| Angst frisst Liebe auf |
|
|
|
Für Klaus
„Uns verbindet keine Leidenschaft. Wir verstehen uns gut, die Ruhe gibt mir die Entspannung, die ich brauche, um mich wieder aufzutanken, um dem Stress in meiner Arbeit etwas entgegen zu setzen...“. „Warum verzichtet er auf Lebendigkeit? Weil er erfahren hat, dass Leidenschaft auch Leiden schafft?“, denke ich und sehe in ein traurig sehnsuchtsvolles Augenpaar. Schon wieder einer, wie die drei anderen Teilnehmer vorigen Monat, wie ich die letzten 20 Jahre, bevor ich Dir begegnete.
Schnulzig, pathetisch, irrreal: nein, es gibt ihn nicht, den mutig-offenen, männlich-starken Prinzen auf dem weißen Pferd oder die verrucht-hingebungsvolle weiblich-zarte Jungfrau, die sich ihrem Partner, für den sie so lange gekämpft, um den sie so intensiv gerungen hat, vertrauensvoll hingibt, bis dass der Tod...
Ammenmärchen und Hirngespinste liebeskranker Hölderline, eroberungsgeiler Goethes und entrückt-verträumter Exil-Allendes. Nein, die nüchterne Realität ist eher Kundera: gehemmt Liebende, sehnsuchtsvoll getrieben und doch gefangen in ihren Ängsten, gesellschaftlichen Zwängen und früheren Erfahrungen. Zaghafte Versuche, dem eigenen Gefängnis selbst interpretierter Grenzen zu entrinnen und seiner Sehnsucht zu folgen, werden in reumütiger Rückkehr zum Altbewährten ertränkt, sich allmählich einstellende Bitterkeit in Zynismus oder Resignation umgelenkt oder einfach in ein: „Mir geht es gut so.“ uminterpretiert. Und wenn mir das alles nichts hilft, projiziere ich einfach die Gefühle meiner eigenen Unzufriedenheit auf mein Gegenüber: „Der andere will doch nicht..."
Es ist faszinierend wie perfekt unser Unterbewusstsein funktioniert. Angetriggert von einer Situation, einer Person oder einer Stimmung hat es im Bruchteil einer Sekunde Bilder aus meiner Vergangenheit parat und verknüpft (für mich völlig unbewusst) die aufkommenden „alten“ Gefühle mit der Jetztsituation. Eh ich mich versehe, stecke ich im Schmerz oder der Angst von damals.
Damals, als ich verlassen wurde vom zweitwichtigsten Menschen in meinem Leben, von dem Menschen, der psychologisch gesehen, mein Lehrmeister für Beziehungsfähigkeit sein sollte, von meinem Vati. Mit elf lauschte ich verständnislos dem Hall des Wortes „Scheidung“ nach. Die traurigen schmerzgefüllten Augen meines Vatis in diesem Moment werde ich jedoch nie vergessen. Erst als er fort und für uns Kinder nicht mehr ansprechbar war, suchte ich nach einer Erklärung, um mich in meiner Welt wieder zurecht zu finden. Von meiner Mutti wusste ich, dass er uns jederzeit besuchen kommen kann, sie verbot es also nicht, schlussfolgerte ich. Aber er kam nicht, jedenfalls nicht einfach so, nur für uns. Er brauchte immer einen Anlass: Ostern, Weihnachten, Geburtstag – wir tauschten Geschenke aus und redeten über das Wetter, waren nie mehr allein, immer distanziert. „Ich bin nicht liebenswert.“ und „Ich darf nur mir selbst vertrauen, denn von heute auf morgen, kann es passieren, dass nichts mehr ist, wie es war.“, schrieb ich als kindliche Erkenntnis in mein Lebensskript.
Mit meinen ersten Wahrnehmungen im Bauch meiner Mutti begann ich wie alle Menschen an einem „Skript“ meines Lebens zu schreiben, in das ich alle meine Glaubenssätze und Interpretationen, wie die Welt funktioniert, lebenslang sammeln werde. Und da Kinder gefangen sind in ihrem egozentrischen Weltbild und dadurch annehmen, dass jede Reaktion ihrer Mitmenschen hauptsächlich durch ihr eigenes voran gegangenes Verhalten ausgelöst wird, musste ich doch etwas falsch gemacht haben, mit dem ich den Rückzug meines Vatis verursacht hatte. Weil ich aber kein konkretes Fehlverhalten erruieren konnte, musste ich logischerweise „falsch sein“ und die Liebe meines Vaters nicht verdient haben.
