| Die 3 Dimensionen von Disziplin |
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“Dir geht das doch viel leichter von der Hand als mir,” stöhnt eine gute Freundin, “du bist immer so diszipliniert!” Diszipliniert, denke ich, das klingt irgendwie nach deutscher Tugend, nach Gehorsam und Quälerei. Ist das wirklich eine Stärke von mir? Im Moment kann ich mir diese Frage nicht wirklich beantworten: Einerseits habe ich selten Probleme, meine Verpflichtungen zu erfüllen. Andererseits fallen mir mehrere Beispiele ein, bei denen es mir deutlich an Disziplin mangelt. Das macht mich neugierig, der Sache auf den Grund zu gehen....
Zu allen schönen Dingen im Leben, die mir besonders Spaß machen, benötige ich keine Disziplin: Ein spannendes Buch lesen, mit Freunden gemeinsam Kochen oder Gartenarbeit in der Kanarischen Sonne. Da drängen keine Termine. Das ist unabhängig von Ziel und Zeit. Da handle ich nach kindlicher Lust und Laune. Und wenn es langweilig wird, tue ich etwas anderes. Das fließt von allein. Ganz ohne Disziplin.
Disziplin heißt, Dinge zu tun, auch wenn es keinen Spaß macht: Notwendige Pflichten erfüllen. Konsequent die Aufgaben verfolgen, die man sich gesetzt hat. Den inneren Schweinehund überwinden, um ein höheres Ziel zu erreichen.
STOPP! Dahinter verbergen sich doch ganz unterschiedliche Ansprüche an meine Selbstkontrolle, oder? Hier sollte ich differenzieren, um weiter zu kommen.
1. Einsicht ins Notwendige
Da sind zunächst die lästigen Pflichten des Alltags, die getan werden müssen, wenn man sich das Leben erträglich machen will: Zähne putzen, den Müll raus bringen oder Hemden bügeln. Alles Dinge, die wir aus Vernunft tun, um nicht stinkend und ungepflegt zu verkommen.
Obwohl ich Hemden bügeln hasse, stelle ich mich 10 Minuten vor ‘Abflug’ ans Bügelbrett und bedämpfe den Stoff ohne zu murren. Die Norm, mit einem frischen Hemd zu erscheinen, habe ich akzeptiert. Das gibt mir auch die Disziplin, es durchzustehen. Ja, ich verspüre sogar eine gewisse Befriedigung, wenn ich mich dabei nicht verbrenne.
Anders ist es bei Normen, deren Wert ich für mich nicht akzeptieren will: Jeden Abend den Schreibtisch aufräumen, jede Woche den Rasen mähen oder Ansichtskarten aus dem Urlaub schreiben. Zu solcherart Pflichterfüllung fehlt mir der Sinn, wohl weil ich Klischees zu meiden suche. Hier handle ich lieber nach Lust und Laune oder wenn es nicht mehr anders geht.
Aber ich bin erwachsen genug, die sinnvollen Pflichten von den unwichtigen zu unterscheiden. Wirklich undisziplinierten Menschen gelingt das schon im Ansatz nicht. Ihnen fehlt es an dem Willen und der Bereitschaft, äußere Erwartungen zu erfüllen. Oft lehnen sie gesellschaftliche Normen grundsätzlich ab und erkennen den persönlichen Nutzen darin nicht. Der Wunsch, dass alles Spaß machen muss, hindert sie daran, erwachsen zu werden.
2. Verzicht zugunsten höherer Ziele
Disziplin wird allgemein als Schlüsselqualifikation der Emotionalen Intelligenz verstanden. Schon Daniel Goleman beschreibt in seinem ersten Buch den ‘Marshmallow-Test’ aus den sechziger Jahren, in dem vierjährige Kinder aufgefordert wurden, bis zur Rückkehr der Aufsichtsperson auf den Genuss eines Bonbons zu verzichten. Wer das durchhielt, wurde mit einem zweiten Bonbon belohnt.
Die Entwicklung der Kinder wurde bis zum Hochschulabschluss beobachtet. Dabei stellte sich heraus, dass die Kinder, die sich diszipliniert gezeigt hatten und zugunsten des höheren Zieles von 2 Marshmallows zunächst auf den Genuss verzichteten, im Schnitt weit bessere Noten bekamen, sich besser konzentrieren konnten und eine erfolgreichere Karriere starteten.
Freiwillig auf Angenehmes zu verzichten, um höhere Ziele zu erreichen, ist für mich die zweite Dimension der Disziplin. Wenn ich besondere Ansprüche an mich stelle, kann ich diese nur umsetzen, wenn ich es verstehe, meine einfachen Bedürfnisse zu beherrschen und zurückzustellen.
Die Planung eines Umbaus, die intensive Vorbereitung eines Seminars oder das Schreiben dieses Artikels gelingen mir nicht, ohne totale Konzentration, das Verschieben von Mahlzeiten oder den Verzicht auf Freizeit.
