| Wenn Führungskräfte aufs Pferd kommen |
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Eine Teilnehmerin steht in der Mitte des Round Pens – einer runden eingezäunten Koppel – und kämpft mit den Tränen. "Wie fühlst du dich?" frage ich. Das Pferd vor ihr steht wie ein Baum und zeigt ihr die kalte Flanke. "Ich fühl mich so schwach," sagt sie, "aber wenn ich das Pferd bewegen will, muss ich stark sein. Ich habe mir nie erlaubt, stark zu sein. Ich trau es mir nicht zu!" Ihre Beschreibung zeigt sich in ihrer defensiven Körpersprache, ihrer geduckten Haltung und ihren zögerlichen Bewegungen. "Und wie drückt dein Körper sich aus, wenn du dich willensstark und lebendig fühlst?" Sie sammelte sich wieder, atmet tief durch, hebt den Kopf und geht mit ausgebreiteten Armen auf das Pferd zu.
Wie von Geisterhand geführt, setzt sich die Stute langsam in Bewegung. Die Teilnehmerin folgt ihr ein paar Schritte und lässt sie mit Leichtigkeit vor sich her traben, gibt nur durch ihre Energie das Tempo des Tieres vor. Die Frau blüht sichtlich auf und lacht. Ihr ganzer Körperausdruck zeigt jetzt mehr Sicherheit, Lebendigkeit und eine natürliche Ausstrahlung. Stolz genießt sie es, das Pferd vor sich her zu treiben und wie selbstverständlich in verschiede Richtungen zu steuern, das was gerade doch noch so unmöglich schien.
Was können wir aus diesem Erlebnis und der grundsätzlichen Arbeit mit Pferden über uns und unser Führungsverhalten ableiten? Wo finden sich die Gemeinsamkeiten im Verhalten von Menschen und dem Verhalten einer Pferdeherde? Auch Menschen folgen einer Führungskraft (Chef, Mutter, Vater oder Lehrer) nur freiwillig, wenn zwischen ihnen und der leitenden Person eine kooperative Beziehung besteht. Mensch wie Pferd benötigen eine natürliche Autorität, der sie folgen können. Diese Autorität entsteht aus einer gesunden Balance zwischen Respekt und Vertrauen, Durchsetzungskraft und Einfühlungsvermögen, Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit.
Wer meint, sich nur mit Gewalt durchsetzen zu müssen, dem werden weder Mensch noch Tier freiwillig folgen, weil ihnen das Vertrauen fehlt. Wer meint, nur mit Vertrauen führen zu können, dem verweigern beide schnell den Gehorsam, weil ihnen der nötige Respekt abhanden kommt. Im Training mit dem Pferd nutzen wir das natürliche Herdenverhalten des Pferdes, um den Defiziten unseres Führungsverhaltens auf die Schliche zu kommen. Das Pferd kennt keine Falschheit, es kann sich nicht verstellen und will uns auch nichts vormachen. Pferde sind authentisch und spiegeln uns eins zu eins, wie unser Verhalten bei ihnen ankommt. Ihre Rückmeldungen sind ehrlich, direkt und deshalb so unverblümt berührend.
Mit faszinierender Selbstverständlichkeit korrigiert das Pferd unser Selbstbild und zeigt uns, wie wir nach außen wirklich wirken. Wir erkennen, wo und wann es an unserer Einstellung mangelt, wann wir zu zaghaft und wann zu rücksichtslos sind. Ganz spielerisch finden wir die Zwischentöne zwischen Dominanz und Empathie. In dieser Selbsterfahrung mit dem Pferd gewinnen wir schnell an Klarheit und Gelassenheit, bringen Körpersprache und Ausdrucksfähigkeit in Kongruenz, stärken Selbstwert und Ausstrahlungskraft und entwickeln unsere Persönlichkeit.
Als Trainerin für Führungsseminare mit Pferd habe ich mir einen Traum erfüllt. Hier kann ich mein leidenschaftliches Hobby und die über 30-jährige Erfahrung im Umgang mit Pferden mit meiner 20-jährigen Berufserfahrung als Fach- und Führungskraft verbinden. In meinem neuen Berufsbild als Trainer und Coach kann ich anderen Menschen, die an ihrer beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung interessiert sind, ebenso intensive wie spielerische Erfahrungen vermitteln. Die Beziehung von Mensch und Pferd wurden seit Urzeiten von einer ganz besonderen gegenseitigen Sympathie getragen. Was kann es Schöneres geben, als wenn wir aus dieser Verbindung auch für unseren beruflichen Alltag etwas lernen können?
von Ina Temp
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Eine Teilnehmerin steht in der Mitte des Round Pens – einer runden eingezäunten Koppel – und kämpft mit den Tränen. "Wie fühlst du dich?" frage ich. Das Pferd vor ihr steht wie ein Baum und zeigt ihr die kalte Flanke. "Ich fühl mich so schwach," sagt sie, "aber wenn ich das Pferd bewegen will, muss ich stark sein. Ich habe mir nie erlaubt, stark zu sein. Ich trau es mir nicht zu!" Ihre Beschreibung zeigt sich in ihrer defensiven Körpersprache, ihrer geduckten Haltung und ihren zögerlichen Bewegungen. "Und wie drückt dein Körper sich aus, wenn du dich willensstark und lebendig fühlst?" Sie sammelte sich wieder, atmet tief durch, hebt den Kopf und geht mit ausgebreiteten Armen auf das Pferd zu.