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Wölfe im Schafspelz? Drucken E-Mail
 
ImageKaum einer wird mir widersprechen, wenn ich behaupte, dass der Führungsstil in hohem Maße durch die Persönlichkeit der Führungskraft bestimmt wird. Trotzdem glaubt die Mehrheit aller deutschen Führungskräfte (und scheinbar auch einige Bildungsträger), dass Führen eine Frage der Technik sei und der Charakter der Führungskraft durch technische Fähigkeiten zu neutralisieren ist. Wenn das so einfach wäre, könnten wir uns vor guten Führungskräften kaum retten! In der Praxis sieht das anders aus...
 
Echte Führungskompetenz ist selten. Sie braucht eine menschlich-ethische Einstellung und vor allem persönliche Veränderungsbereitschaft, um zu wachsen. Techniken und Methoden können hierbei wirkungsvolle Hilfsmittel sein. Sie sind aber nur so gut, wie die Persönlichkeit der Führungskraft es zulässt. Denn ob der Mitarbeiter beispielsweise ein Zielvereinbarungsgespräch als persönliche Chance oder als Erpressungsversuch versteht, darüber entscheiden Einfühlungsvermögen, Kompromissbereitschaft und das Menschenbild des Vorgesetzten.
 
Woran liegt es nun, dass gute Führungskräfte so rar sind und immer mehr Menschen das schlechte Arbeitsklima bemängeln?
 
Schon in der Auswahl der Nachwuchs-Führungskräfte wird der erste große Fehler begangen: Führungskompetenz wird den ehrgeizigen Siegertypen eher zugesprochen als den stillen Diplomaten. Körpergröße, Dominanz und Rücksichtslosigkeit scheinen vielen Vorgesetzten wichtiger als soziale Kompetenz.
 
Gerade dieser Charakter wird unter Leistungsdruck schnell ungeduldig und aggressiv. Er ist machtbewusst und schiebt die Schuld gern auf andere. Persönliche Interessen gehen ihm über die der Gemeinschaft. Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Kompromissbereitschaft, Loyalität, Vertrauen und Integrationsfähigkeit sind nicht seine Stärken.
 
Kurz: In vielen Unternehmen werden die gefördert und befördert, die von ihrer Persönlichkeit nicht dazu neigen, Frieden zu stiften, sondern die Konflikte und Ängste schüren und in der Not über Leichen gehen. In Krisen mag das sinnvoll sein. Aber wenn es darum geht, Kreativität und Innovation zu fördern, Teams zur Selbstverantwortung zu führen und Probleme zu lösen, sind andere Qualitäten gefordert.
 
Aber es gibt auch die sozialkompetenten Nachwuchskräfte, die sensiblen Teamplayer, die empathischen Diplomaten. Warum finden wir diese so selten in Führungspositionen? Dafür sind folgende Gründe anzuführen:
 
  • Zunächst drängen sie sich selten in den Vordergrund, zeigen weniger Durchsetzungsvermögen und lassen sich seltener von Machtinteressen leiten. Sie werden einfach seltener erkannt.
  • Ihr Gemeinschaftssinn und ihr Wunsch nach Konsens machen sie harmoniebedürftig. Sie gehen Konflikten eher aus dem Weg und zeigen „Beißhemmungen“.
  • Ihr Bedürfnis nach breiter Informationen führt sie in Krisen dazu, das Risiko zu scheuen und Entscheidungen hinauszuzögern.
 
Der Teamplayer besitzt die höhere Sozialkompetenz und damit den Zugang zu den menschlichen Ressourcen des Unternehmens. In unserem martialischen Wirtschaftssystem gleicht er aber eher dem friedlichen Schaf als dem Wolf und dem traut man das Überleben nicht zu.
 
In unzähligen Seminaren werden deshalb die Wölfe in konstruktive Führungsmethoden eingeführt und gezwungen, Kreide zu fressen. Nur liegt es in der Natur des Wolfes, dass er den Schafspelz ablegt, wenn er Blut leckt. Dann ist es vorbei mit dem Vertrauen und die Führungstechniken sind zum Scheitern verurteilt.
 
Warum bauen wir nicht viel häufiger auf die guten Anlagen des Teamplayers, dem es ein Leichtes ist, Konsens zu schaffen und Mitarbeiter zu motivieren. Er ist in der Regel selbstkritischer und entwicklungsfähig. Auf der Basis eines sozialverträglichen Miteinanders kann er seine Konflikt- und Entscheidungsfähigkeit ausbauen und Menschen mit Sicherheit in die Zukunft führen.
 
Da ein situatives Führen wechselnde Führungsstile erfordert, brauchen wir die Qualitäten von Wolf und Schaf. Es geht nicht um das Entweder-Oder sondern um das Sowohl-Als-Auch. Ohne echte Führungspersönlichkeiten werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht lösen können.
 
Also bleibt die Frage, was erfolgreicher ist: Dem Schaf das Beißen beibringen oder den Wolf Gras fressen lassen...?
 
 
von Michael Blochberger
 
 
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