Die Kraft zur Selbstüberwindung ziehe ich dabei aus meiner Vorstellungskraft von der späteren Freude und Erfüllung am Ergebnis. Der Anspruch an meine Arbeit wertet diese auf und gibt ihr den notwendigen Sinn. Diese Sinnhaftigkeit wird so zur Energiequelle für ein Mehr an Leistung.
Die Fähigkeit zur Entwicklung von Werten und Visionen ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung von Disziplin. Wer diese Vorstellungskraft nicht besitzt, wird keinen Grund erkennen, auf den kurzfristigen Genuss zu verzichten. Er wird die Zeit und Energie vergeuden für Nebensächlichkeiten und seine Ziele schwer erreichen.
3. Spannung für die ganz großen Dinge
Eine ganz andere Größenordnung von Disziplin benötigen wir, wenn es darum geht, komplexe Aufgaben, die nur über einen längeren Zeitraum realisierbar sind, umzusetzen: Monate lang für einen Marathonlauf trainieren, richtig gut Gitarre spielen lernen oder ein Buch schreiben, das fällt mir wirklich schwer. Dazu braucht es neben einer dauerhaften Selbstüberwindung noch weiterer unterstützender Kompetenzen, um die Disziplin aufrecht zu erhalten. Sicher lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen, um mögliche Entwicklungspotentiale zu erkennen.
• Planen und Strukturieren.
Langfristige Ziele bedürfen einer guten Organisation, um nicht zu scheitern. Die einzelnen Schritte müssen gut geplant werden und korrekt aufeinander aufbauen. Zur Vorbereitung auf einen Marathonlauf muss zum Beispiel ein exakter Trainingsplan aufgestellt werden, um die Leistungsfähigkeit langsam zu steigern. Auf dem Weg zum Ziel werden Messpunkte festgelegt, damit der Zwischenstand des Projektes kontrollierbar wird. Das erfordert Klarheit und Übersicht, aber das sind Eigenschaften, die mir durchaus liegen.
• Zur Priorität machen.
Große Dinge benötigen viel Zeit und einen dauerhaften Input, um die Spannung und das Interesse an der Sache zu erhalten. Das geht nur, indem man regelmäßige Arbeitszeiten für das Projekt einplant und diesen eine hohe Priorität gibt. Wer sich von anderen Aufgaben ablenken lässt und geplante Zeitfenster anders nutzt, wird schnell den roten Faden verlieren. Das heißt, ich muss auch bereit sein, andere Verpflichtungen einzuschränken oder zurückzustellen. Ich stelle für mich fest, dass ich für einen Marathonlauf nicht bereit bin, andere Interessen hinten anzustellen.
• Freude an den kleinen Erfolgen.
Bei großen Projekten, ist es wichtig, kleine Zwischenziele zu schaffen, deren Erreichen immer wieder Bestätigung und Motivation gibt für die nächste Etappe. Sich an den kleinen Schritten zu freuen und nicht immer auf das ferne Ziel zu schauen ist dabei eine wichtige Fähigkeit, die mir schwer fällt. Oft sind meine Ansprüche und meine Ungeduld zu hoch, als dass ich mich bestätigt fühle, wenn ich nach wochenlangem Engagement erst einen Bruchteil erreicht habe. Mehr Bescheidenheit und Demut wären notwendig, um die kleinen Erfolge mehr genießen zu können.
• Widerstände bewusst machen.
Selbst Projekte, die uns wichtig und sinnvoll sind, für die wir viel Zeit investieren und mit Freude die kleinen Schritte beobachten, bleiben manchmal auf der Strecke, ohne dass wir wissen warum. Dann bleibt nur der Tipp, die persönliche Einstellung, die sich eventuell widersprechenden inneren Stimmen zu hinterfragen. Warum wehre ich mich gegen das Projekt? Was hindert mich daran? Wovor habe ich zu viel Respekt?
Wenn ich mein inneres Team frage, warum es mit meinem Buch nicht weiter geht, dann höre ich verschiedene Stimmen, die sich nicht einig sind: Der Sponti sagt: Langwierige Arbeit macht mir keinen Spaß. Der Ehrgeizige meint: Ein solches Buch würde uns viel Publicity bringen. Der Kritiker meint: Es ist schon alles zu diesem Thema geschrieben worden. Und der Sensible in mir meldet sich: Genug der Disziplin, du hast schon genug Stress!
Manchmal ist es doch ganz gut, seine Disziplin auch infrage zu stellen.
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“Dir geht das doch viel leichter von der Hand als mir,” stöhnt eine gute Freundin, “du bist immer so diszipliniert!” Diszipliniert, denke ich, das klingt irgendwie nach deutscher Tugend, nach Gehorsam und Quälerei. Ist das wirklich eine Stärke von mir? Im Moment kann ich mir diese Frage nicht wirklich beantworten: Einerseits habe ich selten Probleme, meine Verpflichtungen zu erfüllen. Andererseits fallen mir mehrere Beispiele ein, bei denen es mir deutlich an Disziplin mangelt. Das macht mich neugierig, der Sache auf den Grund zu gehen....