CIT-Consult Emotion-Blog

Werte verstehen – Konflikte lösen

20.10.2011 von: Michael Blochberger

Auf Facebook entwickelte sich am Dienstag eine spannende Diskussion über Werte, inspiriert von meinem lieben Kollegen Kurt-Georg Scheible: "Konflikte entbrennen, wenn Werte verletzt werden. Wie seht Ihr das?" Dem konnte ich nur zustimmen: "Nahezu alle zwischenmenschlichen Konflikte lassen sich auf unterschiedliche Wertevorstellungen zurückführen. Wir sollten lernen, die Werte des anderen zu respektieren – ohne zu bewerten!" Sofort fiel mir dazu eine Geschichte ein, an der man dieses Muster plastisch erklären kann.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der sich zwei Mitarbeiter meines Teams regelmäßig in der Wolle hatten. Fast täglich kam es zu lauten Auseinandersetzungen zwischen beiden, in denen es um die mangelnde Koordination ihrer Arbeitsabläufe ging. Obwohl ich sie schon mehrfach ermahnt hatte, waren die beiden nicht in der Lage, ihren Konflikt allein zu lösen. Die schlechte Stimmung wirkte sich langsam auf das gesamte Team aus. Um die Arbeitsleistung nicht zu gefährden, mussten wir uns mit dem Thema intensiver auseinandersetzen.

Im gemeinsamen Gespräch wurden die gegenseitigen Vorwürfe deutlich: Der eine fühlte sich vom anderen kontrolliert und in seiner kreativen Arbeitsweise behindert. Der andere beschwerte sich, dass Absprachen und Ordnungsprinzipien nicht eingehalten und so ein reibungsloses Zusammenarbeiten erschwert bzw. unmöglich wurde. Als Beispiel führte er den Fall auf, dass sein kreativer Kollege den von ihm erstellten Dateien dadaistische Dateinamen gab, die er selbst dann nicht identifizieren und zuordnen konnte. So kam es zu Fehlzeiten, weil er vergebens nach Daten suchen musste.

Mir wurde schnell klar, es würde nicht ausreichen, Ermahnungen auszusprechen oder verschärfte Anweisungen durchzusetzen. Hier war notwendig, der Sache auf den Grund zu gehen und in die Einstellung und Teamfähigkeit der Mitarbeiter zu investieren. Kurzerhand improvisierte ich einen Workshop für das gesamte Team. Neben einigen gruppendynamischen Spielen zur Entwicklung des Veranwortungsbewusstseins analysierte ich auch die individuellen Werte-Einstellungen jedes Teammitgliedes, um sie miteinander zu vergleichen. In der Gegenüberstellung fiel es allen wie Schuppen von den Augen: Unser kreativer Kollege hatte dem Wert „Freude“ erste Priorität gegeben, während „Sicherheit“ an vorletzter Stelle stand. Der Sohn wohlhabender Eltern empfand die notwendige Anpassung an seine Kollegen als eine Beschneidung seiner Grundwerte.

Sein ordnungsliebender Kollege dagegen hatte „Sicherheit“ auf Platz 1 gewählt und „Freude“ stand für ihn auf Platz 16 oder 17. Er war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. In jüngster Vergangenheit war ihm zweimal kurz hintereinander in der Probezeit gekündigt worden. Er empfand das Verhalten seines Kollegen als einen Angriff auf sein Sicherheitsbedürfnis. Für den Wunsch nach Spaß hatte er wenig Verständnis.

Aus den unterschiedlichen Historien beider Mitarbeiter wurde für alle die konträre Einstellung und die gegensätzliche Bewertung ihres Handelns verständlich. Aus der Einsicht unseres Kreativen in die Notwendigkeit von Ordnungsprinzipien konnte unser verlässlicher Mitarbeiter die Sicherheit gewinnen, seinem Kollegen mehr kreativen Freiraum zu lassen. Beide waren nun in der Lage, die Verletztheit des anderen nachzuvollziehen, erkannten dahinter aber auch die wertvollen Qualitäten für das gemeinsame Arbeiten.

An diesem Fall wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir Menschen doch sind und welche Bedeutung unsere emotionalen Werte für unser Handeln besitzen. Um Konflikte zu schlichten oder Mitarbeiter in ein Team zu integrieren, genügt es nicht, sie auf der sachlichen Ebene anzusprechen. Ich muss versuchen, sie auf der emotionalen Ebene zu erreichen. Das heißt, ich muss die unterschiedlichen Wertvorstellungen erkennen, um das mir fremde Handeln zu verstehen.

Erst auf der Basis des Verstehens gebe ich meinem Mitmenschen die für die Beziehung notwendige Anerkennung. Indem ich seine (mir fremden) Vorstellungen "wertschätze", kann ich Einsicht und Bereitschaft zur Änderung seines Handelns schaffen. Das heißt, ich bitte ihn, sein Verhalten anzupassen, ohne seine Werte abzuwerten oder verändern zu wollen. Werte sind tief in der Persönlichkeit verankerte Triebfedern. Niemand hat das Recht, dem anderen diese zu verbieten, solange dieser bereit ist, sich in seinem Handeln der Gemeinschaft anzupassen. Tut er das nicht und verletzt damit wiederholt die Wertevorstellungen anderer, dann ist es besser loszulassen und sich von diesem Menschen zu trennen.

Weitere Anregungen zum Thema "Werte" finden Sie in meinem Buch.

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