| Balance oder Spagat? |
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In einer Coaching-Sitzung mit einer engagiert arbeitenden Mutter kam
das Thema Stress hoch. Schwer in Fahrt und sichtlich aufgewühlt
erzählte sie mir, dass sie "immer wieder darauf achte, in ihrem
Durcheinander den Spagat...eh... die Balance zu finden..."
Diesen Versprecher fand ich so auffallend und die Vorstellung von zwei Menschen in diesen doch recht unterschiedlichen Körperhaltungen so passend, dass ich noch mal darauf zurückgekommen bin. Meiner Klientin selbst war es gar nicht aufgefallen, dass sie diese Begriffe so anstandslos austauschte/verwechselte.
Froh um diese treffende Visualisierung ihrer Situation, hat sie die Begriffe Balance und Spagat näher beleuchtet. Dabei entstand sehr schnell die Assoziation, dass der Spagat eine Haltung ist, die man über einen längeren Zeitraum wohl kaum entspannt einnehmen kann. Das begleitende Gefühl, eine Brücke zwischen zwei Sachen schlagen zu müssen, die man noch "unbedingt irgendwie hinkriegen" soll, komplettierte das Bild einer zerreißenden, ungesunden Pose.
Das Bild, das bei dem Begriff Balance entstand, zeigte einen gerade stehenden, zentrierten Menschen. Obwohl er das Gleichgewicht manchmal mit Hilfe seiner seitlich ausgestreckten Arme wiederfinden musste, wirkte die Person wesentlich stressfreier!
Nun fragte meine Klientin sich, ob sie nun tatsächlich mehr im Spagat oder in Balance lebt...
Zur Erörterung dieser Frage war es für sie wichtig, erst mal eine genaue Analyse in Bezug auf ihren "Stress" zu machen. Dabei wurde schnell deutlich, dass sie – wie leider viele andere auch – den Begriff Stress sehr undifferenziert benutzte: Sie beschrieb damit sowohl ihr geringes Wohlbefinden ("Ich bin gestresst"), gab damit aber gleichzeitig eine Erklärungen dafür ("Das macht halt der Stress"). Sie bezeichnete somit sowohl den Auslöser als die Reaktion als "Stress". Für sie stand Stress für ein "äußeres zwangsläufiges Übel" der heutigen Zeit, auf das sie selbst kaum Einfluss hat. Um meine Klientin aus dieser Rolle des hilflosen Opfers zu holen, war es notwendig, ihr zu zeigen, wie sie selbst an der Entstehung von Stress beteiligt ist und welche Möglichkeiten der Stressbewältigung sie hat. Zum Thema Stress arbeite ich mit dem Gesundheitsförderungsprogramm von Kaluza*, was von der Universität Marburg konzeptionell entwickelt, praktisch erprobt und wissenschaftlich evaluiert wurde. Ohne zuviel ins Detail zu gehen, möchte ich Ihnen die wichtigsten Begriffe kurz erläutern.
Das, was wir alltagssprachlich "Stress" nennen, ist das Zusammenspiel von Stressoren (alle situativen Bedingungen, in deren Folge es zu einer Auslösung von Stressreaktionen kommt) und Stressreaktionen (alle Prozesse, die auf Seiten der betroffenen Person als Antwort auf einen Stressor stattfinden).
Stressoren können völlig unterschiedlicher Natur sein wie z.B. Unfälle, Prüfungssituationen, Kälte, Hitze, Konflikte, Trennung, Schmerz oder Hunger. Wie belastend eine Situation ist, hängt von der Bewertung der betreffenden Person ab. Stressreaktionen laufen auf drei verschiedenen Ebenen ab:
Die behavioralen Stressreaktionen sind die von außen beobachtbaren Verhaltensweisen wie z.B. hastiges Reden, das Essen herunterschlingen, Betäubungsverhalten in Form von rauchen, Alkohol trinken oder Beruhigungsmittel einnehmen, Dinge verlegen, planloses Arbeiten, aggressives oder ungehaltenes Verhalten.
