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Kein Stress in dieser Woche! Drucken E-Mail
Gut gelaunt nach dem erholsamen Wochenende und so richtig gut ausgeschlafen, sitze ich im Zug auf dem Weg zur Arbeit. Nein, ich lasse kein schlechtes Gewissen aufkommen, weil ich zwei Tage einfach nur im Bett verbracht habe. Heute nehme ich mir auch nicht Die Zeit und beginne hektisch mit dem Lesen, wohl wissend, dass ich mir dadurch die Chance vergebe, dieses wöchentliche Monumentalwerk journalistischer Kunstfertigkeit in fünf Pendlertagen auszulesen. Denn diese Woche habe ich zu meinen ganz persönlichen Anti-Stress-Tagen auserkoren.
 
Und die beginne ich, indem ich die vorbeiziehende Landschaft in aller Seelen Ruhe in mich aufsauge: Da, ein Sonnenstrahl bricht plötzlich durch die Wolken und umhüllt sanft die sich ihm entgegenreckenden Bäume eines Waldstücks. Und da hinten, gleich eine ganze Gruppe Rehe auf der Flucht: Wie elegant sie ihre Sprünge vollziehen! Man meint, sie berühren dabei nur für einen Bruchteil einer Sekunde gerade so viel Boden, wie sie benötigen, um sich für den nächsten Sprung abzudrücken. Dabei leuchtet ihr weißes Hinterteil so unübersehbar, dass selbst dem zerstreutesten Hintermann das "Hier entlang, hier entlang...!" nicht entgeht.

Mein Blick fällt zurück auf die müden Gesichter der anderen Abteilinsassen, in die schlagartig Leben einkehrt, als der Zug den Zielbahnhof erreicht. Gehetzt von dem Drang, wenn schon nicht als Erster, dann wenigstens nicht als Letzter an der Tür zu sein, springen alle gleichzeitig auf und reihen sich in die Aussteigeschlange ein. Als Letzte, denn ich will mich ja diese Woche nicht hetzen lassen, ernte ich prompt die ungeduldigen Blicke der Zusteigewilligen, sodass ich mich nun doch genötigt fühle, einen Zahn zuzulegen. Dafür gönne ich mir eine gemächliche Fahrt mit dem Rad zum Büro, wodurch mir heute sogar das Vogelgezwitscher und das freudige Bellen der Gassi gehenden Hunde auffallen.

Bewaffnet mit meinem guten Vorsatz "Kein Stress in dieser Woche!" betrete ich voller positiver Energie mein Büro und kann den ersten Anflug von Zeitnot gerade noch im Keime ersticken als ich auf meinem Schreibtisch den riesigen Stapel Post entdecke. "In der Ruhe liegt die Kraft", denke ich und fahre erst einmal den Rechner hoch. "Blink", macht es und Outlook öffnet sich und ehe ich noch wegsehen kann, ist mein Posteingang voll. "Oh nein, ich muss doch heute...", höre ich mich jammern, als mich das Telefon jäh aus der sich anbahnenden Panik reißt. Zehn Minuten später lege ich mir den heutigen Schlachtplan fest – denn gut geplant, ist halb gewonnen – und verschaffe mir einen Überblick über die wichtigsten Termine dieser Woche. Das Einläuten der Mittagszeit erlöst mich nach dreieinhalb Stunden dann endlich von der Korrespondiererei und Erledigung administrativer Aufgaben. "Ich habe schon echt was geschafft!", versuche ich mich zu trösten.

 Immerhin ist heute Montag und das Schöne daran ist, dass sich montags die Tischgespräche der Kollegen um Privates drehen. Erst gegen Ende der Woche mutieren sie wieder zu Arbeitsgesprächen, um uns allen das Gefühl zu geben, keine Zeit zu vergeuden. Trotzdem ertappe ich mich nach dem letzten Bissen dabei, ungeduldig auf meinem Stuhl herumzuzappeln. Denn gerade ist mir mit Schrecken eingefallen, dass ich morgen einen Fertigstellungstermin habe, der in meiner Zeitkalkulation bislang fehlt. Schnell stürze ich den Cappuccino ungeachtet seiner Temperatur hinunter und habe dadurch das Vergnügen, den Rest des Tages mit einem verbrannten Gaumen zu verbringen.

Als sich der Tag dem Abend neigt, habe ich es doch geschafft. Gerade noch rechtzeitig setze ich die Mail ab und sortiere das Liegengebliebene unter "dringend zu erledigen" ab. Jetzt aber schnell, damit ich den Zug noch erwische, sonst komme ich zu spät zu meiner Verabredung! Mit hochrotem Kopf und schweißgebadet stürze ich gerade noch rechtzeitig auf das Gleis und sinke wenige Sekunden später erschöpft auf das Sitzpolster.

War wohl nichts mit dem Anti-Stress-Tag, denke ich und schnappe mir Die Zeit. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag...
 
 
von Paula C. Bemmann 
 
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