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Empathie: Gefühle anderer wahrnehmen Drucken E-Mail
Image Sich in seine Mitmenschen einfühlen können ist die wichtigste Voraussetzung, um mit anderen konstruktiv umgehen zu lernen. Wer sein Handeln nicht an den Gefühlen anderer abstimmt, wird überall anecken, Konflikte heraufbeschwören und immer unverstanden bleiben. Empathie macht das Gelingen jeder zwischenmenschlichen Kommunikation erst möglich.
 
Auch wenn wir selten ehrlich über unsere Gefühle sprechen, senden wir ständig eine Vielzahl nonverbaler Signale an unsere Gesprächspartner, die wir kaum oder gar nicht beinflussen können: Mimik, Gestik, Körperhaltung, der Tonfall der Stimme, die Hautoberfläche und der Geruch verraten untrügliche Details über unseren wahren aktuellen Gefühlszustand. Sie machen mehr als 90% aller Informationen innerhalb eines persönlichen Gespräches aus.
 
Ein Mensch mit hoher Empathie kann alle diese Signale wahrnehmen und verstehen, aber wie macht er das? Er versetzt sich zeitweise in die Position seines Gegenüber, um dessen Perspektiven, Gefühle und Bedürfnisse besser nachzuempfinden und kann sein eigenes Handeln an diesem "Gefühlsabdruck" orientieren.
 
Eine empathische Mutter geht zu ihrem weinenden Kind in die Hocke, um mit verstellter Stimme dem Schmerz des Kindes auf gleicher Ebene und in gleicher Tonlage nachfühlen zu können. Ein einfühlsamer Freund, erkennt meine Trauer über den Verlust eines Angehörigen, weil er sich vorzustellen vermag, wie er sich fühlen würde, wenn einer seiner Verwandten gestorben wäre. Ein empathischer Personalchef wird auf die Ängste und Enttäuschungen eines Mitarbeiters im Zielvereinbarungsgespräch besser eingehen und mehr erreichen, wenn er sich an eigene kritische Gespräche in seiner Vergangenheit erinnern kann.
 
Diese Technik (im NLP "Spiegeln" genannt) ist ein ganz natürlicher Vorgang, den wir im Alltag oft unbewusst vollziehen, den wir aber auch regelmäßig trainieren können: Durch das Nachahmen von Mimik und Körperhaltung eines Menschen spüren wir vergleichbare Gefühle wie dieser und reagieren entsprechend.
 
Tipp 1: Seien Sie neugierig auf die Gefühle Ihrer Mitmenschen! Nutzen Sie jede Gelegenheit, andere, gerade fremde Menschen zu beobachten und deren Gefühle zu erkennen! Versuchen Sie in Bus oder Bahn, bei der Arbeit oder in der Freizeit, andere durch das "Spiegeln" zu verstehen. Sie werden schnell erkennen, wie Sie durch Ihr einfühlsames Verhalten selbst unbekannte Mitbürger öffnen und in Ihr Vertrauen ziehen können. Denn jeder Mensch sehnt sich danach, verstanden zu werden. Aber übertreiben Sie Ihre Mimik nicht, nur wenn Sie natürlich bleiben, sind Sie glaubwürdig.
 
Ein weiterer wichtiger Faktor in der Entwicklung der persönlichen empathischen Fähigkeiten ist die ganz individuelle Erlebnistiefe eines Menschen. Kleine Kinder scheinen ihre Umgebung mit größerer Intensität wahrzunehmen als Erwachsene. Mit großer Lust erobern sie die Welt und sammeln mit viel Gefühl ihre Erfahrungen. Durch Erziehung und wachsende Ängste werden diese Fähigkeiten aber mit den Jahren mehr oder weniger unterdrückt. Später schränken wir uns selbst ein, schrecken vor neuen Risiken zurück und lassen unsere Wahrnehmungsfähigkeiten verkümmern.
 
Aber: "Kein Mensch kann das beim anderen sehen und verstehen, was er nicht selbst erlebt hat", sagt Hermann Hesse. Wer also aus Angst sein Leben lang vor negativen Erfahrungen und Risiken geflohen ist, wird starke Freuden, Hoffnungen und Ängste seiner Mitmenschen schwer nachvollziehen können. Deshalb kann man aber auch als Erwachsener noch etwas für die Intensität seiner Wahrnehmung und seines Einfühlungsvermögens unternehmen.
 
Tipp 2: Der Schlüssel zur Weiterentwicklung Ihrer Erlebnisfähigkeit liegt in einer scheinbar "kindlichen" Bereitschaft neue Erfahrungen zu machen und seine Sinne zu schärfen. Haben Sie den Mut, dabei auch negative Erlebnisse und Niederlagen in Kauf zu nehmen. Das kann damit beginnen, eine unbekannte Person auf der Straße anzusprechen, ohne Hotelbuchung in ein fremdes Land zu reisen, an einem Selbsterfahrungsseminar teilzunehmen oder auf andere Weise die scheinbare Sicherheit aufzugeben. Das Wiederentdecken Ihrer Ängste wird Ihnen helfen, alle Gefühle wieder intensiver wahrzunehmen - auch die Ihrer Mitmenschen.
 
Und: Einfühlungsvermögen ist die wichtigste Vorraussetzung für jede Art von sozialem Miteinander. Ohne Empathie ist jede Verhandlung, jede Beziehung, jede Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Mit dem Wahrnehmen der Gefühle unserer Mitmenschen ist es aber nicht getan. Wir müssen auch lernen, Empathie zu zeigen, das heißt einfühlsam zu reagieren. Weil das so wichtig ist, werden wir im nächsten NL dieses Thema nochmals gesondert behandeln.
 
 
von Michael Blochberger 
 
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