CIT-Consult Emotion-Blog

Kommunikation heißt in Beziehung sein

21.10.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal vor 80 Lehrern einen Vortrag halte. Geordert als Branchenfremdling, um neue Impulse einzubringen, zerbreche ich mir den Kopf, wie ich das Thema „Kommunikation mit schwierigen Schulleitungen“ am besten angehe. Erinnerungen an meine Schulzeit werden wieder wach. Zwar sind meine Erfahrungen mit Lehrern breit gefächert, sie sind aber eben nur aus der Schülerinnenperspektive.

Mein für mein weiteres Leben wohl prägendstes Schülererlebnis hatte ich mit Frau Schramm. Sie war die strengste Horterzieherin von allen. Ich hatte bereits zwei Ermahnungen von ihr durch meine Ohren ziehen lassen, nicht mit Gips auf dem Klettergerüst zu toben, als ich plötzlich abrutschte und mit einem dumpfen Knall auf meiner rechten Schulter landete. War das ein Schreck! Mehr aus Angst, mich erneut verletzt zu haben, als aus Schmerz, ließ ich meinen Tränen freien Lauf und bereitete mich auf eine richtig üble Standpauke von ihr vor. Doch zu meiner völligen Überraschung fand ich mich in ihren Armen wieder. Sie hielt mich einfach nur im Arm, wiegte mich wie ein Baby und tröstete mich. Das war so überwältigend schön! Es war das Beste, was mir in diesem Moment passieren konnte. Ich fühlte mich in meinem Sein und trotz meiner Missachtung ihrer Anweisungen angenommen und geliebt. Ich weiß noch heute, wie dankbar und erstaunt zugleich ich war, weil ich diese Zuwendung gerade von ihr nie erwartet hätte.

Spätestens seit meiner Selbsterfahrungen in der Trainerausbildung liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Kommunikation für mich in der Beziehungspflege. Kommunikation ist „in Beziehung gehen“. Wie ich die Beziehung zu anderen aufnehme und halte oder abbreche, das entscheide immer ich.

Für meinen Vortrag habe ich daher für mich den Titel geändert. Denn wenn ich mit der Einstellung auf einen anderen Menschen zugehe, egal in welcher Position sich dieser mir gegenüber befindet, und ich trage die Einstellung in mir, dass dieser Mensch (in dieser Position) schwierig ist, habe ich bereits den ersten Grundstein dafür gelegt, dass unsere Kommunikation miteinander schief läuft. Der andere wird an meiner Gestik und Mimik, meiner Tonlage und vielleicht sogar meiner Wortwahl spüren, dass ich ihm nicht vorurteilsfrei begegne. Er wird sich automatisch dagegen verwahren und versuchen, den „Spieß umzudrehen“. Ich bin dann der schwierige Fall für ihn. Bleiben wir in unseren Einstellungen, stecken wir in einer lose-/lose-Situation fest und verlieren wir beide. Denn die überwiegende Energie von uns beiden konzentriert sich nun im Gespräch darauf, „Angriffe“ (oder das, was wir dafür halten) des anderen abzuwehren. Der Sachinhalt interessiert nur am Rande. Wir werden keine gemeinsame Lösung finden, weil unsere Beziehung momentan nicht stimmt.

Ich schreibe extra „momentan“, weil ich der Überzeugung bin, dass ich jede, auch noch so eingefahrene oder negativ belastete Beziehung verändern kann. In Beziehung (in Kommunikation) bin ich außer mit mir selbst mit mindestens einer weiteren Person. Ich habe meine „Realitäts-Brille“ auf, der andere hat seine. Wir beide sind eigenständige Persönlichkeiten. Wir sind geprägt von unseren Erfahrungen, die wiederum die Erfüllung unserer Bedürfnisse steuern. Treffen wir aufeinander ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir aufgrund unserer Individualität und Unterschiedlichkeit auch unterschiedliche Bedürfnisse haben. Konflikte sind daher ganz natürlich vorprogrammiert und nur ein Signal dafür, einen Kompromiss auszuhandeln, der möglichst für beide eine win-Situation herstellt. Die meisten von uns erleben das abweichende Bedürfnis des anderen jedoch als persönlichen Angriff auf die eigenen Bedürfnisse.

Woher kommt das? Die logischste Antwort, die ich bisher darauf finden konnte, ist unser aller biologisches Grundbedürfnis nach Beachtung. Dieses Grundbedürfnis ist das einzige, was wir mit anderen „gleich“ haben. Beachtung in Form von Wert-Schätzung und positiver Zuwendung ist für mich der Schlüssel für Beziehungspflege, der Schlüssel für eine erfolgreiche Kommunikation mit mir selbst im Zwiegespräch und mit meinen Mitmenschen. Egal, wie es gerade um die Qualität der Beziehung steht!

Babys sterben, wenn ihnen keine menschliche Beachtung zuteil wird. Sie können noch so sauber gehalten und mit Nahrung ausreichend versorgt werden. Wir alle brauchen Beachtung in Form von Berührung über Körperkontakt, von Zuwendung durch Blickkontakt, Gestik und Stimme oder Anerkennung unserer Eigenart (als unbedingte Anerkennung) bzw. unserer Leistung (als bedingte Anerkennung), sonst werden wir krank. Wir brauchen dies so sehr, dass selbst negative Zuwendung besser ist, als gar keine Beachtung zu erhalten.

