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Hurra, wir leben noch! Drucken E-Mail
ImageEs ist Montagabend, ein anstrengender Tag liegt hinter mir. Jetzt bin ich fast zu Hause, nur noch 40 Kilometer. Vor mir rollt ein graues Auto vom Parkplatz kommend auf die Beschleunigungsspur zur Autobahn. Ein Blick in den Rückspiegel verbietet mir, auf die linke Spur zu wechseln. Die Auffahrt ist noch lang, hinter mir genug Luft, ich gehe nicht vom Gas, aber der graue Wagen wird doch nicht...
 
Doch er tut es. Keine 50 Meter vor und mit der nicht einmal halben Geschwindigkeit von mir schert er ein. Ich stehe auf der Bremse, halte mein Auto gerade, es quietscht ohrenbetäubend und ich komme dem Grauen immer näher, gleich verschwinden seine Rücklichter aus meinem Gesichtsfeld, da zieht der Graue wieder zurück nach rechts und genau in diesem Moment donnert ein weiteres Auto auf der linken Spur an uns vorbei. „Mann, war das knapp!“, schießt es mir durch den Kopf. Ich blicke nach rechts in ein geschocktes Gesicht, dann in den Rückspiegel, trete automatisch aufs Gas, bloß weg vom herannahenden LKW hinter mir.
 
Ich atme tief durch und fühle nichts. Gedanklich rekapituliere ich die eben erlebte Gefahrensituation. Ich hatte es geahnt, zumindest zweifelte ich kurz vor dem Einscheren des Grauen, dass er die Länge der Auffahrt ausnutzen wird. Der Rest lief vollautomatisiert und routiniert ab. Die Außenwelt um mich herum verschwamm, in meiner Wahrnehmung gab es nur noch mich und die Heckklappe mit den Rücklichtern des Grauen vor mir. Dieser Tunnelblick hatte nur eine Aufgabe: die Bündelung meiner Konzentration und all der mir zur Verfügung stehenden Energie auf das einzig Wesentliche, um mein Überleben zu sichern.
 
Ich erinnere mich, dass mein ganzer Körper angespannt war, meine Beine und Füße, die mit aller Kraft auf Kupplung und Bremse standen, meine Arme und Hände, die das Lenkgrad hielten, meine Schultern, mein Rücken und mein Po, genauso mein Nacken in Erwartung des Aufpralls, mein Bauch, weil ich flacher atmete, selbst mein Gesicht, das hoch konzentriert die visuellen und auditiven Reize vor mir aufnahm. Die Anspannung verringert sich nur leicht nach der eben glimpflich überstandenen Situation. Mein Verstand ist klar, ich lobe mich selbst für mein souveränes Reagieren. Jetzt kann ich das Adrenalin in meinen Adern spüren und ich weiß, dass mein Körper fast eine Stunde benötigt, um es wieder vollständig abzubauen. Ich bin hellwach und kreidebleich, aber langsam spüre ich ein Feuer unter meiner Haut, mein Gesicht ist ganz heiß, die in der Gefahrensituation mobilisierte Energie „schreit“ nach einem Ventil. Da ich nur der Technik vertrauen und nicht körperlich agieren konnte, steckt die Energie noch in mir. Ich fange an zu schreien, immer lauter, immer kräftiger. Das tut gut! Zu Hause angekommen, in der Stille und Ruhe, wird mir erst richtig bewusst, was alles hätte passieren können. Meine Beine zittern unwillkürlich, meine Stimme bebt beim Erzählen und ich brauche noch eine ganze Weile, bis ich mich beruhigen kann.
 
Was in einer wie eben beschriebenen Gefahrensituation mein Überleben gesichert hat, spielt sich bei den meisten von uns zunehmend, zwar etwas abgeschwächter, dafür aber immer regelmäßiger, im Alltag ab. Der Stresspegel ist extrem gestiegen, denn unser zivilisiertes Leben befindet sich auf der Überholspur. Wir wollen unseren beiden Verfolgern, dem chronischen Erschöpfungssyndrom oder neudeutsch „Burnout“ und dem Erleben eigener Unfähigkeit entkommen, indem wir ständig etwas tun, uns ständig anstrengen, „unter Strom stehen“, angespannt sind. Dauerstress ist längst nicht mehr nur ein Thema für Berufspolitiker, Maschinenathleten oder Weltkonzernchefs. Der Dauerstress hat sich über die mittlere und untere Führungsebene bis hin zur Mitarbeiterebene ausgebreitet. Für viele von uns ist dieser Zustand so alltäglich geworden, dass wir ihn kaum noch selbst bemerken.
 
