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Empathie macht Liebe Drucken E-Mail
Die Schwierigkeit, den anderen zu verstehen und ihn so anzunehmen, wie er ist.

Image„Ich versteh Dich nicht!“ – „Du kannst mich einfach nicht verstehen!“ Wann haben Sie das letzte Mal einen dieser Sätze ausgesprochen oder insgeheim gedacht? In der Auseinandersetzung mit Ihrem Partner, einem Freund, einem Kollegen, einem Mitarbeiter oder Ihrem Chef?
 
Dass für ein gegenseitiges Verständnis, bzw. ein sich-verständlich-Machen für sein Gegenüber, Zahlen, Daten, Fakten, d.h. ein sachlicher Austausch gut vorbereiteter Argumente, völlig unzureichend sind, wissen die meisten nicht erst seit Schulz von Thun. Gestik, Mimik, Tonfall und die Fähigkeit, seine Emotionen erfolgreich einzusetzen, erzielen eine wesentlich größere Wirkung – gewollt wie ungewollt – in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie zeigen dem anderen, wer man ist oder für wen man gerne gehalten werden möchte.
 
Jeder von uns kam auf die Welt, ausgestattet mit einem feinsinnigen Instrumentarium, einer „emotionalen Vollausstattung“ sozusagen, um seine Umwelt in einer sehr vollständigen Weise emotional wahrnehmen und verarbeiten zu können. Zu dieser Fähigkeit gehört auch, sich in sich selbst und in andere Lebewesen einzufühlen und damit die eigenen Beweggründe und die der anderen für das jeweilige Verhalten nachvollziehen zu können. Mit wachsender Lebenserfahrung kommt selbst Erlebtes hinzu, das uns in die Lage versetzt, empathischer zu agieren, weil wir viele Situationen und unsere Reaktionen in ihnen erinnern. Warum haben wir dennoch immer wieder Schwierigkeiten, andere, vor allem aber anders-Denkende und -Handelnde, zu verstehen? Ich wage die These: Weil wir uns weder mit uns selbst noch mit anderen wirklich auseinander setzen wollen.
 
Was ist Empathie und wie verhalte ich mich empathisch?
 
Das Wort Empathie kommt aus dem Griechischen und wird als die Bereitschaft und Fähigkeit, die Erlebensweise anderer Menschen zu verstehen, nachzuvollziehen, sich in andere einzufühlen, definiert. Laut Wikipedia ist damit „die Fähigkeit eines Menschen [gemeint], einen anderen Mensch von außen (ohne persönliche Grenzen zu überschreiten) möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu verstehen, nicht jedoch notwendig auch zu teilen und sich damit über dessen Verstehen und Handeln klar zu werden.“.
 
Die große Herausforderung für denjenigen, der sich in einen anderen einfühlen will, ist dabei, auf eine Wertung und eine Übertragung eigener Gefühle zu verzichten. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass ich meine Gefühle und meine Sichtweisen von denen meines Gegenübers trennen kann. Hierfür muss ich mir aber zuerst einmal meine eigenen Gefühle und meine eigenen Handlungsmuster bewusst machen und dies kann ich wiederum nur, wenn ich gut selbst reflektieren kann, mich ehrlich und offen mit mir selbst auseinander setze und meine Aufmerksamkeit bewusst auf mich selbst konzentriere.
 
Wie fühlen Sie sich gerade jetzt in diesem Augenblick – unabhängig davon, was von Ihnen erwartet wird aus gesellschaftlichen Normen heraus oder aus Ihrer eigenen Anspruchshaltung? Sind Sie müde, angespannt, gestresst oder ganz entspannt, freudig erregt, fröhlich? Wie ist gerade Ihr Gesichtsausdruck? Ist Ihr Blick momentan leer, haben Sie eine Denkfalte auf Ihrer Stirn, strahlen Ihre Augen, beißen Sie gerade die Zähne zusammen oder lächeln Sie, weil Sie an etwas Schönes denken? Wie sitzen Sie gerade? Sitzen Sie aufrecht, zusammen gesunken oder in Schonhaltung, weil Ihnen der Nacken schmerzt? Können Sie alle Ihre Körperteile fühlen, ist alles noch dran, spüren Sie Ihren Körper, auch wenn er nicht schmerzt? Wenn Sie sich jetzt fragen, was die ganze Fragerei mit Einfühlung zu tun haben soll, dann gestatten Sie mir zwei letzte Gegenfragen: Wenn Sie sich nicht ganz genau selbst beobachten, wie können Sie dann Ihre Gefühle wahrnehmen? Wie können Sie dann feine Nuancen auseinander halten, z.B. eine freudig neugierige Anspannung von einer ungeduldig ängstlichen Erregung unterscheiden?
 