Jeder von uns kann davon ein Lied singen. Jeder hat als Kind Erfahrungen gemacht, dass „gutes“, erwünschtes Verhalten unbeachtet blieb, während ein Fehlverhalten sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Auch als Erwachsene machen wir oft die Erfahrung, dass wir für gute Leistungen oder unser So-Sein keine Anerkennung von unserer Umwelt erhalten. Es wird nicht selten als normal angesehen und als nicht lobenswert empfunden. Schließlich bekommen wir für unsere Arbeit Geld oder erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Unsere Gesellschaft ist so stark auf Fehler und Probleme fokussiert, dass wir immer weniger innehalten und uns miteinander freuen, über das, was gut funktioniert, über das, was der einzelne erreicht, über das Glück, so einen engagierten Kollegen, so eine gute Chefin oder so einen tollen Partner an unserer Seite zu haben – und es dem anderen einfach immer mal wieder sagen.

Wenn wundert es dann noch, dass wir uns alle ein ausgeklügeltes Repertoire an Verhaltensweisen angewöhnt haben, um zumindest negative Zuwendung vom anderen abzustauben. Hintergrund sind immer unsere Erfahrungen und Bewertungen, die sich nach der Transaktionsanalyse in vier lebbare Grundeinstellungen einordnen lassen:

  • „Mit mir ist alles in Ordnung, Du bist mir recht so, wie Du bist.“
  • „Mit mir stimmt was nicht, die anderen sind besser weggekommen.“
  • „Mit mir ist alles in Ordnung, bei den anderen stimmt was nicht.“
  • „Wenn ich es recht bedenke, ist bei mir alles in Ordnung und die anderen sind mir recht, auch wenn sie anders sind.“

Die beiden mittleren Grundeinstellungen sind Verlierer-Skripte. Als Kind habe ich mich irgendwann einmal dazu entschieden, die Welt aus dieser Perspektive zu sehen und nun folgen alle meine Handlungen dieser Maxime, ohne dass es mir später noch bewusst ist. Ich kommuniziere entweder immer aus der Opferrolle (siehe die zweite Grundeinstellung oben) oder aus der Verfolger-/Retterrolle heraus. Ein Opfer wird immer einen Täter (Verfolger) oder einen Retter anziehen und ein Verfolger bzw. Retter findet immer ein Opfer. Und schwups befinden wir uns in einem eingefahrenen Kommunikationsspiel (die Transaktionsanalyse nennt es „Psychospiel“) an dessen Ende unser Spielgewinn lauert: negative Zuwendung. Das Opfer erhält „(Rat)-Schläge“ und bestätigt seine Grundeinstellung („Mit mir stimmt was nicht, die anderen kommen immer besser weg als ich.“), der Verfolger konnte seinen „Dampf ablassen“ (auch wenn ihn später Schuldgefühle plagen) und der Retter seine Hilfsbereitschaft zeigen (auch wenn er sich ärgert, dass das Opfer sie nicht annehmen will). Sie bestätigen sich dadurch wiederum ihre Grundeinstellung („Mit mir ist alles in Ordnung, bei dem anderen stimmt was nicht – der ist zu schwach oder zu dumm, alleine klarzukommen.). Alle Beteiligten haben danach ein schlechtes Gefühl, aber alle hatten zumindest eine ganze Weile lang, die Beachtung vom anderen.

Die wenigsten Menschen können sich die erste Grundeinstellung („Mit mir ist alles in Ordnung, Du bist mir recht so, wie Du bist.“), mit der wir auf die Welt kommen, erhalten. Sie wäre der Garant dafür, die Andersartigkeit meines Gegenübers genau so hoch zu schätzen, wie meine Einzigartigkeit und damit unsere Bedürfnisse gleichrangig zu behandeln und uns dadurch gegenseitig anzuerkennen sowie positiv zu verstärken. Aber ich kann durch Selbstreflexion und Selbsterfahrung zur vierten Grundeinstellung gelangen - „Wenn ich es recht bedenke, ist bei mir alles in Ordnung und die anderen sind mir recht, auch wenn sie anders sind.“ Dann bin ich auf der Gewinnerseite, dann macht es Spaß und erfüllt mich, dem anderen positive Zuwendung zu geben. Dann finde ich immer einen Ansatz beim anderen, den ich authentisch loben kann. Ich nehme mir Zeit, sein Anliegen wahrzunehmen, gebe ihm dadurch Wertschätzung und sage danach, was mir wichtig ist, was für meine Bedürfnisbefriedigung geht und was nicht.

Der geänderte Titel meines Vortrages heißt übrigens „Beziehungspflege zu Schulleitungen trotz schwieriger Situationen“. Vielleicht war mein Erlebnis mit Frau Schramm ein entscheidender Wegweiser dafür, dass ich Psychologie studiert habe. Das weiß ich aber sicher: "Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir uns oft nicht so herzlich geben wie wir sind." (Albert Schweitzer)

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