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Am Ende der Wahrheit bleibt der Wunsch nach Authentizität Drucken E-Mail
Image So bin ich nun mal erzogen: Ein braver Junge sagt immer die Wahrheit. Aber Wahrheit, was ist das? Damals war die Wahrheit das, was meine Eltern für richtig empfanden. Das fühlte sich noch einfach an. In der Schule wurde es aber schon komplizierter. Die Lehrer bestimmten, was die Wahrheit ist. Und manchmal war das nicht das Gleiche wie zu Hause.
 

Mit meinem jungen, ehrgeizigen Deutschlehrer auf dem Gymnasium hatte ich so meine Probleme. "Neue Besen kehren gut", war mein Beispiel für ein deutsches Sprichwort, womit ich seine überzogen harte Benotung beurteilen wollte. Ich war der einzige Schüler, der sein Beispiel nicht deuten durfte. "Neue Lehrer kehren die Fünfen von der Schule", erklärte mein Lehrer. Ich fühlte mich zu schwach, der Wahrheit meines Lehrers zu widersprechen und bekam für meine Leistung eine Fünf.
 
Die Wahrheit als Instrument der Macht
 
Auf diese Weise musste ich schmerzhaft lernen, dass meine Wahrheit nicht für alle galt. Wer die Macht hat, bestimmt jeweils, was zur Wahrheit wird. Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, Politiker und Wissenschaftler. Und da wir im Laufe unserer Entwicklung von Lob und Zuwendung der "Mächtigen" abhängig sind, lassen wir uns konditionieren. Wir übernehmen die Wahrheiten anderer, um dazuzugehören. Wir fügen uns in das System, lernen und suchen unseren Platz in der Gesellschaft.
 
Grundsätzlich ist dieser Vorgang der Sozialisation sehr sinnvoll, weil er jedem die Chance bietet, neue Erfahrungen zu machen, verschiedene Sichtweisen kennenzulernen und in seiner Umgebung zu reifen. Aber nur wenige Menschen besitzen die Persönlichkeit, sich in diesem Prozess so viel Unabhängigkeit zu bewahren, dass sie aus eigener Kraft fremde Wahrheiten hinterfragen und eigene Wertmaßstäbe entwickeln können.
 
Im Zeitalter der Kommunikation und Medienvielfalt besitzen wir alle technischen Möglichkeiten, uns zu informieren und ein eigenständiges Urteil zu bilden. Aber die Informationsflut zwingt uns zu filtern und zu selektieren. So prägen die allgegenwärtigen Medien unser Meinungsbild, oft ohne dass es uns bewusst wird. Gern übernehmen wir fremde Aussagen als Wahrheit, ohne sie je hinterfragt zu haben.
 
Wer diese Medien zu nutzen weiß, ist in der Lage, in kürzester Zeit neue Wahrheiten zu schaffen. Gerüchte, Phantasien und Lügen werden in Minuten zu neuen Wahrheiten gemacht. Sie manipulieren die Börsen, fördern oder zerstören Karrieren und schüren Kriege. Informationen werden zum Machtinstrument und wir werden zu Mitläufern.
 
Selbst die Wissenschaft lässt sich immer wieder zur Durchsetzung von Machtinteressen missbrauchen, statt dem Fortschritt und den wissenschaftlichen Ansprüchen zu dienen. Wie gerne glauben wir den zahlreichen Analysen, Gutachten und Forschungsergebnissen. Und doch verfolgen sie vorgegebene Ziele und sind abhängig von Geldgebern, Gremien und Lobbyisten.
 
Das Unternehmen als Wahrheits-Monopol
 
Auch in den meisten Organisationen führen die Machtverhältnisse schnell zu Wahrheits-Monopolen. Die Leitung bestimmt die Denk- und Handlungsweise. Die Manager werden nach entsprechender Einstellung und gewünschter Kompetenz engagiert. Das Ziel ist der produktive "Gleichschritt" aller Mitarbeiter. Bald herrschen Regeln und ungeschriebenen Gesetze, was machbar und was zu lassen ist. Individualisten und Querdenker passen sich an oder verlassen das Unternehmen.
 
