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Vom Schielen bleiben die Augen stehen! Drucken E-Mail
 
ImageStolz präsentierte ich mit vier meiner Mami beim Mittagessen, dass ich im Kindergarten schielen gelernt hatte. Sie saß mir gegenüber und fragte zurück: „Wie geht das?“. „Also“, hob ich an, „Du musst den Finger ansehen (dabei streckte ich den rechten Zeigefinger) und dann den Finger zur Nase führen, dabei immer drauf schauen mit beiden Augen…“. Ich machte es vor und wunderte mich noch, dass meine sonst allwissende Mami gerade das nicht konnte. Sie machte es nach und ich war begeistert, weil es sofort bei ihr funktionierte! Aber etwas war dennoch ungewöhnlich. Plötzlich wurde es mir klar – meine Mami redete ganz normal weiter, aber ihre Augen schielten immer noch!
 
Irritiert machte ich sie darauf aufmerksam und als sie antwortete, sie würde gar nicht mehr schielen, wurde ich richtig unruhig. Hier stimmte doch was nicht! Empört schrie ich sie fast an: „Du schielst doch immer noch!“ „Oh Gott, meine Augen sind stehen geblieben!“, entgegnete sie mir aufgeregt und rieb sich mit beiden Händen über ihre Augen. Worauf immerhin eins der beiden wieder normal nach vorne schaute, das andere aber immer noch schielte. Jetzt verlor ich meine Fassung. Ich war total beunruhigt. Voller Angst, dass ich ihr etwas Schlimmes angetan habe, machte ich sie erneut darauf aufmerksam, dass ihr linkes Auge immer noch schielte und sie rieb sich noch einmal darüber. Zu meiner endlosen Erleichterung blickten ihre beiden Augen danach wieder normal nach vorn zu mir! – Bis zum Ende der Grundschulzeit habe ich alle Kinder, die in meiner Gegenwart schielten, sofort darauf hingewiesen, dass bei meiner Mutter einmal die Augen stehen geblieben sind und sie auf gar keinen Fall noch einmal schielen sollten.
 
Heute kann ich mit meiner Mutter herzhaft darüber lachen, aber damals war mir echt zum Heulen zumute. Und weil es für mich so extrem emotional war, hat sich diese Szene tief in mein Gedächtnis eingeprägt: jede Aktion und Reaktion, jedes gesprochene Wort, jedes handlungsbegleitende Gefühl. Verantwortlich dafür sind meine Spiegelnervenzellen, oder auch Spiegelneurone genannt, in meinem Gehirn. Erst vor ein paar Jahren von dem italienischen Neurowissenschaftler Giacomo Rizzolatti entdeckt, können durch sie viele Phänomene unserer Kontaktaufnahme, unseres Beziehungsaufbaus und unserer Beziehungspflege mit anderen Menschen auf neuronaler Ebene erklärt werden. Zum Beispiel, warum wir automatisch zurück lächeln, wenn wir von unserem Gegenüber angelacht werden. Wie oft habe ich mich schon dabei ertappt, dass ich meinem Gesprächspartner zurück lächelte, ohne dass ich einen bewussten Vorsatz dazu hatte oder gar aus einer blendenden Laune heraus gehandelt hätte. Es ist mir erst aufgefallen, als ich schon lächelte.
 
Nur, wieso „passiert“ mir das einfach so? Wenn ich so einfach für mich lächle, weil ich mich an etwas Witziges erinnere, dann sind bestimmte Nervenzellen wie in einem Arbeitsnetzwerk aktiv: welche für das gesamte Handlungsprogramm „Lächeln“, welche für die Bewegungssteuerung der Gesichtsmuskeln und welche für das abgespeicherte Gefühl „Freude“, das handlungsbegleitend „wach gerufen“ wird. Beobachte ich danach, dass mein Gegenüber lächelt, ohne dass ich selbst auch lächle, sind erstaunlicherweise in mir wieder ein und dieselben Nervenzellen im identischen Netzwerkverbund aktiv. Ich spiele also im Kopf das gerade Beobachtete zeitgleich ebenfalls durch: Mein Gegenüber lächelt und während ich ihn dabei beobachte, mache ich mir eine Vorstellung davon, wie er lächelt, indem ich innerlich mein Handlungsprogramm „Lächeln“ abspiele. Meine Nervenzellen, die zuständig sind für mein Lächeln, spiegeln demnach das Lächeln anderer Menschen, wenn ich sie dabei beobachte. Daher nannte sie Rizzolatti „Spiegelneurone“. Nur so kann ich mit anderen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit-fühlen, ihre Gefühle mit-erleben bzw. mich in sie ein-fühlen und mir dadurch vor-stellen, was sie gerade bewegt. Das funktioniert sogar, wenn ich vielleicht aus dem Augenwinkel heraus, nur den Anflug eines Lächelns bei jemand anderem wahrgenommen habe. Selbst eine Teilsequenz des Handlungsprogramms „Lächeln“ löst die gesamte innere Vorstellungskette aus und zwar automatisch und unbewusst, d.h. ohne, dass ich mich willentlich angestrengt oder bewusst darüber nachgedacht hätte.
 
