CIT-Consult Emotion-Blog

Die innere Balance halten – wenn die Welt aus dem Gleichgewicht gerät

28.02.2013 von: Michael Blochberger

Trainings, Seminare und Coaching zu Resilienz, Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung, Emotionale Kompetenz, SinnstiftungEs gibt Tage, da werde ich pausenlos mit den Aggressionen schlecht gelaunter Menschen konfrontiert, bekomme deren Hass zu spüren oder werde mit unsinnigen Schuldzuweisungen überschüttet. Solange mir diese Menschen fremd sind – im Straßenverkehr, beim Einkauf oder in einer Behörde – fällt es mir leicht, gelassen zu bleiben und mit Humor Distanz zu wahren. Anders ist es, wenn sich Menschen, die mir vertraut sind, die mit mir in Beziehung stehen, sich so verhalten: am Arbeitsplatz, unter Freunden oder in der Familie. Dann fühle ich mich schnell verletzt, ungerecht behandelt, neige dazu, mich zu wehren und mache es damit oft noch schlimmer.

Wenn man auf aggressive Gefühlsäußerungen von außen aggressiv reagiert, ist das ein natürlicher Reflex unseres Stammhirns, aber es führt selten zu einer sinnvollen Lösung, weil sich die Gefühle so hochschaukeln und die Gefahr besteht, dass die Beziehung darunter leidet. Wenn mir diese Beziehung wichtig ist, dann muss ich versuchen, meine Gefühle zu kontrollieren, um den Konflikt zumindest mit emotionaler Distanz lösen zu können.

Über Konflikt-Lösungs-Techniken habe ich mich in Blogs und älteren Textbeiträgen schon häufig ausgelassen. Aber wie schaffe ich es erst einmal, meine Gefühle zu kontrollieren und gelassen zu bleiben, damit mein Verstand eine Chance bekommt, diese Techniken auch anzuwenden? Im ersten Schritt geht es darum, die eigenen negativen Gefühle wieder loszulassen und innere Ruhe zu finden.

Den Halt in sich finden

Die leichteste und natürlichste Art sich zu sammeln und von äußeren Einflüssen zu distanzieren ist die eigene Atmung. Wenn ich tief ein- und ausatme, wird mir meine innere Lebenskraft bewusst und ich spüre, dass ich Herr meiner inneren Haltung bin, Tempo und Intensität selbst bestimmen kann. Noch besser gelingt das, wenn ich dabei die Augen schließe und den Blick nach innen richte. So kann ich mich kurz vor visueller Beeinflussung von außen schützen, bis ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle habe. Oder ich gehe einige Minuten an die frische Luft, um durchzuatmen, Distanz zu gewinnen und meine Haltung zu überdenken.

Zahlreiche Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, haben sich eine Haltung angewöhnt, die ebenso dazu dient, bei sich selbst zu bleiben und Beeinflussung von außen abzuwehren: Sie drücken die Fingerspitzen beider Hände aufeinander und halten diese Spannung wie ein Schutzschild vor ihren Körper. Den sogenannten "Igel" sieht man besonders häufig bei unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wenn diese Handhaltung auch als unsympathische Abwehrhaltung interpretiert wird, so nutze ich sie in kritischen Situation auch gern zur Stärkung meiner Selbstkontrolle.

Der Gewalt flexibel widerstehen

Wenn Aggressionen auf mich einstürmen, erlebe ich das oft wie ein Naturereignis, dem ich hilflos ausgeliefert scheine. Da fängt die Welt um mich herum an zu schwanken, als wäre ich auf einem Schiff in stürmischer See. Wo ich gerade noch sicher zu stehen glaubte, verliere ich den Halt. Und je mehr ich mich an die Reling klammere oder mich gegen den Bewegungen des Schiffes wehre, desto schlechter geht es mir.

Wenn ich erst mit meinem eigenen Leiden beschäftigt bin, verliere ich schnell den Horizont aus den Augen und mit ihm meine persönlichen Ziele. Ich habe mich zum Opfer der "aggressiven See" machen lassen, statt mit weichen Beinen, die harten Bewegungen abzufedern.

Auch in stürmischen Konflikten geht es darum, der eigenen Schwerkraft zu vertrauen und den fremden Bewegungen auszuweichen. Wie ein Grashalm im Wind sich der Gewalt beugt, um wieder aufzustehen. Weil es oft erfolgreicher ist nachzugeben, als sich zu wehren bis man bricht. Denn nicht der Kräftigste ist der Stärkste, sondern der, der seine Kraft einzuteilen versteht und die rohe Gewalt anderer für sich zu nutzen weiß.

Dieses Gefühl der Flexibilität gibt mir dann ein Gefühl der inneren Stärke zurück, das ich kurz zu verlieren schien. Aus dieser Sicherheit heraus kann ich auch wieder meine Bedürfnisse äußern, Grenzen aufzeigen und nach dauerhaften Lösungen suchen.

Positive Glaubenssätze

Es gibt aber Situationen, wo selbst diese Hilfsmittel nicht greifen. Zum Beispiel wenn die negative Energie von außen nicht offen zutage tritt, für mich nicht greifbar wird, oder wenn viele negative Ereignisse mich piesacken. Dann besteht die Gefahr, dass ich mein Handeln sehr hinterfrage, mich in altem, überholtem Selbstzweifel verstricke, statt auf mein positives Selbstbild zu vertrauen.

Wer das von sich kennt, dem rate ich dazu, die eigenen inneren Antreiber und persönlichen Glaubenssätze zu hinterfragen und auf ihren konstruktiven Gehalt zu untersuchen. Mit etwas Unterstützung formulieren Sie daraus eine positive Lebensweisheit, die Sie in Krisen und kritischen Stimmungen als Leitsatz nutzen können. In einigen unserer Trainings erarbeiten wir solche "Affirmationen". Ich selbst habe mehrere Jahre mit meinem Glaubenssatz gearbeitet und mich daran orientiert. Habe gelernt, mein Leben nach meinen Wünschen zu gestalten.

Aber es gibt immer wieder Situationen, die mich emotional gefangen nehmen und an denen ich lernen kann, mich selbst zu reflektieren. Zur Zeit ist es meine Mutter, die mich mit ihren stolzen 86 Jahren für ihr Leiden und ihre Unzufriedenheit zunehmend verantwortlich macht. Ganz gleich, was ich ihr abnehme, ganz gleich, was ich für sie erledige. Alles ist falsch. Für alles trage ich die Schuld. Ihr negatives Selbstbild projiziert sie auf mich und trägt es hinaus in die Welt, was für ein schlechter Mensch ich bin.

Nach unzähligen Versuchen, von Zuwendung bis Distanz, von sachlicher Erklärung über Humor bis hin zum Streit, muss ich einsehen, dass ich meine Mutter so annehmen muss, wie sie ist – auch wenn es weh tut. Dann ziehe ich eine von 64 Karten mit bebilderten Aphorismen, die ich von meiner lieben Kollegin Christiane geschenkt bekommen habe, und tanke die positive Energie, die mir diese Karte zu schenken weiß:

"Vertrauen" steht dort in einem roten Herzen und daneben der Satz: "Harmonie wächst aus einem Herzen, das sich behütet weiß"


Foto: Rosel Eckstein/pixelio

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