Alt, einsam, unerwünscht
Wenn Oma nervt und ich nicht ans Rentenalter denken mag!
 
Image Meine Schwägerin hat Entspannung bitter nötig, fährt an die Nordsee und hat die Schwiegermutter bei uns abgegeben. Schließlich kann diese mit fast 90 Jahren nicht mehr allein zu Hause bleiben. Selbstverständlich nehmen wir sie für ein paar Tage auf, räumen das Gästebett ins Wohnzimmer, weil sie keine Treppen mehr steigen kann und lassen nachts das Licht brennen, damit sie allein auf die Toilette findet...
 
Oma ist für ihr Alter noch super drauf: Sie zieht sich noch alleine an, schmiert sich ihr “Bütterken” selbst und hat zu allem eine eigene Meinung. Trotzdem ist es für uns eine echte Herausforderung! Kind und Hund müssen still sein, damit sie noch etwas schlafen kann. Wir achten darauf, dass sie ihre Medikamente nimmt, schneiden die harte Rinde vom Brot, rücken immer wieder ihre Hörgeräte zurecht, damit die nicht mehr piepsen, suchen nach etwas Lesbarem, weil sie schon alle Zeitschriften durch hat, sind auf der Suche nach den Haushaltsgegenständen, die sie aus Ordnungssinn und Langeweile aus dem Weg geräumt hat.
 
Jede Form der Unterhaltung findet in extremer Lautstärke statt, besonders wenn es gilt, das grausame Fernsehprogramm zu übertönen:
KANN ICH NOCH EINEN KAFFEE HABEN?
HAB ICH DIE ZEITUNG SCHON GELESEN?
ICH FINDE MEINE BRILLE NICHT!
WAS HAT DER KOMMISSAR GESAGT?
WIE BITTE???
 
Jede Antwort benötigt drei Anläufe um sie zu erreichen. Es fällt ihr schon schwer, Zusammenhänge zu begreifen. Oft bringt sie Namen und Zeiten durcheinander. Sie will nicht zur Last fallen, aber bestimmt den Alltag wie ein kleines Kind.
 
Für den Einsatz meiner Schwägerin, die das jeden Tag hat, habe ich vollen Respekt! Aber wie will sie das packen, wenn es Oma mal schlechter geht? Mir wird klar: Wer trotz Beruf die soziale Verantwortung für seine alternden Eltern übernimmt, ist einer Belastung ausgesetzt, die ohne Einschränkung in Job und Privatleben nicht zu schultern ist. Eine Einschränkung die bis zur Selbstaufgabe führen kann.
 
Und wie werde ich mich fühlen, wenn ich jemals so alt werde? Will ich mich so abhängig machen vom Wohlwollen meiner Kinder? Kann ich anderen so zur Last fallen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Will ich überhaupt so alt werden?
 
Unsere Gesellschaft bietet dafür keine Alternativen. Die Medizin ist darauf ausgerichtet, Leben zu erhalten, solange es technisch möglich ist. Ob es mir als Pflegebedürftigem dabei gut geht, ist völlig unerheblich.
 
Auch in meiner Familie ist das Alt-Werden ein Tabuthema. Es passiert, aber es wird nie darüber geredet. Statt gemeinsam Lösungen zu diskutieren, lässt man es auf sich zukommen, handelt erst, wenn es dringend wird und wartet, bis das eine oder andere Glück auf der Strecke bleibt.
 
Unsere Arbeits- und Lebensbedingungen sind so auf die beruflichen Anforderungen ausgerichtet, dass ein Lebensabend im Kreis meiner Familie kaum realisierbar scheint. Dort wo beide Elternteile arbeiten, die Kinder auf weiterführende Schulen gehen oder studieren, ist kein Raum für liebevolle Großfamilien.
 
Auch das Modell des Mehr-Generationen-Hauses funktioniert nur, solange sich Rentner und Großeltern um Kinder und Enkel kümmern können. Wenn Opa und Oma selbst gepflegt werden müssen, oder einfach nicht mehr allein gelassen werden können, müssen andere Lösungen her.
 
Die staatliche Rente? Sie wird für die Normalverdiener von heute im Alter nicht mal zum Dahinvegetieren reichen. Riesterrente? Ein Tropfen auf den heißen Stein. Pflegeversicherung? Ich kenne Fälle, in denen die Zuzahlung zur Pflege der Eltern die Familien der Kinder finanziell ruiniert hat!
 
Sparen fürs Seniorenheim? Der pure Luxus! Ein Heimplatz kostet im Monat mehr als die meisten von uns brutto verdienen! Wer seinen Lebensabend lebenswert gestalten will, muss zu den Top-Verdienern zählen! Wer es sich nicht leisten kann, wird zwangsläufig irgendwann dorthin abgeschoben, wo er die arbeitende Bevölkerung nicht stört. Einsam, verlassen, unerwünscht.
 
Ist es das was wir wollen? Die Alten werden bald in der Mehrheit sein. Was ist, wenn die grauen Panther zu einer mehrheitsfähigen Partei werden? Wird dann das Wahlrecht auf 65 Jahre begrenzt? Oder gehen dann unsere Kinder in Pflegeteilzeit?
 
Mit Ironie sind solche Aussichten vielleicht leichter zu ertragen, aber Lösungen schaffen wir so auch nicht. Ich mag gar nicht daran denken und lege lieber etwas Geld beiseite.
 
 
von Michael Blochberger