Es viel mir zunehmend schwer, anderen Menschen zu vertrauen. Ich war immer auf der Hut – wann kommt ein Anzeichen von Missfallen mir gegenüber? Ich war ständig im außen, ständig angespannt, denn es sollte mir nicht noch einmal passieren, dass ich bei mir wichtigen Personen übersehe, dass sie unzufrieden mit mir sind und dann wieder unverhofft verlassen werde. Ich bemerkte gar nicht, dass ich nur noch „lieb“ war, angepasst und freundlich und mir wurde nicht bewusst, dass ich eine Maske trug. Wer war ich eigentlich selbst? Ich hatte keine Ahnung, denn auf meine eigenen Bedürfnisse achtete ich längst nicht mehr. In meinen künftigen Beziehungen lebte ich das Leben der anderen: ich übernahm den Freundeskreis, hatte Spaß an denselben Interessen, passte mich an den Rhythmus meines Partners an. Es gab fast nie Streit, denn ich fraß meine Enttäuschungen in mich hinein (gemäß meines Lebensskripts war ich es ja nicht wert). Ich hatte unglaublich harmonische Beziehungen! Von außen betrachtet funktionierte ich mit meinen Partnern nahezu perfekt. Ich hätte zufrieden und glücklich sein können, war es aber nicht.
„Du hast unheimlich traurige Augen“, hörte ich immer wieder. Dabei spürte ich die Trauer über meine ungelebten Bedürfnisse aus Selbstschutz schon längst nicht mehr. In mir tobte ein Kampf zwischen meiner ungeheuer starken Sehnsucht nach emotionaler Nähe und meiner riesigen Angst davor, von anderen verletzt zu werden. Ich wollte so gerne lebendig sowie ganz ich selbst sein, genau dafür geliebt werden, weil ich Schwächen habe, und mit dem Mann an meiner Seite verschmelzen. Tatsächlich aber tat ich alles, um nur ja immer selbstständig und unabhängig zu sein.
Vor eineinhalb Jahren fiel es mir dann in einem Persönlichkeitstraining wie Schuppen von den Augen. Mir wurde klar, dass ich mich noch nie wirklich auf eine dauerhafte Nähe zu anderen eingelassen habe, dass ich alles trennte in ein „ich“ auf der einen Seite und in ein „du“ auf der anderen. Ich lebte in einer Wohngemeinschaft zweier Einzelindividuen, die es nicht einmal schafften, ihre Termine gemeinsam zu koordinieren.
Und dann traf ich Dich und Du sprachst vom „wir“. In der geschützten Atmosphäre der Trainingsgruppe gelang uns zusammen etwas, wovor wir beide uns aufgrund ganz unterschiedlicher Ängsten immer gewehrt hatten: für einige Augenblicke öffneten wir füreinander unsere Herzen ganz. Und uns passierte nichts von dem, was wir alptraumhaft fürchteten. Ganz im Gegenteil. Wir lagen uns eng umschlingend und weinend in den Armen und füllten uns gleichzeitig liebenswert, stark und unabhängig. Ein berauschend Glück verströmendes Gefühl! Nie hätte ich über den Verstand geglaubt, dass so eine Nähe nicht zur Selbstaufgabe führt. Ich musste und muss es immer wieder erfahren. Nur so kann ich meine alten Glaubenssätze neutralisieren und ihnen neue entgegensetzen, damit mein Lebensskript ändern, mich verändern.
Mein Ringen ist ein anderes geworden. Ich investiere nicht mehr so viel Energie in meine Angstfantasien, ich verwende sie darauf, in der Nähe zu bleiben, nach der ich mich sehne, meinen Fluchttendenzen zu trotzen, mir liebevoll zu verzeihen, wenn ich doch versucht habe zu flüchten, und mich nicht gleich wieder zurückzuziehen, wenn der andere in Distanz geht. Paradoxerweise bin ich jetzt viel stärker als je zuvor bei mir. Und das ist nicht immer schön! Manchmal ist es unglaublich anstrengend, manchmal schmerzhaft, mich zu erkennen, aber oft auch unglaublich erfüllend.
Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – die ganze Bandbreite spüren zusammen mit Dir! Ich will es gar nicht mehr anders, auch wenn es mich immer wieder mächtig beutelt. Keine faulen Kompromisse aus Angst vor unserer Nähe und vor tiefen Gefühlen, aus Angst vor Selbstaufgabe, aus Angst vor der Bewertung durch andere. Ich bin ganz ich, gerade im Wir.
von Paula C. Bemmann
|
| < zurück | weiter > |
|---|







„Uns verbindet keine Leidenschaft. Wir verstehen uns gut, die Ruhe gibt mir die Entspannung, die ich brauche, um mich wieder aufzutanken, um dem Stress in meiner Arbeit etwas entgegen zu setzen...“. „Warum verzichtet er auf Lebendigkeit? Weil er erfahren hat, dass Leidenschaft auch Leiden schafft?“, denke ich und sehe in ein traurig sehnsuchtsvolles Augenpaar. Schon wieder einer, wie die drei anderen Teilnehmer vorigen Monat, wie ich die letzten 20 Jahre, bevor ich Dir begegnete.