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Die Neugier am Mitmenschen Drucken E-Mail
 
ImageIn meiner Studentenzeit hatte ich einen ebenso lukrativen wie aufregenden Job in einem gut besuchten Kulturzentrum. Am Wochenende stand ich bis spät in die Nacht am Tor, um die Eintrittsgelder für den Besuch von Blues- und Jazzveranstaltungen einzunehmen. Dort war ich ständig im Kontakt mit unzähligen ganz unterschiedlichen Besuchern – am intensivsten aber mit denen, die versuchten, hineinzugelangen ohne zu zahlen.
 
Da waren die Geduldigen, die mich in stundenlange Gespräche verwickelten, um meine Sympathie zu gewinnen und 20 Minuten vor Kassenschluss 50 Pfennig zu sparen. Da waren die Trickser, die mich mit nachgemaltem Eintrittsstempel hinters Licht führen wollten. Und da gab es die Politischen, die sich vor dem Eingang zusammenrotteten, um dann mit linken Kampfparolen den Laden zu stürmen. Schließlich hatten wir die wilden 70er Jahre und ich die Gelegenheit, mit zahlreichen abgedrehten Charakteren fair, aber konsequent umgehen zu lernen.
 
Das für mich aufschlussreichste Erlebnis hatte ich, als sich eines Nachts ein Rocker in schwarzem Leder vor mir aufbaute, mich aus nächster Distanz fixierte und fauchte: LASS MICH REIN! Um seiner Aussage ganz unmissverständlich Nachdruck zu verleihen, trat er dabei mit einem seiner metallbeschlagenen Cowboy-Stiefel und seinen zwei Zentnern so auf meinen Fuß, dass mir vor Schmerzen die Tränen in die Augen schossen.
 
Blitzartig war mir klar: Wenn du auf diese Provokation eingehst, landest du noch heute Nacht im Krankenhaus! Also nahm ich all meinen Mut und meinen Humor zusammen, legte ihm ganz sanft die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: "Hey, Typ, du stehst auf meinem Fuß..."
 
Völlig irritiert von so viel Freundlichkeit, nahm er seinen Fuß zurück und schaute mich verdutzt an. Sein "Ich zahl keinen Eintritt! Ihr beschissenen Ausbeuter!" kam schon mit sehr viel weniger Überzeugung rüber, als sein erster Versuch. So hatte ich die Ruhe, ihn mir genauer anzuschauen: Über seinem massigen Körper spannte sich die Lederkluft. Die ungewaschenen halb langen Haare klebten im Gesicht. Aus den Ohren lief ihm der Schmalz. Er roch ganz undefinierbar abstoßend nach Dreck und Alkohol.
 
"Glaubst du ich stünde jede Nacht 5 Stunden in der Kälte rum, wenn ich zu den Ausbeutern zählen würde?" im Nu hatte ich ihn in ein Gespräch über wirtschaftliche Abhängigkeiten im Spätkapitalismus verwickelt und wenig später saß er neben mir auf dem Tisch und diskutierte mit mir über Politik und Gesellschaft. Nur weil ich auf seine blinde, aus der Not geborenen Wut nicht eingegangen war, brach die harte Schale auf und er zeigte eine ganz andere Seite von sich: Seine Perspektivlosigkeit, seine Verzweiflung und seine Sehnsucht nach Vertrauen.
 
Nach diesem Schlüsselerlebnis habe ich gelernt, meine Mitmenschen nicht nach dem ersten Eindruck zu bewerten oder zu verurteilen, sondern ihnen immer mehrere Chancen zu geben. Hinter jedem zunächst unattraktiven Äußeren, jedem unverständlichen Verhalten steckt ein Mensch, der es Wert ist, dass man sich mit ihm beschäftigt. Er hat seine individuelle Geschichte, voller Handikaps, voller Niederlagen, oft voller Tragik, die das aus ihm das gemacht hat, was er lebt und darstellt.
 
Viele dieser Leben sind wie ein Krimi: brutal, spannend und unglaublich. Es ist nicht schwierig, neugierig darauf zu sein, wenn man sich die Zeit lässt, auf den anderen einzugehen. Die Neugier auf andere Menschen ist einer der Grundpfeiler der Empathie und damit Voraussetzung, das Vertrauen anderer Menschen zu gewinnen. Nur fällt diese Neugier vielen Menschen so schwer, weil sie hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind und davon ausgehen, dass alle Menschen das gleiche Werte-Empfinden und die gleiche Einstellung haben müssten wie sie selbst.
 
Deshalb ist die Intoleranz allem Fremden gegenüber weit verbreitet. Wer sich in seine Welt zurückzieht und alles Ungewohnte ablehnt, fühlt sich schnell von andersartigen Menschen und deren "Hilferufen" gestört. Aber er nimmt sich damit auch die Chancen, sein eigenes Leben und das anderer interessant zu machen. Nur ca. ein Drittel aller Menschen leben für die Werte der Gemeinschaft. Sie orientieren sich an ihrer Umgebung und interessieren sich für ihre Mitmenschen. Das sind die Einfühlsamen, das sind die, die unsere Gesellschaft inspirieren, bereichern und weiterentwickeln können.
 
Leider zählen diese Werte zur Zeit in unserer Gesellschaft nicht sehr viel, weil die meisten Führungskräfte fälschlicherweise glauben, mit Härte, Druck und Ellenbogen mehr erreichen zu können. Welch ein tragischer Irrtum! Zahlreiche Studien, allen voran die jährlich erscheinende Gallup-Studie , belegen das Gegenteil: Mit etwas mehr Empathie, Toleranz und Offenheit können wir Vorurteile abbauen, Ängste überwinden helfen, frustrierte Menschen in die Gemeinschaft reintegrieren und Leistungsreserven mobilisieren.
 
Das ist gar nicht so schwer wie es scheint. Es bedarf nur der bewussten Entscheidung, im Moment der Begegnung, den eigenen Druck, den Leistungsanspruch, den Stress zurückzunehmen und den vermeintlichen "Gegener" als Menschen zu erkennen. Wie leicht fiel es mir, dem verzweifelten Rocker ein anderes, weit weniger nihilistische Weltbild zu beschreiben! Auch wenn das sein Leben nicht wirklich verändert haben mag, so hatte er für eine Stunde sein aggressives Muster abgelegt und meine Meinung ernst genommen. Und anschließend zahlte er freiwillig seinen reduzierten Eintrittspreis, um die letzten 40 Minuten des Blues-Konzertes mitzuerleben. So beginnt Emotionale Führung und Veränderung im Stillen: beim Zuhören, beim Verstehen-Wollen und beim Annehmen des Anderen.
 
Im Oktober bieten wir dazu ein intensives Empathie-Training an.
 
 
von Michael Blochberger
 
 
 
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