Solche Strukturen sind nützlich, wenn es gilt, den Bestand zu wahren oder konstante Leistungen zu sichern. Sie sind aber hinderlich in Krisen, in Zeiten der Veränderung, und wenn es gilt, neue Wege zu beschreiten. Dann ist Kreativität gefragt und die entsteht nur, indem ich eine Kultur der Vielfalt zulasse und auch neue Meinungen und Impulse fördere.
 
Es ist also kein Zufall, dass in Deutschland zur Zeit der Ruf nach authentischen Führungskräften wieder laut wird. Denn Authentizität ist das, was den angepassten, oft profillosen Managern fehlt. Sie folgen den Konventionen, behindern alternative Sicht- und Handlungsweisen und übersehen so die ungenutzten Potentiale.
 
Authentizität als Voraussetzung für Innovation und Veränderung
 
"Authentizität ist der Zustand wahrer Echtheit eines Menschen, der in seiner natürlichen Souveränität denkt, fühlt und handelt", schreibt der Psychologe H.W. Graf. Oder anders formuliert: Ein Mensch zeigt Authentizität, wenn er sich nicht vorgegebenen Wahrheiten anpasst, sondern seine eigene persönliche Souveränität bewahrt und unabhängige Wertemaßstäbe ansetzt.
 
Diese Echtheit und Souveränität ist notwendig, um in Zeiten der Veränderung und des Wandels autonome, übergeordnete Entscheidungskriterien zu schaffen. Wenn alte Gewohnheiten verloren gehen, wenn bisherige Wahrheiten sich als falsch erweisen, dann gilt es, neue Perspektiven und Positionen zu finden.
 
Die authentische Führungskraft besitzt die Fähigkeit, sich über Konventionen hinwegzusetzen, wenn es der Sache dient. Sie erkennt aufgrund der inneren Sicherheit und des eigenen Wertesystems die Notwendigkeit und Richtigkeit von Entscheidungen. So erreicht sie ein Höchstmaß an Effizienz.
 
Die authentische Führungskraft hat bereits in der eigenen Entwicklung die Notwendigkeit differenzierter Sichtweisen erkannt und reflektiert. Sie hat das bisher Gelernte nach eigenen Wertemaßstäben hinterfragt, aussortiert und sich einen eigenen, auf die persönlichen Kompetenzen abgestimmten "Werkzeugkasten" angeeignet.
 
Die Basis dieses "Werkzeugkastens" ist die Identifikation der Person mit ihren eigenen Werten. Der Fokus auf diese eigene Wahrheit schafft eine innere Unabhängigkeit gegenüber äußeren, kollektiven Kriterien oder primären Machtinteressen. Dadurch werden Wege und Inhalte erschlossen, die ohne das autonome Weltbild nicht möglich wären.
 
Authentizität schafft Sicherheit und Orientierung
 
Jede Veränderung schafft Verunsicherung und Ängste unter den Beteiligten. Die Menschen stehen dem Neuen meist kritisch und hilflos gegenüber. Sie fürchten persönliche Nachteile, steigende Anforderungen oder sogar den Verlust des Arbeitsplatzes. Sie rufen nach Orientierung und neuen Perspektiven.
 
Besonders in Krisen kann die authentische Führungskraft Stärken ausspielen, die dem konventionellen Manager fehlen. Weil sie über eigene Wahrheiten verfügt, kann sie unabhängiger von ihrem Status Position beziehen. Sie versteht differenzierte Interessenslagen und handelt in persönlicher Souveränität. Eine Qualität, die Orientierung gibt und Konflikte verhindert.
 
Die Wirkung einer authentischen Führungskraft basiert auf der inneren Sicherheit der Person. Die Mitmenschen erleben, dass nicht auf äußere Störfaktoren reagiert, sondern nach langfristigen und unabhängigen Kriterien entschieden wird. Die gewonnene emotionale Kontinuität schafft Verständnis und Akzeptanz — auch für notwendige Veränderungen.
 
