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Präsent sein – Nicht weniger als 100%! Drucken E-Mail
 
ImageVom ersten Moment an stehe ich wie gefesselt und kann meinen Blick nicht von ihm lösen. Stark und kraftvoll wirkt er und gleichzeitig schwach und angeschlagen. "Der Schrei" strahlt eine unglaubliche Präsenz in seinem Schmerz aus, die mir ans Herz geht. Mich berührt seine natürliche Art, sich auch in seiner Verletztheit ganz offen und pur im Gefühl zu zeigen. Und dabei ist er „nur“ aus lebloser Materie, eine kleine Bronzeplastik, geschaffen von Erich Koch.
 
Aber eine, die es in sich hat! Dabei ist mein Rabe leblos. Wieso hat er dennoch eine solch starke Ausstrahlung? Ich betrachte ihn genauer: seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck sind stimmig im Schrei. In seiner gesamten Körpersprache ist kein Versteckspiel, um des Funktionierens Willen zu erkennen, kein Vorspiegeln falscher Tatsachen für die Aufrechterhaltung eines bestimmten Images, keine Maske, hinter der er seine wahren Bedürfnisse versteckt. Er ist – und ist gerade deshalb für andere so sehr spürbar, weil er zu seiner Verletzlichkeit, zu seinen Schwächen und damit ganz zu sich selbst steht.
 
Mein Rabe sieht zudem nicht so aus, als hätte er sich vor seinem Schrei Gedanken darüber gemacht, wie andere auf seine Gefühlsäußerung wohl reagieren werden und ob dies gut oder schlecht für ihn sein wird. Er hält sich weder zurück, noch übersteigert er seinen Schmerz. Er sieht auch nicht so aus, als überlegte er im Schreien, wo er sich morgen am besten satt fressen kann. Er schreit „einfach nur“ und ist in seiner Verzweiflung ganz bei sich. Er will keinem gefallen.
 
Wenn ich ihn betrachte, fühle ich mich manchmal ertappt. Dann, wenn mir plötzlich Situationen bewusst werden, in denen ich anderen gefallen will: Freunden, Kollegen, Vorgesetzten, meinen Eltern, meinem Partner. Dabei war ich als Kind viel öfter wie mein Rabe. Als ich zum Beispiel mit vier Jahren operiert werden musste und mich schutzlos fühlte ohne meine Eltern im OP, habe ich meine Angst und meine Verzweiflung lauthals heraus geschrien. Es war mir völlig schnurz, ob mich die Menschen in Weiß für nicht tapfer genug hielten, es war mir auch total schnuppe, dass alle um mich herum zunehmend angenervt waren. Ich musste diese Spannung einfach raus lassen. Ich schrie, weil ich mich so allein fühlte in diesen beängstigenden Momenten, bis die Narkose endlich wirkte.
 
Wenn ich mich selbst und die Menschen in meiner Umgebung bewusst wahrnehme, fällt mir zunehmend auf, wie wir regelrecht getrieben, teilweise sogar gehetzt werden durch unser Leben. Weil wir gefallen wollen, gut sein wollen, eine bestimmte Leistung erbringen wollen... rennen wir wie die Bescheuerten der immer zu knapp bemessenen Zeit hinterher. Bis wir endlich merken oder uns jemand von außen darauf hinweist, dass wir nur noch roboterhaft funktionieren. Dann fällt uns vielleicht auf, dass wir unsere Gefühle seit Tagen nicht mehr differenziert spüren konnten und dass sich ein Dauerlächeln der Variante „Ich weiß zwar nicht, wie es mir wirklich geht, aber ich signalisiere nach außen: Alles Bestens!“ als Grinsen in unsere Gesichter eingeschnitten hat. Wenn wir uns nicht mehr selbst spüren und/oder anfangen, unsere Gefühle überkontrolliert zurückzuhalten, verlieren wir automatisch an Präsenz. Wenn wir aufhören, uns so zu zeigen, wie wir nun einmal sind, fangen wir an zu verblassen. Wir werden zu „grauen Mäusen“ oder grauen Einheitsmenschen wie in „Momo “. Ist es da noch ein Wunder, dass uns dann auch unsere Mitmenschen nicht mehr spüren können und irritiert, weil wir dadurch für sie nicht mehr einschätzbar sind, auf Distanz gehen?
 