Damit hätten wir die ersten Grundvoraussetzungen für das Einfühlen in sich selbst: Selbstbeobachtung und Selbstreflexion. Auch hier ist es wichtig, nicht sofort die beobachteten Körpersignale oder wahrgenommenen Gefühle zu bewerten. Wir, und damit schließe ich mich bewusst selbst mit ein, sollten uns doch freuen, dass wir nicht wie gefühlslose Zombies durch unseren Alltag marschieren, voll funktionstüchtig, aber ohne Gespür, was uns gut tut und was nicht, was wir einfach nur ertragen, weil wir glauben, es müsste so sein. Zeit zur Bewertung, ob unsere Gefühle uns auf etwas aufmerksam machen wollen, was wir in unserem Leben ausbauen möchten, um uns glücklicher zu fühlen oder was wir künftig lieber meiden wollen, weil wir darunter leiden, ist immer noch genügend vorhanden, vorausgesetzt, wir hetzen nicht ständig durch unser Leben und bringen die Geduld auf, hoch kommenden Gefühlen nachzuspüren und auf den Grund zu gehen. Das Schöne an der Selbstbeobachtung und Reflexion ist, dass beide trainierbar sind. Wir müssen dafür noch nicht einmal eine neue Verhaltensweise lernen, wir müssen nur unsere Aufmerksamkeit auf die Dinge richten, die uns interessieren. Je öfter wir uns dafür Zeit nehmen, desto sensibler und vertrauter werden wir für unser Körpergefühl und unsere Emotionen. Sich selbst anzunehmen heißt für mich nichts anderes als „Ja“ zu sagen zu meinem Gefühl und es in meine Entscheidungen und Handlungsweisen zu integrieren.
 
Wer seine emotionalen Fähigkeiten entwickelt, kann auch mutig und selbstverständlich für sich und andere eintreten. Wer sich in sich selbst gut einfühlen kann, weiß, warum bestimmte Dinge für ihn wichtig sind und versteht dadurch, wieso er ein bestimmtes Verhaltensmuster an den Tag legt. Erst dieses Bewusstwerden unserer selbst versetzt uns in die Lage, unvoreingenommen mit der gleichen Sensibilität andere Menschen zu beobachten und ihre Gefühle mit-empfinden zu können ohne uns ängstlich oder aggressiv gegen den anderen abzugrenzen oder gar zur „richtigen“ Sichtweise bekehren zu wollen. Wer sich selbst und seinen Gefühlen vertraut, vergibt sich nichts, sich in den anderen einzufühlen, sich in seine Gedankenwelt zu begeben, in seine Sichtweise zu wechseln. Mit der gleichen Vorgehensweise, mit der wir durch das Wahrnehmen unserer eigenen Gefühlswelt unsere Bedürfnisse entdecken, können wir in der Wahrnehmung der Gefühle und Sichtweisen anderer, deren Bedürfnisse erfahren. Fremde Bedürfnisse haben die gleiche Berechtigung auf Erfüllung wie unsere eigenen. Wer sich dies vergegenwärtigt, kann anderen die Freiheit geben, sich nach ihren Bedürfnissen zu verhalten und sich weiterzuentwickeln. Natürlich kann es dabei zu Zielkonflikten kommen, denn Sie werden nicht immer zeitgleich dasselbe Bedürfnis z.B. nach Nähe und Geborgenheit wie Ihr Partner haben. Indem Sie einfühlsam für sich und Ihren Partner sind, können Sie den Konflikt aber als Ausdruck unterschiedlicher Interessenslagen sehen, statt Ihrem Partner eine Retourkutsche oder absichtlich böswilliges Vorenthalten der Erfüllung Ihrer eigenen Wünsche zu unterstellen.
 
Empathie ist damit auch eine Grundvoraussetzung für Liebe, denn ohne mein Einfühlen in mein Gegenüber bleibt meine Liebe emotionslos. Jeden Tag seine Empathie zu trainieren, indem ich mich in mich einfühle und in die Perspektive des anderen, heißt somit, an der eigenen Liebesfähigkeit zu arbeiten. „Dein Artikel enthält ja nichts als Weisheiten, die doch jeder kennt“, meint mein Freund nach der Lektüre. Ich gebe ihm Recht und wir beide spüren plötzlich den starken Wunsch, diese uns bekannten “Weisheiten” wieder mehr in unserem Alltag zu leben.
 
 
von Paula C. Bemmann
 
 
 
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