Wie Sie Authentizität trainieren können
 
Menschen, die authentisch sind, zeigen Eigenschaften, die Sie durch Coaching oder Persönlichkeitstrainings gezielt entwickeln können: :
 
• Sie sind sich der Existenz widersprüchlicher Wahrheiten bewusst, können diese wertfrei identifizieren und unterschiedliche Perspektiven erkennen.
• Sie sind sich ihrer Wertemaßstäbe bewusst und fällen Entscheidungen unter Einbeziehung der Alternativen nach eigenen, unabhängigen Maßstäben.
• Sie sind sich ihrer eigenen Persönlichkeit bewusst und können unabhängig von Status und Kompetenz zu sich selbst Stellung beziehen.
 
Die wichtigste Voraussetzung für Authentizität ist aber die Entscheidung für den eigenen, persönlichen Lebensweg. Wer seine inneren Bedürfnisse unterdrückt, um fremde Ansprüchen zu erfüllen, wer seinen Charakter leugnet, um etwas zu erreichen, dem wird es nicht möglich sein, zu sich selbst zu finden.
 
Sich von äußeren Zwängen zu befreien ist eine bewährte Strategie auf dem Weg zu mehr Authentizität. Sie erfordert Risikobereitschaft, Eigenverantwortung und Persönlichkeit. Letztendlich braucht aber auch der eigene Weg Bestätigung durch andere.
 
Auch Authentizität braucht Erfolgserlebnisse
 
Mein erstes Erfolgserlebnis in Punkto Authentizität hatte ich mit meiner Deutschlehrerin in der 12. Klasse. Es ging um Galileo Galilei und seine Wahrheit, dass die Erde eine Kugel ist. Der offiziellen Wahrheit nach war sie aber eine Scheibe. Die Kirche drohte ihm so lange mit der Folter, bis er seiner Meinung abschwor. Auch Galileo musste lernen, mit der Wahrheit anderer umzugehen. Das kam mir irgendwie bekannt vor.
 
Aber meine Lehrerin hatte den Anspruch, dass er der Wahrheit zuliebe hätte sterben müssen. Das ging mir zu weit. Das glaubte ich bisher gelernt zu haben, dass es keine Wahrheit gibt, für die es sich zu sterben lohnt. Und mit welchem Recht nahm sie für sich in Anspruch, das von anderen zu verlangen?
 
Der folgende Meinungsaustausch vor einer schweigenden Klasse bewirkte, dass wir beide den Standpunkt des anderen begreifen lernten. Ich verstand: Galileo fehlte es an Authentizität, um trotz seiner Angst weiter überzeugend zu wirken. Aber ich verstand ihn. Aus meiner Identifikation mit seiner Schwäche zog ich die Sicherheit, meine Haltung weiter zu vertreten.
 
Und meine Pädagogin ließ sich von meiner pragmatischen Einstellung so beeindrucken, dass ich sie schließlich überzeugen konnte. Anders als 7 Jahre zuvor hatte ich den Mut gehabt, mich gegen die Autorität meiner Lehrerin zu behaupten und bekam dafür im Zeugnis eine Zwei.
 
Diese Szene ist mir so ins Gedächtnis gebrannt, weil ich damals begriff: Es geht nicht darum, der allgemeinen Meinung zu entsprechen oder Recht zu behalten. Ich hatte gelernt, wenn ich aus vollem Herzen für meine Überzeugung einzutreten bereit bin, schaffe ich für die Gemeinschaft einen Mehrwert, der vielseitige Anerkennung und Belohnung findet.
 
Erfolgserlebnisse dieser Art prägen unser Bewusstsein auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit. Sie sind notwendige Meilensteine, die uns die Kraft geben, über den Schatten unserer Sozialisation zu springen, unsere anerzogenen Normen zu überwinden und zur eigenen Authentizität zu finden.
 
 
von Michael Blochberger 
 
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