| Die Macht destruktiver Glaubenssätze |
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Er sieht sich als Opfer unserer Leistungsgesellschaft, verbrannt, ausgelaugt, gesundheitlich am Ende.
Ein Mann, der fürchtet, den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, der sich auf Kosten
seiner Gesundheit zur Arbeit quält. Ein von Existenzangst gezeichneter Mensch, der sich täglich zur Leistung
zwingt, obwohl er weder Freude noch Hoffnung darin findet. Dies ist seine Sichtweise, seine ganz persönliche
Wahrheit, die er mit Schuldzuweisungen gespickt heraus hustet, voller Hilflosigkeit, Angst und Hass gegen
alle, die das für ihn verursacht haben: Die Vorgesetzten, die ihm keine Anerkennung geben, die Politiker,
die ihm seine soziale Sicherheit nehmen und die Gesellschaft, deren Veränderungen er sich nicht gewachsen
fühlt.
Von allen Kollegen und Kolleginnen leidet dieser Mann am deutlichsten unter starken Stresssymptomen.
Auch die anderen klagen über den wachsenden Leistungsdruck. Viele lassen sich wie er erst durch eine
Krankheit zu einer Ruhepause zwingen. Einige sind ebenfalls über Fünfzig und haben Angst, nicht mehr gebraucht
zu werden. Aber kein Teilnehmer ist von so negativen Einstellungen besessen wie unser Kandidat. Keiner
sieht seine Situation und seine Umwelt durch eine so düstere Brille.
Im Einzelgespräch unterstütze ich ihn dabei, seine Belastungssituationen, die so genannte Stressoren, von seinen
persönlichen Bewertungen zu trennen, um ihm den Einfluss seiner negativen Einstellung bewusst zu machen.
Schritt für Schritt erarbeiten wir seine destruktiven Bewertungen und Glaubenssätze:
Leistungsdruck und Krankheit sind für viele in seinem Alter alltägliche Herausforderungen.
Aber unser Teilnehmer hat sich in seine stressverschärfenden Gedanken so verbissen, dass für ihn
die Situation unerträglich wird. Erst durch diesen hoffnungslosen Pessimismus macht er
daraus seine persönliche Tragödie.
Im zweiten Schritt machen wir uns daran, die negativen Bewertungen zu hinterfragen, um
alternative Sichtweisen anzuregen. Dabei helfen ihm Fragen wie:
Über diese Fragen finden wir mühselig zu einigen konstruktiven Aussagen, die der Teilnehmer
einzeln auf Moderationskärtchen notiert:
Auf meine Frage, wie sich diese positiven Bewertungen bei ihm anfühlen, zögert er lange.
Ich frage nach: "Was macht das mit dir, wenn du dir sagst: Mit meiner Erfahrung finde ich immer einen Job?"
"Ich weiß, dass es nicht so ist," entgegnet er.
"Und was fühlst du, wenn du sagst: Ich tue etwas für meine Gesundheit?"
"Dafür ist es schon zu spät," erwidert er.
"Und was spürst du, wenn du dir sagst: Ich kann auch mit weniger Geld glücklich sein?"
"Das will ich nicht! Auf meinen Lebensstandard bin ich nicht bereit, zu verzichten!" stößt er
wütend hervor und bekommt einen kräftigen Hustenanfall.
"Mir geht es anders. Ich spüre die Hoffnung und Lebensfreude, die in diesen Aussagen steckt," sage ich.
"Es gibt keine Hoffnung!" giftet er trotzig zurück.
Er reißt alle Karten mit positiven Aussagen von der Pinnwand und schreibt eine neue Karte:
"Für mich gibt es keine Lösung – Ich kann die Umstände nicht beeinflussen"
Wie viele sieht er sich ausschließlich als Opfer der Umstände, aus denen es seiner Meinung nach kein Entrinnen gibt.
So zementiert er seine destruktive Sichtweise zu einem geistigen Gefängnis, das praktisch jeden ideellen
Ausbruchsversuch, jedes alternative Verhalten unmöglich macht. Was mir bleibt, ist ihm den Rat zu geben,
sich professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen, wohl ahnend, dass er lieber sterben würde,
als sich diese "Blöße" zu geben.
Seine Vorgesetzten haben eine etwas andere Sicht der Dinge: Sie kennen den Mitarbeiter als einen
unangenehmen aber unverzichtbaren Leistungsträger, dessen Krankheiten zu tolerieren sind. Aufgrund seiner
Erfahrung werden ihm regelmäßig wichtige Aufgaben und Projekte anvertraut. Einzig und allein sein aggressives
Verhalten – Folge seiner destruktiven Einstellung – wird mit Misstrauen beobachtet. Aber genau dieser destruktive
Charakter wird es sein, der seine "Wahrheit" eines Tages Realität werden lässt.
Vielleicht ist das der Moment, den er braucht, um in seinem Leben endlich etwas zu verändern...?
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