühlte ich mich von Anfang an als Fremdkörper. Um nicht gesundheitlich Schaden zu nehmen, trat ich die Flucht nach vorne an und machte mich mit 25 Jahren selbständig, gründete eine Werbeagentur, um mir die Arbeitswelt zu schaffen, die meiner Identität entsprach. Die Zeit war ein harter Lehrmeister, aber es gelang mir, im wachsenden Team von Mitarbeitern so etwas wie Zugehörigkeit zu entwickeln – vergleichbar mit dem Zusammenhalt in einer belagerten Burg im Feindesland.

Ja, es ging ums Überleben, Pitches zu gewinnen und andere aus dem Ring zu schlagen. Das machte Spaß, solange wir Sieger blieben, aber mit wachsendem Erfolg wurden wir von der Meute gejagt, die Mittel wurden rauer und nach 15 Jahren stand ich vor einem Burnout. Ich entschied mich zu einer mehrjährigen Trainerausbildung in körperorientierter Selbsterfahrung, die mir endgültig die Augen öffnete und mir bewusst machte: In dieser Welt des Geldes und des Verkaufens werde ich mich nie zuhause fühlen, nie zu mir selbst finden.

1997 gründete ich CIT, um parallel zum laufenden Agenturbetrieb Menschen und Organisationen in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Ich war reif für die Idee, mich um die Seelen der Menschen zu kümmern, statt ihr Geld vermehren zu helfen. So reif wie viele in unserer Gesellschaft, die merken, dass es Zeit ist, den blanken Egoismus und Materialismus hinter uns zu lassen und zu einem neuen Gemeinschaftsgefühl und einem kollektiven Bewusstsein zu finden.

Im Miteinander mit Gleichgesinnten suche ich heute meine unbändige Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu befriedigen. Einer Zugehörigkeit ohne Anpassung oder Ausgrenzung, möglichst frei von Abhängigkeiten oder Unterwerfung, Macht und Manipulation. Vielleicht bleibt es eine Illusion, aber je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto klarer wird mir, warum ich so viel Energie aus meinen Trainings zur Emotionalen Kompetenz, den Teamtrainings und den Seminaren zur Führungskompetenz ziehe. Im Miteinander der Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung gestalte ich Zugehörigkeit.

Für wenige Trainingstage wachsen die Menschen zusammen in dem Bewusstsein, etwas verändern zu wollen und bei sich selbst anfangen zu können. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit gibt mir die Hoffnung, dass es möglich ist, etwas zu verändern, wenn wir im Kleinen beginnen. Je mehr Menschen ihre Sehnsucht im Training erfüllt finden und dieses Erleben weitertragen, desto größer ist die Chance, Großes zu bewirken. Das ist meine Vision.

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