Unser autonomes Nervensystem reagiert jedoch wie in Urzeiten, als es galt, Angreifern mit aller Kraft entgegenzutreten oder schnellstmöglich das Weite zu suchen. Im Angriff oder in der Flucht konnte sich die mobilisierte Energie entladen. Heute benutzen wir unser autonomes Nervensystem dazu, unser jagendes Herz zu ignorieren, den rebellischen Magen zum Schweigen zu bringen, die muskuläre Spannung (festzu)halten. Im Großraumbüro, im Meeting mit dem Chef oder im Kundengespräch können wir uns nicht abreagieren. Die Energie in unserem Körper staut sich sukzessive auf. Aber damit nicht genug. Der Dauerstress hat mittlerweile auch in unser Privatleben, in unsere Familien Einzug gehalten. Haben wir schon einmal „freie Zeit“, dann gilt es, diese „sinnvoll“ zu verbringen, meist wiederum im Tun: Freunde oder Verwandte treffen, Auspowern im Sport, den Haushalt organisieren, Schularbeiten mit den Kindern... selbst unsere Kleinsten werden fürsorglich auf den Dauerstress als Erwachsene vorbereitet, der Terminkalender vieler Vierjähriger gleicht von der Auslastung her denen eines höheren Managers.
 
Eine ganze Gesellschaft hat es verlernt zu entspannen. Wann haben Sie das letzte Mal einfach nur so auf dem Sofa oder draußen auf einer Bank gesessen, nicht nachgedacht, was Sie alles noch machen müssen, sondern einfach nur den Augenblick genossen, sich selbst gespürt? Können Sie Ihren ganzen Körper fühlen oder gehören Sie auch schon zu denen, die nur noch aufmerksam werden, wenn ein Körperteil oder Organ schmerzt? Leben Sie, fühlen Sie sich lebendig oder funktionieren Sie nur noch?
 
Stress, der nicht abklingt, löst eine latente Entzündung im Gehirn aus, die bei Chronifizierung Nervenzellen schädigen kann. Das Kurzzeitgedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit leiden. Überlastete Menschen werden unzuverlässig, vergesslich oder überreizt, weil Wichtiges nicht mehr zur Großhirnrinde und somit ins Bewusstsein gebracht wird oder Unwichtiges ausgeblendet werden kann. Es kommt darüber hinaus zur Destabilisierung des Gleichgewichts der Systeme im Körperinneren. Kopfschmerzen, Überempfindlichkeiten von Magen, Darm oder Haut, Herzrasen oder Dauer-Verspannungen sind nicht selten die Folge, die wir, um unsere Arbeitsfähigkeit zu erhalten, schnell mit Tabletten oder Alkohol wegschieben. Auf Dauer führt dies zu Erkrankungen, Reizbarkeit, Nervosität oder Anfälligkeit für Erschöpfung bis hin zur Depression. Alles bekannt und nichts Neues, wir würden ja gerne anders, aber Leistungs- und Zeitdruck geben uns keine andere Wahl.
 
Ganz ehrlich, das stimmt nicht! Externe Stressoren, da sind sich mittlerweile alle Experten einig, gibt es nicht. Stress entsteht immer durch unsere Bewertung und persönliche Verarbeitung, nämlich immer nur dann, wenn wir das Gefühl haben, einer Bedrohung oder zu großer Herausforderung gegenüber zu stehen und glauben, dieser Situation nur schwer oder gar nicht gewachsen zu sein. Jeder Mensch reagiert auf eine objektiv gleiche Situation ganz verschieden und je nach eigener momentaner Verfassung sogar zu unterschiedlichen Zeiten anders. Unsere Bewertung und individuelle Verarbeitung von Stress ist von klein auf gelernt. Jeder von uns verfügt über ein eigenes Stressprofil, das bei Einstufung einer Situation oder Person als Stressor typische Angstreaktionen und Verspannungen hervorruft, die in unbewussten körperlichen Angewohnheiten, einem erhöhten Erregungszustand und einem dadurch eingeschränkten Handlungsspielraum zum Ausdruck kommen.
 
