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Existenzangst oder Die Last erwachsen zu werden Drucken E-Mail
 
ImageMein Freund Martin ist immer am Jammern. Seitdem er sich selbständig gemacht hat, steckt er ständig in finanziellen Nöten. Ja, ihn plagen echte Existenzängste. Dabei weiß ich, dass er ganz gute Jobs bekommt und passable Umsätze macht. Er fährt ein neues Auto, lebt in einer großzügigen Wohnung, fährt nach Italien in Urlaub und gönnt sich auch sonst ein angenehmes Leben. Auf den ersten Blick war mir seine tiefe Unzufriedenheit ein Rätsel.
 
Jahre zuvor war Martin als Vertriebsleiter für ein Softwareunternehmen tätig, mit einem großzügigen Festgehalt und regelmäßigen Erfolgsprämien. Entsprechend großzügig war auch sein Lebensstandard: Dienstwagen, Raum für angenehme Freizeitgestaltung, kurz: jede Menge Dolce Vita. Als seine Firma in Konkurs ging und er plötzlich auf der Straße stand, war er tief geschockt. Er fühlte sich von seinem Arbeitgeber verraten und verkauft, denn mit 49 Jahren war es schwer, eine adäquate Stelle zu finden. So trat er die Flucht nach vorn an und wagte den Sprung in die Selbständigkeit, als Vertriebsberater.
 
Aufgrund seines fachlichen Know-hows und seiner guten Beziehungen hatte er keinen schlechten Start, aber es fiel ihm extrem schwer, seinen Lebensstandard einzuschränken. Schließlich war er ein erfahrener Vertriebsmann und wollte auch entsprechend auftreten. So beging er den größten Fehler, den man zu Beginn der Selbständigkeit machen kann, er glaubte, das eingenommene Geld könne er 1:1 ausgeben, brutto für netto, ohne Rücklagen zu bilden. Seine Büroeinrichtung finanzierte er und sein dickes Auto wurde geleast. So trieb er seine Fixkosten so hoch, dass er kaum noch Handlungsspielraum besaß.
 
Als nach zwei Jahren der erste Steuerbescheid vom Finanzamt kam, konnte er die Schuld nicht begleichen, denn seine Konten waren bis zum Anschlag im Minus. Jetzt war es endgültig um seine Selbstsicherheit geschehen, denn er war nicht mehr in der Lage, ein Auftragsloch von vier Wochen zu überstehen. Er fühlte sich von seinen Schulden getrieben und fand keinen Spaß darin, für sein Leben kämpfen zu müssen. Von Monat zu Monat wirkte er gehetzter und immer seltener überzeugend. Keine guten Voraussetzungen für einen Vertriebsberater!
 
Zu allem Übel ging in dieser Zeit auch noch seine Beziehung in die Brüche. Und heute lebt er allein in der viel zu großen Wohnung, zahlt viel zu viel Miete, hat wieder angefangen zu rauchen, fährt zwar einen etwas kleineren Wagen aber sehnt sich nach der guten alten Zeit zurück. Wie ist Martin zu helfen?
 
Selbstbeschränkung. Der erste Schritt in die Selbständigkeit (und in jeder Finanzkrise) ist die Selbstbeschränkung. Ich bin verpflichtet, meine Fixkosten und meine privaten Ausgaben auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, um geschäftlich einen möglichst großen Handlungsspielraum zu bekommen. Da ich kein gesichertes Einkommen mehr habe, muss ich bereit sein, auf privaten Konsum, Urlaub, Auto, Rauchen und andere Kostenfaktoren radikal zu verzichten, um zu sparen und Rücklagen zu bilden. Solange, bis ich in meinem Kundenkreis neue Sicherheit gefunden habe. Bill Gates hat einmal gesagt: Ein gesundes Unternehmen muss ohne einen einzigen Auftrag 2 Jahre überleben können!
 
Investives Handeln. Mein Unternehmen und dessen Überleben muss für mich und eventuelle Kollegen absolute Priorität haben, denn wir sind von dessen Existenz abhängig. Das heißt, jeder Euro, den ich einnehme, gehört nicht mir, sondern der Firma und muss zunächst investiert werden, damit "mein Baby" wachsen kann. Gute Investitionen sind die Ausgaben, die das Unternehmen voranbringen und Werte schaffen. Dazu gehört alles, was der Kompetenz und dem Image dient, auch wertbeständiger Besitz. Vermeiden sollte man alle nicht wertbeständigen Kosten wie Miete, Zinsen und vergängliche Konsumgüter. Mit der Selbständigkeit übernehme ich die Verantwortung für ein Wesen, das ich pflegen muss wie ein Kind. An dieser "Elternrolle" kann ich er-wachsen werden. Wenn ich gelernt habe, zu geben statt immer nur zu fordern, dann kommt der Erfolg von allein. Ein guter Unternehmer liebt seinen Job und ist deshalb unabhängig von Status und Konsum.
 
Strategisches Denken. Als guter Selbständiger sorge ich mich um die Zukunft meines Unternehmens. Ich entwickle Vorstellungen davon, was "mein Baby" in fünf oder zehn Jahren können und darstellen soll und leite meine beruflichen Ziele davon ab. Ich schaffe eine Vision, ein stimmiges Idealbild meiner beruflichen Zukunft, das meine Wertevorstellungen erfüllt und analysiere, welche Maßnahmen, Kompetenzen und Menschen ich brauche, um diese Vision zu erreichen. Dazu zählen Partner, Mitarbeiter, Weiterbildung, aber auch meine Identität und Sprache. Diese meine Vision hilft mir, mich täglich aufs Neue zu motivieren, trotz beruflicher Sachzwänge immer auf meinem Weg zu bleiben und nicht aus der Abhängigkeit des Geldes heraus mir und meinen Grundsätzen untreu zu werden.
 
Mein Freund Martin hat diese Schritte nicht wirklich vollzogen. Seine Selbstbeschränkung war nicht konsequent genug, weil sie nur halbherzig aus dem Zwang heraus erfolgte. Er frönt bis heute dem Konsum und hat nicht gelernt, was investives Handeln bedeutet. Und er hat bis heute keine echte Vision, wie seine berufliche Zukunft aussehen soll. Letztendlich weigert er sich standhaft, erwachsen zu werden. Stattdessen beschwert er sich über die misslichen Umstände und wartet wie ein Kind darauf, dass man ihn füttert. Martin sollte endlich die Verantwortung für sich übernehmen und lernen, mit Demut seinem Beruf und seinen Zielen zu dienen. Ein Coach kann ihn sicher dabei unterstützen.
 
 
von Michael Blochberger
 
 
 
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