Die kognitiv-emotionalen Stressreaktionen umfassen alle Vorgänge, die von außen nicht sichtbar sind wie Gefühle der Nervosität, Unzufriedenheit, Hilflosigkeit, Angst oder des Ärgers, Leere im Kopf oder Denkblockaden.
Die körperlichen Stressreaktionen bereiten den menschlichen Organismus in kürzester Zeit optimal darauf vor, bedrohlichen Situationen entweder mit Kampf oder Flucht (engl. "Fight or Flight) zu begegnen: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller, die Durchblutung der Muskulatur wird verbessert, die Zuckerreserven werden zum Verbrauch bereit gestellt, die Verdauungstätigkeit wird herabgesetzt und die Immunkompetenz ist reduziert. Nach der großen motorischen Aktion in Form von Kampf bzw. Flucht erholt sich der Körper wieder.
Die Stressreaktion auf Stressoren funktionierte bei den Urmenschen in Verbindung mit Säbelzahntigern und angreifenden Nachbarstämmen gut. Phasen der Belastung und Phasen der Erholung wechselten sich ab. In der jetzigen Zeit, werden wir jedoch von vielen, sogenannten "alltäglichen Stressoren" belastet, auf die wir nicht mit einer körperlichen Aktion reagieren können und somit erholt sich unser Körper nicht optimal.
Nach diesem kleinen theoretischen Diskurs schlug ich meiner Klientin vor, den Erholungs-Belastungs -Fragebogen (EBF) von W. Kallus einzusetzen, um ihre aktuelle Situation systematisch zu betrachten. Somit würde sie dann beurteilen können, ob sie eher "im Spagat" zwischen den vielen Anforderungen lebe, oder ob ihre Belastungs- und Erholungsphasen "in Balance" seien.
In der nachfolgenden Grafik sind die Ergebnisse der Testung zusammengefasst. Deutlich zu sehen ist, dass meine Klientin im Vergleich zu der Normgruppe sich überdurchschnittlich belastet fühlt, was sich vor allem körperlich äußert. Gleichzeitig findet sie nur im Sozialen Bereich Erholung.
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Diese Klarheit der Ergebnisse überraschte meine Klientin: Sie meinte dazu, sie habe zwar gedacht, dass sie nicht "in Balance" sei, aber diese Ergebnisse hätte sie nicht erwartet. Sie sah sich veranlasst, ihre "Erholungskompetenz" zu erhöhen: Sie nahm sich vor, ihre sportlichen Aktivitäten wieder aufzugreifen und sich weitere Gedanken darüber zu machen, welche andere Formen der Erholung sie in ihren Tagesablauf einbauen könnte.
Gleichzeitig wurde ihr immer klarer, dass der Auslöser ihrer Beanspruchung hauptsächlich ihre Arbeit war. Und da kam das Bild des "Spagats" wieder in den Vordergrund: Hin- und hergezerrt zwischen den Anforderungen ihrer Vorgesetzten, ihrer Kollegen und nicht zuletzt ihrer eigenen hohen Ansprüchen.
Meiner Klientin wurde bewusst, dass die Balance-Spagat-Frage nur ein erster Schritt gewesen sei. Sie nahm ihre Situation ernst und schlug vor, ihre Belastungssituationen - und dabei vor allem ihre eigene Bewertung dieser Situationen - näher zu beleuchten.
Im nächsten Beitrag werde ich Ihnen davon berichten, wie meine Klientin mit Unterstützung des Stressverarbeitungsfragebogen (SVF) von Janke, Erdmann und Kallus mehr Einsicht bekommen konnte in ihren Tendenzen, auf Belastungssituationen zu reagieren. Infolgedessen konnte sie gezielt einen positiven Einfluss auf ihre Situation am Arbeitsplatz nehmen.
von Saskia van Rooij
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