Bei den letzten Zeilen beschleicht mich gerade ein komisches Gefühl. Finde ich es gut, dass ich nicht immer weiß, was ich alles um mich herum wahrnehme, automatisch spiegle und damit unbewusst abspeichere, letztendlich als Handlungsprogramm verfestige? Der große Vorteil meines Spiegelsystems (so nennt Rizzolatti das Netzwerk der jeweils involvierten Spiegelneurone) ist, dass ich intuitiv oder „aus dem Bauch heraus“ ahne, welche Handlungsabsichten mein Gegenüber verfolgt, wenn er eine Handlung beginnt, und wie sich diese Handlung aller Wahrscheinlichkeit nach für ihn anfühlt. Nur dadurch bin ich in der Lage, spontan darauf zu reagieren. Würden meine Spiegelneurone und die anderer Menschen z.B. in der Fußgängerzone zur Einkaufsrushhour nicht blitzschnell und ohne großes Überlegen funktionieren, käme es ständig zu Massenkarambolagen. So aber „weiß“ ich, welchen Weg die mir Entgegenkommenden einschlagen werden und kann entsprechend rechtzeitig ausweichen. Um dies leisten zu können, verarbeite ich Blickkontakt, Gestik und Mimik aller Mitmenschen in meiner unmittelbaren Nähe und sende entsprechend eigene Signale an sie zurück. Ehrlich gesagt, ich möchte das gar nicht bewusst alles analysieren müssen.
 
Der Nachteil der automatischen Spiegelfähigkeit ist, dass alles was ich wahrnehme in mir seine Spuren hinterlässt, ohne dass ich bewusst in diesen Prozess eingreifen kann. Ich kann nur bewusst entscheiden, mit was ich mich auseinander setzen, also was ich beobachten und mit-erleben will. Je nach meinem Aufmerksamkeitsfokus nehme ich anderes wahr. Ich filtere meine Wahrnehmungen unbewusst und spiegele so nur bestimmte Handlungsprogramme mit bestimmten Gefühlen, die ich dann abspeichere und als mögliche Handlungsalternativen in mir verfestige, nämlich die, die zu meiner derzeitigen Lebenseinstellung passen. Bin ich an einem Tag gut drauf, nehme ich viele positive Begebenheiten wahr und speichere vermehrt Handlungsprogramme von anderen Menschen ab, die erfolgreich etwas erreicht haben. Bin ich schlecht drauf, sehe ich vermehrt Menschen, denen Missgeschicke begegnen und bestätige mir darüber die Schlechtigkeit der Welt. Erst wenn ich mir diesen Zusammenhang bewusst gemacht habe, dass ich je nach meiner inneren Einstellung meine Aufmerksamkeit entsprechend fokussiere und somit filtere, was ich spiegle und mit-erlebe, kann ich auf dem Umweg der Einstellungsänderung „plötzlich“ andere Dinge wahrnehmen, mit gänzlich anderen Menschen in Kontakt kommen und anderes abspeichern.
 
Es gibt aber auch die Möglichkeit, unerwartet für mich, ein ganz neues Handlungsprogramm bei einem anderen in einer vertrauten Situation zu beobachten, die nicht meiner inneren Einstellung entsprechen muss – was ein so genannten „Aha“-Erlebnis, „ach so geht das“ oder „so kann man das auch machen“ in mir schafft. Eine weitere Variante ist die, dass ich etwas beobachte, bei dem ich „weiß“, wie die Handlung verlaufen wird und überraschend einen völlig neuen Ausgang erlebe: Meiner Mutter blieben beim Schielen die Augen stehen! Das war absolut neu für mich und lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Weder bei mir noch bei all meinen Kindergartenfreunden war auch nur annähernd etwas Ähnliches passiert. Meine Spiegelneurone reagierten natürlich genauso, wie es ihre Funktion vorschrieb. Sie spiegelten diese einzigartige Beobachtung als neue potenzielle Handlungskonsequent. Weil ich die gespielte Aufregung meiner Mutter damals als echt empfand, dadurch die ganze Situation als bedrohlich interpretierte und später immer wieder durch das Schielen anderer Kinder an dieses Erlebnis erinnert wurde (d.h. das Stehenbleiben ihrer Augen innerlich wieder und wieder durchlebte), gaben meine Gehirnnervenzellen diesem Handlungsprogramm „Beim Schielen bleiben die Augen stehen“ Priorität. Es ist noch heute so, dass ich beim Stichwort „Schielen“ zuerst an das Stehenbleiben der Augen meiner Mutter denke und erst danach „weiß“, dass das normale Handlungsprogramm „Schielen“ für gewöhnlich einen ganz anderen Ausgang nimmt.
 
Meine Spiegelneurone sind die Basis meiner Einfühlung in andere. Empathie ist zum Glück nicht nur angeboren und damit unveränderbar. Sie ist auch bis zu einem gewissen Grad erlernbar, auf alle Fälle jedoch trainierbar. Das System meiner Spiegelneurone gehört zu meiner neurobiologischen Grundausstattung, die mir mit meiner Geburt, allerdings in einer undifferenzierten Rohform, zur Verfügung stand. Es muss durch ein gegenseitiges Eingehen auf die Gefühle zwischen Bezugspersonen und Kind erst eingespielt und in Funktion gebracht werden. Unser Handlungs- und Interaktionsinventar sowie die sie begleitenden Emotionen müssen aber zeitlebens immer wieder neu im zwischenmenschlichen Kontakt ausgehandelt werden. Immer dann, wenn Sie in Beziehung gehen mit Ihren Mitmenschen, eröffnet sich Ihnen eine neue Chance Ihre Empathie weiterzuentwickeln.
 
 
von Paula C. Bemmann
 
 
 
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