Neuere Studien aus den USA haben nachgewiesen, dass wir für den ersten Eindruck von einem Menschen gerade einmal einen Bruchteil einer Sekunde – also die Dauer eines Augenschlages – benötigten. Dieser Ersteindruck kann nur ein rein emotionaler „Scan“ der Übereinstimmung von Körpersprache, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Stimme, Tonfall und situationsadäquater Kleidung sein. Denn in einem Bruchteil einer Sekunde ist unser Verstand, der sachbezogen arbeitet, noch gar nicht angesprungen. Aber dieses emotionale Bild, das wir in unserem Gehirn abspeichern, ist der Filter, durch den wir den „Neuen“ künftig immer betrachten und beurteilen werden. Alles, was er zukünftig sagt und tut, gleichen wir ab mit unserem ersten Bild von ihm. Ist der erste Eindruck stimmig und verhält sich der „Neue“ auch künftig dementsprechend, erleben wir ihn als authentisch und entwickeln Vertrauen. Beeindruckend finden wir ihn, wenn er vom ersten Moment an Präsenz zeigt. Ist der erste Eindruck nicht stimmig, weil z.B. das Dauerlächeln eingefroren ist während die Augen Trauer ausdrücken, wissen wir intuitiv: dieser Mensch steht nicht zu seinen wahren Gefühlen, denn er gibt vor, glücklich zu sein, obwohl er traurig ist. Sofort schrillen in uns die Alarmglocken: Aufpassen! Wer weiß, ob er sagt, was er wirklich meint, wer weiß, ob er Rückgrad besitzt, wer weiß, welches Spiel er treibt.
 
Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere oder die Kinder in meinem Umfeld beobachte, scheint es mir, als würde unsere Sozialisation uns unsere Authentizität rauben. Wir alle leiden darunter, zu wenig Anerkennung zu bekommen und wollen deshalb anderen gefallen. Weil wir glauben, dass wir die Erwartungen unseres Gegenübers erfüllen müssen, sprich etwas leisten müssen, um geliebt, anerkannt oder wertgeschätzt zu werden. Die meisten von uns haben diesen Glaubenssatz im Laufe ihres Lebens so stark verinnerlicht, dass sie sich schon automatisch in ihrem Verhalten und ihrer Gefühlsäußerung danach ausrichten, was sie meinen, was die anderen von ihnen in einer bestimmten Situation wohl erwarten.
 
Aber Glaubenssätze sind nur „unsere Wahrheiten“ in unserem Kopf. Sie sind eigentlich nur Arbeitshypothesen, die wir uns durch unsere Interpretation der Dinge und Geschehnisse immer wieder selbst bestätigen, die wir aber auch verändern können. Was unser Gegenüber von uns will, ist, uns authentisch zu erleben, denn dann sind wir für andere spürbar, greifbar und einschätzbar. Mein Gegenüber will sich nicht ständig fragen müssen, wer ich denn nun wirklich bin, denn dies erzeugt in ihm Unsicherheit, die die meisten Menschen als unangenehm empfinden. Er will wissen, mit wem er es zu tun hat und dafür muss ich mich zeigen, wie ich bin, was gerade in mir vorgeht, was ich gerade in diesem Moment fühle – ich muss präsent sein wie mein Rabe. Und dies kann ich nur authentisch, wenn ich zu mir, zu all meinen Emotionen, zu meinen Stärken und Schwächen innerlich „Ja!“ sagen kann. Nur diese Präsenz von mir schafft wirkliche Nähe und Bindung zwischen mir und meinen Mitmenschen. Und nur so kann ich schließlich auch nur Menschen von Ideen begeistern und zur gemeinsamen Zielerreichung führen.
 
In seinem Schmerz und seiner tiefen Verzweiflung ist mein Rabe so authentisch – häufig erlebe ich es selbst, dass ich mich erst in diesen Extremen selbst wieder ganz spüren kann. Wenn ich meinen Raben betrachte, dann sehe ich in den Spiegel meiner großen Sehnsucht: in mir selbst meine Kraft und Sicherheit zu spüren und diese auch auszustrahlen. Egal, ob laut oder leise, ob zart oder voller Power – auf jeden Fall nicht weniger als 100% präsent, im Hier und Jetzt, in meinem Gefühl und in der Begegnung mit anderen.
 
 
 
von Paula C. Bemmann
 
 
 
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