| Selbstachtung: Die Quelle für Menschlichkeit und Leistungsfreude |
In Vorbereitung eines Seminartages für Kollegen stolperte ich über die Begriffe “Selbstwert” und “Selbstachtung”, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Selbstwert, als Gefühl definiert, das ich zu mir selbst habe, und Selbstachtung als Haltung, mit der ich zu mir selbst stehe. Die Frage, wie es denn um meinen eigenen Selbstwert und meine Selbstachtung bestellt ist, stand für mich sofort im Raum. „Ausbaufähig“ war mein erster Gedanke und „Wie baue ich aus?“ folgte als Frage sofort auf dem Fuße. Letzte Woche habe ich eine kleine Gruppe von Fach- und Führungskräften mit SCiOPOS, einer computergestützten Potenzialanalyse, getestet. Obwohl von Beginn an diese Erhebung der individuellen Potenziale eines jeden als Incentive zur persönlichen Weiterentwicklung im Unternehmen kommuniziert wurde, lag eine schwere Anspannung in der Luft, sobald alle Beteiligten vor ihrem Rechner saßen. Was wird dieses Rechnerding über mich herausfinden? Soll ich wirklich „die Hose runterlassen“? Was passiert, wenn ich mit Dingen konfrontiert werde, die ich nicht gern höre? Kommt vielleicht heraus, dass ich gar nicht für meinen Job geeignet bin? Die Atmosphäre im Raum ist gefüllt mit Skepsis, vorsichtiger Neugier, diversen Befürchtungen bis hin zu Versagensängsten und unterschwelliger Abwehr. Gestandene Frauen und Männer, erfolgreich in ihrem Beruf, sind aufgeregt und in Habacht, als ginge es um die Infragestellung ihrer ganzen Person. Wie oft begegnet mir in persönlichen Gesprächen oder in Coachings eine tiefe Sehnsucht meines Gegenübers nach einem Feedback zu bestimmten Verhaltensweisen oder der individuellen Außenwirkung. In den Blicken verwandelt sich diese Sehnsucht aber blitzschnell in eine ängstliche Erwartung, Fehler und Unzulänglichkeiten um die Ohren gehauen zu bekommen, sobald ich ein Feedback anbiete. Eine Mauer eisigen Schweigens baut sich blitzschnell auf und muss von uns beiden dann erst durch das Wachsen gegenseitigen Vertrauens wieder überwunden werden. Der Spruch „Wasch mich, aber mach´ mich bitte nicht nass!“, drängt sich mir in solchen Situationen manchmal auf. Ich bin überzeugt, dass bei vielen ein zu geringer Selbstwert – also ein eher negatives Gefühl, das derjenige zu sich selbst hat – der eigentliche Grund dieser weit verbreiteten Abwehrhaltung ist. Anders kann ich mir die Scheu, Feedback einzufordern oder auch einem anderen zu geben, nicht erklären. Obwohl ich gerade für einen Bruchteil einer Sekunde das Gefühl habe, dass einer „meiner“ Teilnehmer mich liebend gern erdolchen möchte, versuche ich durch eine „lockere“ Einleitung die Testsituation zu entspannen. „Es geht mir morgen nicht um eine Fehlerrückmeldung in den Feedbackgesprächen, sondern um eine ressourcenorientierte Sicht auf Ihre persönlichen Stärken, Bedürfnisse und Motivationsfaktoren und wie Sie diese vielleicht noch effizienter für Ihre beruflichen, eventuell auch privaten, Ziele nutzen können.