CIT-Consult Emotion-Blog

Hilfsbereitschaft, Mitleid und andere Empathiestörer

10.03.2013 von: Michael Blochberger

Trainings, Seminare, Coaching zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung, Empathie und Emotionale KompetenzSchon in der Art der Aufmerksamkeit, die Ihnen ein Gesprächspartner entgegenbringt, erkennen Sie dessen Bereitschaft, sich auf Sie einzulassen. Wie interessiert hört er Ihnen zu? Hält er mit Ihnen Blickkontakt oder schweifen seine Augen ab? Konzentriert er sich auf das Gespräch mit Ihnen oder ist er parallel mit anderen Dingen beschäftigt? Wartet er ab, was Sie zu sagen haben oder unterbricht er Sie regelmäßig? Lässt er Ihren Worten die Zeit, sie auf sich wirken zu lassen, oder hat er sofort eine Antwort oder einen Widerspruch parat?

Wenn Sie sich an Gespräche erinnern, die Sie mit verschiedenen Personen in letzter Zeit geführt haben, und einmal reflektieren, wer sich wie verhalten hat, werden Sie feststellen, dass die wenigsten Menschen wirklich zuhören können. Vielleicht merken Sie, dass es Ihnen persönlich auch oft schwerfällt, ganz bei Ihrem Gesprächspartner zu sein. Aber das ist notwendig, wenn Sie spüren wollen, was der andere Ihnen zu sagen hat, und wenn Sie Missverständnisse vermeiden wollen.

Es gibt unzählige Formen der Unaufmerksamkeit und Unhöflichkeit, die ein Gespräch stören und offensichtlich werden lassen, dass Empathie fehlt. Wir neigen nämlich gerne dazu, uns an der Sache und den Zielen zu orientieren statt auf den Mitmenschen und seine Gefühle einzugehen. Wir interpretieren, geben schlaue Ratschläge, drängeln, bemitleiden und bewerten und verlieren dabei den Menschen und dessen emotionales Befinden aus den Augen. Die Folge ist, dass sich viele in unserer Umgebung nicht beachtet oder wertgeschätzt fühlen. Es sollte für jeden selbstverständlich sein, dass man so keine vertrauensvolle Beziehung zum Mitmenschen aufbauen kann.

Viele Menschen verwechseln Einfühlungsvermögen auch mit Mitleid oder Hilfsbereitschaft. Wenn jemand Unsicherheit zeigt oder von einer schwer wiegenden Entscheidung erzählt, interpretieren sie das reflexartig als einen Hilferuf und meinen, die Person trösten und bemitleiden zu müssen. Diese Bemutterung degradiert den Gesprächspartner aber zu einem hilfsbedürftigen Wesen, das scheinbar nicht allein zurechtkommt. Dem Erzähler ist das meist gar nicht recht, weil er sich nicht als den Schwächeren sieht; vielleicht will er nur eine andere Meinung hören, dramatisiert gerne oder schildert einfach gern seine Gefühle.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der gut gemeinte Hang, Mitmenschen immer gleich unter die Arme greifen zu wollen, als trügerisch und wenig hilfreich für deren Entwicklung.

Jedes Hilfsangebot nimmt dem Gegenüber die Chance, sich selbst zu beweisen oder eine für ihn richtige Entscheidung zu treffen. Indem wir ihm das abnehmen, stellen wir uns über ihn und erklären ihn faktisch für unfähig, sich selbst zu helfen. Das hat nichts mit Empathie zu tun, sondern ist eher ein Zeichen dafür, dass wir fürchten, uns noch tiefer auf die Gefühle und Bedürfnisse unserer Mitmenschen einlassen zu müssen.

Solche Situationen erlebe ich häufig in meinen Trainings, wenn Führungskräfte von persönlichen Niederlagen erzählen und selbstbewusst ihre Trauer zeigen. Regelmäßig meint dann der eine oder andere Teilnehmer, den Betreffenden trösten zu müssen und spürt gar nicht, wie unangenehm das diesem ist. Meist schwingen in dessen geäußerter Trauer auch andere Gefühle wie Sehnsucht, Glück oder Stolz mit, ohne dass die „Helfer“ den Unterschied spüren. Für jemanden, der davon erzählt, wie er in der Überwindung einer Krise an Stärke und Reife gewonnen hat, muss es geradezu lächerlich wirken, von einem Menschen, der das vielleicht noch nie erlebt hat, getröstet zu werden.

Es stellt sich die Frage, warum viele Menschen so sehr dazu tendieren, andere trösten oder beschützen zu müssen. Dafür gibt es zwei psychologische Ursachen: Einerseits ist die Rolle des Hilfsbereiten eine Chance, etwas Gutes zu tun, sich hervorzutun und sich besser zu fühlen. Dahinter steckt das unbewusste Bedürfnis, besser zu sein als andere und das ist ja auch das, was geschieht: Der Hilfsbereite stellt sich über den anderen, um ihm von seiner vermeintlichen Stärke abzugeben.

Andererseits ist es eine Tatsache, dass viele Menschen es nicht ertragen können, wenn ihre Mitmenschen Gefühle zeigen, denn es rührt an den eigenen verborgenen Schmerzen, vor denen sie so viel Angst haben. Also versuchen sie, die Gefühle ihrer Mitmenschen schnell wegzutrösten, um den eigenen aufkommenden Schmerz wieder deckeln und unterdrücken zu können. Damit entwerten die Helfer den Mut desjenigen, der seine Gefühle zeigt, auf ganz ignorante Weise. Denn ganz gleich, wie alt und erfahren wir sind – jeder von uns ist Frau oder Manns genug, zu seinen Gefühlen zu stehen und hat das Recht, sie für sich erleben und genießen zu dürfen, ohne dass ein Hilfsbereiter sie ihm wegnimmt.

Empathie beginnt also mit der Bereitschaft, die Emotionen unserer Mitmenschen auszuhalten und anzunehmen und ihnen in uns selbst den Raum zu geben, mitschwingen zu können. Die erste und wichtigste Regel der Empathie lautet deshalb: Lassen Sie Ihrem Gesprächspartner die Zeit, sich zu finden und zu zeigen!

Aus: Emotionale Intelligenz für Führungskräfte

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