CIT-Consult Emotion-Blog

Berührende Liebeserklärung

07.11.2012 von: Michael Blochberger

Obamas rede zur Wiederwahl: authentizität, selbstbewusstsein, führungskompetenz, glaubwürdigkeitHeute Morgen werde ich mit der Nachricht von Obamas Wahlsieg geweckt. Aus dem Bett heraus drücke ich die Fernbedienung des Fernsehgerätes und tauche ein in die Life-Bilder von Fähnchen schwenkenden Amerikanern. 303 zu 203 Stimmen für Obama? Mit dieser Klarheit habe ich nicht gerechnet. Mit Millionen anderen in der Welt warte ich auf die erste Rede des bisherigen und zukünftigen US-Präsidenten. Endlich betritt er mit seiner Familie die Bühne.

Wie befreit dankt er ebenso pathetisch wie glaubwürdig den Wählern, allen Wahlkampfhelfern, seinem Gegner Romney und seinem Vizepräsidenten Joe Biden für ihren Einsatz, bevor er seiner Frau Michelle eine berührende Liebeserklärung macht: "Und ich wäre nicht der Mann, der ich heute bin, ohne die Frau, die vor 20 Jahren einwilligte, mich zu heiraten. Lass es mich in aller Öffentlichkeit sagen: Michelle, ich habe Dich niemals mehr geliebt. Ich war niemals stolzer als dabei, dem Rest Amerikas dabei zuzusehen, wie es sich auch in Dich verliebt hat, als First Lady unseres Landes."

Tränen schießen mir in die Augen, morgens um halb acht in Deutschland. Ja, ich kann mich identifizieren mit einem Mann, der zu seinen Gefühlen steht. Der bereit ist, für seine Werte und Ziele zu kämpfen, auch wenn er von vielen Amerikanern dafür gehasst wird. Ein Mann, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn er immer wieder enttäuscht wird. Dieser Mann hat die Brutalität des politischen Systems kennengelernt, aber er weiß eine starke Frau hinter sich, die zu ihm steht, mit all seinen Stärken und Schwächen. Dieser Mann ist ernster und reifer geworden, aber er hat seine Ideale nicht verloren.

Von der Liebeserklärung an seine Frau schlägt Obama den Bogen zu seiner Liebe für die Vereinigten Staaten von Amerika: Den Glauben an den amerikanischen Traum, den er selbst verkörpert, den Stolz auf die gelebte Freiheit, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und den Wunsch nach mehr Toleranz und Kooperationsbereitschaft. Es ist mucksmäuschenstill im Saal, wenn er ernst wird und seinen Worten den Raum gibt zu wirken. Und er reißt die Menschen mit, wenn er mit erhobener Stimme die Sehnsüchte seiner Anhänger in Sätze meißelt:

"Wir glauben an ein großzügiges Amerika, ein mitfühlendes Amerika, ein tolerantes Amerika, das offen ist für die Träume einer Einwanderer-Tochter, die in unseren Schulen lernt und auf unsere Fahne schwört. Für den Jungen aus dem Süden Chicagos, der ein Leben jenseits der nächsten Straßenecke sieht. Für das zukünftige Kind eines Arbeiters in North Carolina, das Arzt oder Wissenschaftler werden will, Ingenieur oder Unternehmer, Diplomat oder gar Präsident – das ist die Zukunft, die wir uns erhoffen. Diese Vision teilen wir."

oder

"Amerika: Ich glaube, wir können auf unsere Fortschritte aufbauen und weiterkämpfen für neue Jobs, neue Chancen und neue Sicherheit für die Mittelschicht. Ich glaube, wir können das Versprechen unserer Gründerväter halten: Die Vorstellung, dass es nichts ausmacht, wer Du bist oder wo Du herkommst oder wie Du aussiehst oder wo Du lebst, so lange Du willens bist, hart zu arbeiten. Egal, ob Du schwarz oder weiß bist, Latino oder Asiat oder Indianer, jung oder alt, reich oder arm, gesund oder behindert, schwul oder hetero: Du kannst es hier in Amerika schaffen, wenn Du willens bist, es zu versuchen."

Obama ist ein begnadeter Redner, weil er wieder daran glaubt, was er sagt. Er musste erfahren, wie schwer es ist, als mächtigster Mann der Welt seine Ziele gegen die Interessen von Konzernen und Banken durchzusetzen. Er musste faule Kompromisse machen, wirkte zuletzt oft müde und gebrochen. Aber der Wahlsieg hat ihm scheinbar wieder die Energie gegeben, weiter zu kämpfen:

"Ich glaube, wir können die Zukunft gemeinsam meistern, weil wir nicht so uneins sind, wie unsere Politik das annehmen lässt. Wir sind nicht so zynisch, wie Beobachter das glauben. Wir sind mehr als die Summe unserer Einzelambitionen, und sind weiterhin mehr als eine Ansammlung von roten (republikanischen) Staaten und blauen (demokratischen) Staaten. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika, und werden es immer bleiben."

Obama ist der Innbegriff einer modernen Führungspersönlichkeit: Visionär und Realist. Entscheider und Teamplayer. Denker und Gefühlsmensch. Er wirkt souverän, ohne arrogant zu sein. Ein wunderbares Beispiel für gelebte Emotionale Intelligenz. Ein Vorbild für alle, die verstehen wollen, wie Führung geht.

Die komplette Rede im deutschen Wortlaut finden Sie hier.

 

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