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Erinnerungen: Wie Emotionen uns steuern Drucken E-Mail
 
ImageSeit einer halben Stunde reden wir fünf aneinander vorbei und allmählich ist unser Tisch umhüllt von einer Wolke unterschwelliger Aggression. Dabei waren wir vor 30 Minuten doch noch „ein Herz und eine Seele“, voller Freude, uns nach einem Jahr wiederzusehen und voller Spannung, endlich zu erfahren, was sich bei jedem Einzelnen in der Zwischenzeit getan hat. Ich frage mich erstaunt, was plötzlich in uns gefahren ist.
 
Sprachbarrieren fallen als Ursache für unser spontan auftretendes Unverständnis füreinander aus. Wir haben seit Beginn des Gespräches uns nämlich unbewusst des Hochdeutschen bedient, dessen wir alle trotz geografisch unterschiedlicher Herkunft mächtig sind. Auch fehlende Kenntnisse den Gesprächsinhalt betreffend scheiden als Erklärung aus. Wir teilen alle fünf das gleiche Erlebnis miteinander.
 
Also was geht gerade hier mit uns „ab“? Ich höre auf, inhaltlich zu debattieren, konzentriere mich auf die Gefühle der Einzelnen „zwischen den Zeilen“ und versuche, die Chronologie unseres Gespräches zu rekapitulieren.
 
Die Gemüter hatten sich zu erhitzen begonnen, nachdem Jochen und Alex ein gemeinsames Erlebnis von uns allen aus ihrer individuellen Erinnerung heraus als die jeweils „objektive“ Wirklichkeit schilderten. Ihre Ausführungen waren in sich stimmig, widersprachen sich jedoch grundlegend in der Einschätzung der Gefahr, in der sie sich befanden. Dies führte dazu, dass sich schnell zwei Lager bildeten, die nun wiederum versuchten, die jeweils andere Seite von ihrer Sichtweise zu überzeugen. Jochen und Alex waren aber jeder in ihren eigenen Vorstellungen so stark emotional verhaftet, dass sie auch heute nur die zu ihren Bildern passenden Informationen aufnehmen konnten. Alles andere entzog sich ihrem Fokus und ihrer Aufmerksamkeit.
 
Nun bin ich mir sicher, dass die Gehirne beider völlig intakt und somit die Prozesse ihrer Informationsverarbeitung klinisch unauffällig und der Norm entsprechend funktionieren. Die Aufmerksamkeit hat nach dem Hirnforscher Andreas Kreiter die Funktion, zu helfen unser inneres Modell der Außenwelt upzudaten, indem jene Informationen der Sinnesorgane herausgefiltert werden, die wir für dieses Update benötigen. Unser Gehirn entwickelt mithilfe der Sinneseindrücke und der Erinnerungen ein vereinfachtes Bild der Außenwelt. Jeder von uns glaubt in einem bestimmten Moment die vollständige äußere Situation zu sehen, doch nehmen wir real überwiegend unser abgespeichertes Modell der Welt wahr. Aktualisiert werden lediglich diejenigen Eindrücke, auf denen unsere Aufmerksamkeit ruht.
 
Zum Zeitpunkt des Erlebens müssen wir alle demnach unterschiedliche Bilder bewusst abgespeichert haben. Jochen und Alex kenterten fast zeitgleich mit ihren Kajaks. Für Jochen, dauerte es eine Ewigkeit, die er Kopf unter, gefangen durch seine Spritzdecke, im Wasser verbrachte, bis er sich endlich befreien und zum Luftholen auftauchen konnte. Das Gefühl, gerade noch mit dem Leben davon gekommen zu sein, verfolgt ihn bis heute. Alex hing in etwa die gleiche Zeitspanne Kopf unter im See, war zwar ebenfalls kurz erschrocken, wusste aber vom Tauchsport, dass er problemlos zwei, drei Minuten die Luft anhalten kann. Nach dem Auftauchen war er stolz, ruhig geblieben zu sein. Er fühlte sich danach bestätigt, kritischen Situationen gewachsen zu sein. Wir anderen drei waren mehr erstaunt darüber, wie schnell sich so ein Boot umdrehen kann und sofort neben den beiden Booten im Wasser, um zu helfen. Der ganze Vorgang hatte für uns keine halbe Minute gedauert. Wir waren während der gesamten Zeit „Herr der Lage“ gewesen.
 
Jochens und Alex Gehirne waren aufgrund des Schrecks beim Kentern und des kurzzeitigen Gefangenseins unter Wasser von Adrenalin so berauscht, dass sie mehr Details abgespeichert hatten als sonst. Daher erlebten beide die knappe halbe Minute viel länger als wir. Jochen nahm die Hinderung am Auftauchen und Atmen außerdem als Lebensbedrohung wahr. Sein damaliges intensives Angstgefühl wurde neuronal mit dem Erlebnis verknüpft, weshalb diese Erinnerungen für ihn noch heute sehr präsent und unangenehm sind. Auch Alex kann sich sehr lebhaft, aber positiv emotional an diesen Vorfall erinnern. Die Erinnerungen von uns anderen drei dagegen sind nur noch schemenhaft verschwommen, weil sie nicht mit Emotionen verknüpft sind.
 
Die Intensität einer Erinnerung hängt also von den sinnlichen Umständen zum Zeitpunkt der Einspeicherung ab. Neurologen sind sich einig, dass sich jeder Mensch nicht nur anders erinnert, sondern auch, dass objektives Erinnern unmöglich ist. Nach Ansicht Antonio R. Damasios verknüpft sich jede Erfahrung mit einem „somatischen Marker“, einer Art „Bauchgefühl“, das man bei der Einspeicherung hat. Jede Erfahrung wird dementsprechend individuell als „gut“ oder „schlecht“ festgeschrieben. Zudem ist unser Gedächtnis ein dynamischer Prozess, weshalb unsere Erinnerungen nicht konstant bleiben. Nach jedem Abruf werden die aktuellen Umstände des Gebrauchs neuronal ebenfalls zurück gespeichert, sodass jeder neue Erinnerungsprozess die jeweils letzte Erinnerung überformt.
 
Schade, dass uns fünfen diese Zusammenhänge nicht in unserer Diskussion bewusst waren. Es wäre eine gute Chance für Jochen gewesen, in einer entspannten und verständnisvollen Atmosphäre unter Freuden seine als schrecklich erlebte Erinnerung mit positiveren Gefühlen der Selbstwirksamkeit zurück zu speichern.
 
 
von Paula C. Bemmann
 
 
 
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