“ Ich hoffe, ich konnte meine eigene Begeisterung und Vorfreude auf die morgigen Einzelgespräche transportieren. Mehr will ich auch gar nicht sagen, denn ich weiß, dass die eigene Erfahrung einfach die beste Überzeugungsarbeit leistet. Während alle über ihren Testaufgaben brüten, hänge ich meinen eigenen Gedanken nach. Wie kommt es, dass auch mein Selbstwert, sprich das Gefühl, das ich zu mir selbst habe, von Situation zu Situation extrem schwanken kann? Ist es möglich, einen hohen Selbstwert zu entwickeln, der auch noch konstant bleibt? Nach Virginia Satir beinhaltet mein Selbstwert meine Selbstachtung und Wertschätzung zu allem, was ich bin und empfinde. Und genau hier „liegt der Hase im Pfeffer“. Ich arbeite nämlich immer noch daran, allen meinen Anteilen – Frau Satir spricht von den eigenen vielen Gesichtern – mit Wertschätzung zu begegnen, ihnen Raum zu geben und sie nicht zu ignorieren, weg zu schieben oder gar zu bekämpfen. Klassisch für einen perfektionistisch veranlagten Menschen kann ich mich nur ganz schwer selbst loben. Denn besser hätte ich es ja immer allemal machen können. Ließe ich dem Perfektionisten in mir also freien Lauf, würde dieser immer „ein Haar in der Suppe finden“ und meine Leistung oder Eigenart als noch nicht wert-voll genug abstrafen. Lobt mich dann ein anderer schwankt mein Gefühl zwischen Unglauben oder innerer Abwertung. Mein Gegenüber war vielleicht nicht aufmerksam genug, um meine Fehler zu bemerken oder er traut sich nicht, hart mit mir ins Gericht zu gehen. Mit den Jahren habe ich es geschafft, dieses aufkommende Gefühl zu stoppen und mir zu bestätigen: „Ja, ich war gut und die Fehler, die mir noch unterlaufen sind anscheinend nicht so gravierend gewesen. Sie werden mir helfen, mich weiter zu entwickeln, aber jetzt darf ich erst einmal mit mir zufrieden sein.“ Als schöne Nebenwirkung bemerke ich seitdem, dass mir das Loben anderer auch leichter von der Hand geht und ich im Beruflichen wie im Privaten vieles nicht mehr als selbstverständlich – und damit als nicht erwähnens-wert – voraussetze. Meine Teilnehmer werden nach drei Stunden nacheinander fertig. Ich frage sie einzeln nach ihrem ersten Eindruck, um ihnen die Gelegenheit zu geben, etwas von der Anspannung loszuwerden. Die anfängliche abwehrende Haltung ist bei allen der Neugier und dem inhaltlichen Interesse, was sie morgen wohl erwarten wird, gewichen, obwohl ich die Skepsis und die Befürchtung, doch mehr Unerfreuliches mitgeteilt zu bekommen, bei vielen noch deutlich spüren kann. Ich freue mich am nächsten Tag wieder dem kleinen Wunder beiwohnen zu dürfen, das fast immer erscheint und doch jedes Mal einzigartig vonstatten geht. Vorsichtig, distanziert, misstrauisch abwartend oder demonstrativ locker ist die Haltung, die mir meist zu Beginn unseres Feedbackgespräches entgegen gebracht wird. Und dann passiert es. Während sich mein Gegenüber in den Beschreibungen seiner Stärken, Bedürfnisse und Antreibern aber auch in seinen Ecken und Kanten sowie deren Konsequenzen im eigenen Denken und Tun wieder erkennt, vollzieht sich eine kleine Metamorphose: Ungläubigkeit und Skepsis wandeln sich zur Überraschung, manchmal zu hörbarer Erleichterung, oft auch zu Stolz. Das Gesicht entspannt sich, keine Falte teilt mehr die Stirn, der Körper ist in eine positive Spannung versetzt, um alle Erklärungen aufzunehmen. Am faszinierendsten jedoch ist für mich der Moment, in dem sich die Augen öffnen und voller Energie zu strahlen beginnen. Egal, was meine Gesprächspartnerin oder meinen Gesprächspartner auszeichnet oder einschränkt, in diesem Moment ist sie bzw. er einfach nur unglaublich kraftvoll und, ich kann es nicht anders ausdrücken, voller Werte und Schätze. In diesen Augenblicken fühle ich, dass auch der Andere um seinen Selbstwert weiß und sich selbst achten kann. Wenn ich mich achte, kann ich eigene Fehler wahrnehmen und korrigieren, denn ich vertraue auf meinen Wert. Zu was wäre ein jeder von uns (noch) alles fähig, stünden wir vollkommen zu uns selbst?! von Paula C. Bemmann |