Wie bei meinem Beinaheunfall wird ein persönlich erlerntes und über die Jahre und Jahrzehnte verfestigtes Verhaltensprogramm ausgelöst. Es hat den Vorteil, sehr effizient zu sein, was in Lebensgefahr unabdingbar ist. Es hat aber auch den Nachteil, dass ich mich eingeschränkt verhalte, einen Tunnelblick aufsetze und dadurch nicht mehr mein ganzes Potenzial oder die ganze Bandbreite zur Verfügung stehender Möglichkeiten sehe und nutzen kann. Ich grenze mich selbst ein und werde dadurch unbeweglicher im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Sie andere Menschen oder sich selbst genau beobachten, können Sie diese Unbeweglichkeit im Körperausdruck sogar wahrnehmen, z.B. hoch gezogene Schultern, steifer Gang, zusammen gepresste Lippen bei den Menschen, die auf Stress eher mit Rückzug (Flucht nach innen) reagieren oder fahrige, hektische Bewegungen, drohende große Gebärden, starke „aufgeblähte“ Brust bei den Menschen, die auf Stress vorrangig mit Abwehr (Angriff nach außen) reagieren.
 
Die empirische Stressforschung hat ein faszinierendes Zusammenspiel zwischen der Persönlichkeit und dem persönlichen Stresserleben und damit der individuellen Stressbewältigung offen gelegt. Muskuläre Verhärtungen und eingeschränkte Atmung, sprich unser eingeschränkter Körperausdruck, zeigen uns selbst (und anderen), was uns Stress (Angst) bereitet und wie wir auf Lebensumstände reagieren. Ein Modell, das typische Stressprofile und deren lebensgeschichtliche Prägung sowie deren körperlichen Ausdruck aufzeigt, ist die Bioenergetik. Der Begründer, Alexander Lowen, entwickelte Übungen zur Diagnostik individueller Stressprofile und der Einschätzung der eigenen Persönlichkeitsstruktur sowie Übungen, die gebundene (Stress)-Energie im Körper entladen. Erreicht wird dadurch nicht nur eine körperliche, sondern auch eine emotionale Befreiung, die wiederum Einfluss auf unsere Einstellungen und Persönlichkeit nimmt.
 
Für mich war es ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl, nach den ersten bioenergetischen Übungen innerhalb meiner Trainerausbildung, zum ersten Mal bewusst einen „freien“ entspannten Rücken und leichte, lockere Schultern zu spüren. Diese Entspannung ging einher mit Gefühlen der Lebensfreude, Tatkraft und dem Erleben, voller Energie zu sein. Trotz meines Argwohns hatte ich begonnen, mich auf einen „Körper-Selbst-Erfahrungs-Prozess“ einzulassen, über diese „Selbsterkenntnis“ erkenne ich Schritt für Schritt eigene typische Stress-Handlungsmuster und fühle mich zunehmend in der Lage, sie bewusst zu beeinflussen und zu verändern. Das Wichtigste ist aber für mich, dass ich immer besser lerne, aufgestaute und in Muskelverspannungen gebundene überschüssige Energie zu entladen und dadurch zu ent-spannen. Mein Körperausdruck wird lebendiger, ich gewinne Sicherheit, weil ich mich selbst wieder spüre und die frei werdende Energie erlebe ich zunehmend als innere Stärke, die ich konstruktiv für meine Vorhaben nutzen kann.
 
Ich kann endlich aufhören, nach schuldigen Stressoren im Außen zu suchen und werde dadurch handlungsfähiger. Rosenstolz haben es treffend in einem ihrer Songs ausgedrückt: „Das bin ich, ..., das allein ist meine Schuld...“. Hurra, ich lebe noch und ich bin selber schuld daran!
 
 
von Paula C. Bemmann
 
 
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