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Liebe, Leidenschaft und Wirtschaft – ein Widerspruch? Drucken E-Mail
 
ImageGlaubt man den ethischen Richtlinien vieler Manager deutscher Konzerne, dann haben Liebe und Leidenschaft im Geschäft nichts zu suchen. Und auch unter Google ist kein Eintrag in der Kombination aller drei Wörter zu finden. Dabei wirbt fast jede Branche mit Slogans wie „Aus Liebe zu...“, „Wir lieben...“ oder „Für alle, die ... lieben“.
 
Wir Deutschen scheinen vieles zu lieben und mancher Leidenschaft zu frönen – aber bitte in unserer Freizeit, nicht am Arbeitsplatz, denn emotionales „Überengagement“ ist schlecht für´s Business. Obwohl die meisten Menschen mehr als ein Drittel ihres Lebens bei der Arbeit verbringen und sich am Arbeitsplatz rund ein Drittel aller Ehen anbahnen, werden Regeln in dicke Leitfäden gegossen, um die „unkontrollierbaren“ Emotionen auszuschalten.
 
Frankreich im September, irgendwo auf dem Land südwestlich von Paris. Das Meer ist noch zu weit weg und so das Land seit Generationen in Bauernhand. Hier überleben kleine Familienbetriebe mit der Liebe und der Leidenschaft für Wein. Der Sohn, der das Geschäft vom Vater übernommen hat, ist gerade unterwegs. Kein Problem, wir dürfen uns schon einmal um das alte Weinfass herum setzen, dann ist der Vater wieder in seinem Element. Nur einer von uns kann Französisch, dennoch fühlen wir anderen uns eingebunden in ein Gespräch über den Geschmack der verschiedenen Jahrgänge, das passende Essen dazu, die unterschiedlichen Böden der Gegend und natürlich werden wir auch nach unserem Zuhause befragt, woher wir kommen und welcher Wein in unserer Gegend angebaut wird. Wir lachen viel, erfahren Neues und ganz „nebenbei“ merken wir unsere Favoriten für den Kauf bereits vor. Beim letzten Glas Wein, das wir probieren, erscheint der Sohn, die Übergabe an ihn geschieht ganz se! lbstverständlich. Keine Spur von Kontrolle durch den Vater, im Gegenteil. Vertrauen und gegenseitige Unterstützung scheinen hier vorzuherrschen. Wie jedes Jahr helfen wir mit beim Verfrachten der „vracs“ in unseren Kombi und wie jedes Jahr wissen wir bereits beim Abfahren, dass wir wieder kommen.
 
Nach Sennett ist die moderne Arbeitswelt durch den Mangel an Loyalität und Verbindlichkeit gekennzeichnet, weil nichts Langfristiges mehr gefragt scheint in der neuen ökonomischen Realität. Stellen werden durch „Projektarbeit“ und „Arbeitsfelder“ ersetzt und erschweren damit die Aufrechterhaltung jahrelang gewachsener Arbeitsbeziehungen. Aus Mitarbeitern wurde das „Humankapital“, das sich nun auch einfacher mit der Kostenseite in Verbindung bringen lässt. Trotz massiven Personalabbaus wird dennoch an die Mitarbeiterbindung der Verbliebenen an das Unternehmen appelliert, nicht selten von denen, die selbst nicht lang genug auf ihrem Posten bleiben, um eigene Fehler auch wieder auszubügeln. Im Glauben, alles normieren zu können, rückt man nun auch den Gefühlen zu Leibe. Sie sollen passend gemacht werden wie Werkzeuge, jederzeit einsatzbereit, aber bei Nichtgebrauch auch wieder ablegbar.
 
Wer sich aus Sympathie für die Sache und seine Kollegen oder Mitarbeiter im Unternehmen engagiert ist deutlich erfolgreicher als die Pragmatiker, die sich nur durch Zahlen, Daten, Fakten leiten lassen. Dies ist hinreichend untersucht. Zudem hat Hite ebenfalls nachgewiesen, dass Liebe und Leidenschaft im Job zu Höchstleistungen anspornen. Ich bin mir sicher, dass ein jeder mindestens schon einmal ein ähnliches Erlebnis wie ich mit „unserer“ französischen Weinbauerfamilie erlebt hat. All dies müsste doch Beweis genug sein, dass Liebe und Zuneigung keine unternehmerischen Störfaktoren sind, sondern im Gegenteil Kreativität, Leistungsbereitschaft und das Eintreten für die geliebte Sache nach sich ziehen.
 
Liebe und Leidenschaft für die Sache ist nicht nur in Familienunternehmen, in Start ups, Genossenschaften oder früheren Ich-AGs zu finden. Im gemeinsamen Ringen um die erfolgreiche Umsetzung von Ideen kann jeder auch in seinem Arbeitsumfeld oder Projekt tragfähige persönliche Beziehungen aufbauen, sich gegenseitig unterstützen und seine Arbeitssituation – wenn vielleicht nur im Kleinen – für ein Höchstmaß an Spaß und Freude an der eigenen Tätigkeit gestalten. Denn dann entwickelt sich noch etwas, das in jeder wirklichen Liebe wächst, wenn die erste Leidenschaft sich verbraucht hat – VERTRAUEN – in sich selbst, die anderen und den Erfolg.
 
Denjenigen unter uns, die sich und ihren Leidenschaften folgen, bleibt die Hoffnung, dass „brand eins“ nicht das einzige Wirtschaftsmagazin bleibt, das „Liebe“ zum Schwerpunktthema gemacht hat.
 
 
  von Paula C. Bemmann
 
 
 
 
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