CIT-Consult Emotion-Blog

System und Intuition

04.10.2012 von: Miklas Wrieden

Neulich war ich wieder mit meiner Tochter auf dem Spielplatz. "Papa, darf ich meine Schuhe ausziehen?", "Ja, klar." Ich überlegte kurz. Und tat es ihr gleich. Ich fühlte den warmen weichen Sand und genoss das leichte Kribbeln der Sandkörner, die über meinen Spann rollten.

Ich stellte mir vor, wie all die verschiedenen Themen und Gedanken, die mich gerade bewegten, in Form der Sandkörner über meinen Fuß kullerten. Sie verschwanden in der Masse des Sandes und ich fand sie nicht wieder. Ich hätte sie farblich markieren oder ihnen Nummern geben, Spiegelstriche machen und andere systematische Überlegungen anstellen können. Ich ließ sie in diesem Moment einfach in das große Ganze purzeln.

Wir versuchen, alles in der Welt zu systematisieren. Schemata über Schemata füllen unsere Schubladen. Wissenschaftliche Abhandlungen machen uns begreiflich, wie das Leben um uns herum zu funktionieren hat. Tue dies, dann passiert das. So, wie Du es willst, aber nur mit diesem System. Puuhhhh. Ich nehme das grad als eingeschränkt wahr. Persönlich fühle ich mich da schnell außerhalb von eigenen Entscheidungen, Gedankenfreiheit und Spontanität. Denn, wie schnell komme ich an die Grenze genau dieses ausgesuchten Systems. Ich wünsche mir, dass es möglich ist, verschiedene Systeme und Lebenseinstellungen miteinander zu kombinieren. MMhh, wie könnte das funktionieren? Was verstehe ich darunter?

Die Systemanalyse gibt mir einen Lösungsansatz: "Der ganzheitliche Ansatz Systemanalyse ist ein interaktiver, heuristischer und rückgekoppelter Prozess, der durch die Dimensionen „Organisation“, „Technologie“ und „Motivation“ gekennzeichnet werden kann." Daraus geht hervor, dass ich mit einer Analyse meiner problematischen Ist-Situation anfange. Dann lege ich Ziele fest, die ich gern erreichen will. Im weiteren Prozess werden einige Faktoren benötigt: Systemgrenzen, die zur Unterscheidung zwischen System und Umwelt dienen. Relevante Systemelemente, deren Beziehungen untereinander zu klären sind. Systemeigenschaften, um die Beziehungen zwischen System und Umwelt und anderen Systemen zu erfassen. Alles ganz schön theoretisch.

Welche Möglichkeit bietet sich in der Praxis? Wenn ich spüre, dass ich einen Zusammenhang oder eine Situation nicht in ihrer Gänze erfassen kann, dann greife ich gern zur Methode Mind-Map. Relativ zügig erhalte ich zu meinem Thema ein stetig erweiterbares Schema, das ich bildhaft erfassen und für mich auswerten kann. Ich bleibe auf der Sachebene.

Um einen Blick auf die Beziehungen zwischen den Stichpunkten meiner visualisierten Gedanken zu werfen, gibt es die Concept-Map. Sie gibt die Möglichkeit, in einem eher dreidimensionalen Konstrukt Beziehungen herzustellen und dadurch auch bisher Unbedachtes zu entdecken und offen zu legen. Die Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten erweitert den Gedankenraum für innovative, zielführende Ideen.

Sicherlich lassen sich mit diesen Methoden Arbeitsschritte, Arbeitsplatzorganisation und Aufgabengebiete erfassen und neu planen. Kann ich aber das Zwischenmenschliche genauso erfassen und systematisieren?

Täglich treffe ich auf Menschen. Theoretisch führe ich mit jedem eine Beziehung. Gelegentlich spüre ich Reibung und frage mich, was da gerade schief gelaufen ist. Wie ich es über Jahre antrainiert bekommen habe, bewerte ich die Handlung des Anderen. Seit ich darüber nachdenke, was da passiert, fühlt es sich mehr und mehr danach an, als würde ich mich über meinen Beziehungspartner erhöhen. Dann fühle ich mich unglücklich. Denn das möchte ich nicht. Schließlich hat er mir ja nichts getan.

Seit ich mich nun intensiv mit der Methode der Transaktionsanalyse beschäftige, verstehe ich vieles besser. Diese Methode beschäftigt sich mit verschiedenen Ich-Formen: Kind-Ich, Eltern-Ich und Erwachsenen-Ich. Alle sind in uns. Und es ist nur die Frage, mit welchem ICH ich mit Anderen in Beziehung trete. Oder sie mit mir. Eine Beziehung fühlt sich gut an, wenn sich zwei Partner im Erwachsenen-Ich begegnen und auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. Tritt ein Beziehungspartner aus dieser Rolle heraus, passiert es oft, dass der Andere ebenfalls die Rolle wechselt. Es entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis und das hinterlässt in der Regel ein ungutes Gefühl.

Diese Systematik ermöglicht es, dass wir über eine sachliche Strukturierung des Problems auch in Beziehungen Klarheit schaffen können.

Dieser kleine Moment des Unwohlseins in einem Gespräch mit Kollegen, dem Chef oder einem Kunden sollte Anlass geben, die Beziehung für das nächste Gespräch zu überprüfen. Wird man sich seiner Rolle bewusst, kann man etwas verändern, um sich langfristig besser zu fühlen. Dies geschieht nicht von heute auf morgen. Es braucht Zeit und Geduld, diese Veränderung einzuleiten. Aber, es lohnt sich.

"Der einzige Ort im Universum, den wir wirklich ändern können, sind wir selbst." Aldous Huxley (Philosoph und Schriftsteller; u.a. Schöne neue Welt)

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