CIT-Consult Emotion-Blog

Gefühle in Worte gießen

08.05.2013 von: Michael Blochberger

Schreiben als Selbsterfahrung. Trainings, Seminare, Coaching zu emotionaler KompetenzIch sitze am Rechner und grüble, wie ich meinen neuen Blog beginnen soll, da kommt ein Kommentar auf Facebook: "Wundervoll und authentisch geschrieben mit Herz und Verstand," schreibt eine FreundIn "Danke für diesen Beitrag, Michael." Solch liebe Rückmeldungen sind Balsam für meine Seele. Schließlich ist es mir wichtig, dass meine Botschaften auch ankommen. Aber es ist nicht so einfach, wie es sich liest. Häufig ist es ein mühsamer Prozess, bis es mir gelingt, meine Gefühle gedanklich zu erfassen und in stimmige Worte bringen.

So nehme ich das nette Feedback zum Anlass, meinen mühseligen Prozess des Schreibens zu hinterfragen. Wie gehe ich vor? Welche Kriterien lege ich an? Und wann bin ich mit dem Ergebnis wirklich zufrieden?

Emotionen schaffen Themen. Schreiben ist für mich selten ein Vergnügen, meist mühselige Arbeit, der ich deshalb gern aus dem Wege gehe. Schon bei der Wahl des Themas fängt es an: Wähle ich einen sachlichen Inhalt, muss ich die Worte regelrecht  hervor quälen. Die Sätze bleiben holperig, der Inhalt schwer verständlich und in mir kommt das Gefühl auf, mich in der Sprache zu verlieren wie bei einem riesigen Puzzle, bei dem kein Teil zum anderen passt. Dann suche ich Halt in der Struktur einer logischen Gliederung, recherchiere, sammle Argumente und arbeite mich mühsam daran entlang, bis zur geplanten Schlussfolgerung.

Ganz anders ist es, wenn mir etwas emotional auf der Seele brennt, wenn ich über ein Erlebnis berichten kann, das mich bewegt hat: ein sinnlicher Urlaub, eine erfolgreich gemeisterte Krise oder der Verlust eines Freundes. Dann ist es mein innerstes Bedürfnis, meine Freude, meinen Stolz oder meine Trauer zum Ausdruck zu bringen. Dann schreibe ich spontan, die Worte fließen aus mir heraus und die Sätze werden rund und verständlich.

Also versuche ich es möglichst zu vermeiden, mich zu einem Thema zu zwingen, warte lieber auf die Impulse von außen, achte auf meine emotionalen Reaktionen im Erleben und lasse mein Inneres entscheiden, was es wert ist, in Sätze gefasst und veröffentlicht zu werden. Dazu braucht es Achtsamkeit, Gelassenheit und Selbstvertrauen, Eigenschaften, die mir in stressigen Momenten nicht unbedingt zur Verfügung stehen. Es ist also ein Spiel zwischen Hingabe und Pflichtbewusstsein – Schreiben als Selbsterfahrung.

Emotionale Reaktionen bewusst machen. Im Beschreiben der Situation, im Erfassen meine vielfältigen Gefühle mache ich mich auf die Suche nach den Hintergründen und Ursachen und finde mich dabei ein Stück selbst. Ich begegne meinen Ängsten und Enttäuschungen, entdecke vergessene Bedürfnisse und Sehnsüchte, begreife ureigene Erziehungsmuster und Glaubenssätze und versuche, die Zusammenhänge zu verstehen.

So nutze ich schon alltägliche Erlebnisse als emotionalen Spiegel. Ich beobachte mich im beschriebenen Kontext, verstehe mich und meine innere Haltung und ziehe meine Lehren aus dem Erleben. Satz für Satz versuche ich, Erinnerungen und Gefühle zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen, solange bis ich die Logik und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen glaube. Aus dieser Logik heraus ergibt sich das Ziel meines Schreibens, die Schlussfolgerung meiner Gedanken oft bevor ich den Weg dorthin gegangen bin.

Worte finden. Wenn ich emotional berührt bin und die Worte mir zufliegen, fällt es mir leicht, diesen Weg zu gehen. Meist braucht es aber mehrere Anläufe, weil ich mich im Wortsalat verstricke, das Geschriebene nicht zu meinen Gefühlen passt. Dann hilft nur loslassen und später einen neuen Anlauf wagen. Mit gewisser Distanz erkenne ich die verbalen Stolpersteine mit mehr Leichtigkeit. Im wiederholten Lesen entdecke ich die treffenden Verben und Adjektive, bis sich die Worte auf weiche, flüssige Sätze fädeln lassen.

Immer wieder lese ich die fertigen Textpassagen, um den Rhythmus der gelungenen Zeilen aufzunehmen und in die unfertigen Passagen hinüberzutragen. Mit jedem Satz scheine ich Neuland zu betreten, baue mit stabilen Worten einen provisorischen Steg, um ihn im nächsten Gang auszubauen, zu verfeinern und zu glätten. Finde ich dann ein Ende, bin ich erleichtert aber noch nicht zufrieden. Zu anstrengend war der Prozess des Schreibens, als dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben könnte.

Resonanz erzeugen. Also wechsele ich das Medium, drucke mein Manuskript aus, wechsle Raum und Rolle und konsumiere mein Skript als unvoreingenommener Leser. Absatz für Absatz lasse ich die Sätze in mir widerhallen, markiere dort wo die Sprache mich kalt lässt, Worte mich nicht berühren, solange, bis die Fassung aus einem Guss ist. Wie ein Instrument, lasse ich das Geschriebene in mir schwingen, durchlebe meine Gefühle aufs Neue. Dann bin ich zufrieden. Erst dann kann ich hoffen, dass das, was ich zu sagen habe, eine Chance hat, die Leser zu erreichen.

So ist Schreiben für mich nicht nur eine Form der Selbsterfahrung sondern auch ein handfestes Training zu Emotionaler Intelligenz: Wenn Gefühle sich in Worten wieder finden und transportieren lassen, ist das doch eine berührende Verbindung von Herz und Verstand.

 

Foto: Wilhelmine Wulf/pixelio

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