CIT-Consult Emotion-Blog

Grenzen setzen kann Räume öffnen

07.12.2012 von: Michael Blochberger

Trainings, Seminare und Coaching zu Sinngebung, Persönlichkeitsentwicklung, Emotionale Kompetenz, Authentizität, SelbstbewusstseinEine Klientin hat mich gebeten, an einem Krisengespräch mit einem ihrer Kunden teilzunehmen. Nach jahrelanger erfolgreicher und kollegialer Zusammenarbeit war es in den letzten drei Monaten wiederholt zu Missverständnissen und gegenseitigen Vorwürfen gekommen, die meine Klientin emotional so stark belasteten, dass sie die Geschäftsbeziehung aufzugeben dachte. Im Coaching hatte ich sie aber dazu ermutigt, die Aussprache zu suchen und die Flucht nach vorne anzutreten.

Da ihr Kunde vor Jahren auch zu meinen Kunden zählte, war das Vertrauen vorhanden, mich als Mediator hinzuzuziehen. Um nicht auf die Ebene gegenseitiger Schuldzuweisungen zu verfallen, begann meine Klientin das Gespräch mit einem Rückblick auf die ursprünglichen Ziele und Vereinbarungen, die sie in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich umzusetzen wusste. Im letzten Jahr wurden diese Absprachen nun deutlich verwässert: Veränderungen am Grundkonzept, wiederholte Autorenkorrekturen und überzogene Erwartungen ließen den Etat ebenso steigen wie die Unzufriedenheit auf Kundenseite.

Obwohl sie versucht, diese Fakten so sachlich wie möglich zu beschreiben, verfallen beide Seiten schnell in die Aufzählung gegenseitiger Fehler und Missverständnisse. Die Suche nach den Schuldigen anhand von Notizen und E-Mail-Verkehr bringt erwartungsgemäß mehr Verwirrung als Aufklärung. Erst jetzt nutze ich den Moment, das Wort zu ergreifen, um den Fokus weg von der Fehlersuche auf die Beziehungsebene zu richten: Die Unzufriedenheit auf beiden Seiten ist ja nicht das Ergebnis von alltäglichen Fehlern sondern Ausdruck einer grundlegenden Beziehungsstörung.

Nach zehn Jahren Partnerschaft hatten neue unerfahrene Mitarbeiter die Verantwortung für das Projekt übernommen. Aus einer gewissen Unsicherheit heraus und dem Bedürfnis sich auszuprobieren, wurden bewährte Konzepte ohne Not geändert. Mit wachsenden Kosten wurde der Ton rauer und fordernder. Es kam zu Missverständnissen und Fehlern. Aus der beratenden Partnerschaft wurde ein für alle Seiten unbefriedigendes Dienstleistungsverhältnis.

Durch meine Intervention gebe ich meiner Klientin wieder den Raum, sich zu spüren und ihre Bedürfnisse zu äußern: "Mir geht es nicht um's Geld, denn dann müsste ich beim diesjährigen Umsatz hoch zufrieden sein. Mir geht es um eine wertschätzende Zusammenarbeit. Ich bin bereit, mich mit allen Beteiligten an einen Tisch zu setzen und das Konzept zu überdenken. Aber ich bin nicht bereit, mich zum Opfer sinnloser Experimente machen zu lassen und zuzusehen, wie der Erfolg unserer gemeinsamen Arbeit verspielt wird!"

Für ein paar Sekunden herrscht absolute Ruhe im Raum, was davon zeugt, dass ihre Botschaft angekommen ist. Meine Klientin hat die Chance genutzt, Grenzen zu setzen. Sie hat auf ganz authentische Weise ihre Bereitschaft zu einer weiteren Zusammenarbeit gezeigt, aber zu ihren Bedingungen. Ihr ist es gelungen, das Gespräch von Fehlersuche und Verhaltenskritik auf eine höhere Ebene zu führen, auf die Ebene der Werte und Bedürfnisse. Hier, wo es nicht mehr um Schuldzuweisungen sondern um Ideale und Visionen geht, wird der Blick frei für das wirklich Wichtige im Leben: die Qualität von Beziehungen.

Das ist der Grund, weshalb sich der Blick unseres Gesprächspartners aufhellt. Er spürt, dass sie es ehrlich und ernst meint. Und er erkennt die Zusammenhänge: "Ja, Sie haben Recht. Wir sollten uns wieder auf unsere Basis besinnen. Wir haben die Linie aus den Augen verloren. Statt aufeinander zu hören haben wir begonnen, Sie springen zu lassen. Ich werde mich der Sache annehmen und in unserem Hause dafür sorgen, dass wir zu einem neuen Miteinander kommen!"

Das Gespräch ist offen, ohne verletzend zu sein, immer auf Augenhöhe. Aber jetzt fällt auch die Anspannung von uns ab. Es fühlt sich an wie eine Befreiung! Zum Abschied bedankt er sich für unsere Ehrlichkeit und das wertvolle Gespräch. Sein herzlicher Händedruck und sein offener, berührender Blick sagen mehr als Worte. Wir sind uns auf einer besonderen Art von Herzlichkeit begegnet und haben eine neue Ebene des Verständnisses erreicht.

In diesem Gespräch ging es nicht nur darum, eine Grenze aufzuzeigen, sondern eine neue Qualität von Vertrautheit entstehen lassen. Weil meine Klientin den Mut hatte, nein zu sagen, war eine neue Ebene des Miteinanders möglich, wo sie gestern noch ein unerträgliche Begrenztheit fürchtete.

Was könnte geschehen, wenn mehr Menschen den Mut hätten, von ihren Ängsten und Schuldzuweisungen loszulassen, um sich stattdessen wieder zu begegnen und ihre Bedürfnisse einzufordern?

 

Foto: Wolfgang Pfensig/pixelio

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