| Über den Umgang mit Rivalität und Moral im Beruf |
Die Doping-Beichte unseres Radsport-Profis Erik Zabel hat mich sehr berührt. Weil sie so ehrlich war: Dieser Schmerz, den eigenen Sohn belogen und die eigenen Wertevorstellungen verraten zu haben um des Erfolges und des Ruhmes willen. Das tut weh. Aber, ich kann mich identifizieren mit einem, der erkennt, dass er als Täter auch zum Opfer geworden ist. Für mich ein Lehrstück über den Umgang mit Rivalität und Moral im Berufsleben.
Fairer Wettkampf braucht Regeln und Richter
Es ist die natürlichste Sache der Welt, sich im Wettkampf mit anderen zu messen. Der direkte, faire Vergleich mit Kollegen, Wettbewerbern oder Gegnern fordert uns heraus. Er weckt unseren Ehrgeiz und motiviert uns, zu mehr Leistung, höherer Anstrengung und intensiverer, professioneller Vorbereitung. Wettstreit macht Spaß und fördert unsere Entwicklung – im Sport ebenso wie in der Berufswelt. Ohne die Herausforderung, sich täglich aufs Neue beweisen zu müssen, gäbe es wenig Leistung, kaum Fortschritt und keinen Wohlstand. Aber ein fairer Wettkampf lebt von zwei zwingenden Voraussetzungen: 1. Er muss unter vergleichbar starken Gegnern ausgetragen werden, denn es macht weder Sinn noch Spaß, sich mit Schwächeren zu vergleichen. 2. Er muss nach gemeinsamen Regeln ausgetragen werden, die von allen Parteien eingehalten werden. Nur so ist das Ergebnis eines Wettkampfes vergleichbar und akzeptabel. Das Einhalten der Regeln wird von neutralen Instanzen, den Schieds-Richtern und -Gerichten überwacht. Sie haben die Aufgabe, unter Strafandrohung dafür zu sorgen, dass der Wettstreit fair und das Ergebnis akzeptabel bleibt. Aber weder im Sport noch in Wirtschaft und Politik können diese Kontrollinstanzen Betrug verhindern. Tatsache ist, dass Regeln und Gesetze auf allen Ebenen unserer Gesellschaft gebrochen werden, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen: Sportler dopen. Schiedsinstanzen lassen sich manipulieren. Unternehmer bestechen. Berufstätige betrügen den Arbeitgeber, Arbeitslose das Arbeitsamt. Nicht nur um sich zu bereichern, sondern oft aus einer materiellen oder gesellschaftlichen Zwangslage heraus. Was führt dazu, dass ein fairer Wettstreit so häufig mit unlauteren oder betrügerischen Mitteln geführt wird? Unlautere Mittel im Kampf um rare Ressourcen Das Wort Rivalität stammt vom lateinischen rivalis, was so viel heißt wie “an der Nutzung eines Wasserlaufes mitberechtigter Nachbar”. Schon hinter dieser Definition verstecken sich unzählige Geschichten um historische und kulturelle Auseinandersetzungen. Trinkwasser ist auch heute noch in vielen Regionen der Erde das wertvollste Gut. Ohne Wasser ist ein Überleben nicht möglich. Wasser sichert die Ernte und die Existenz der Familie. Wenn Wasser knapp wird, werden Wasserrechte gebrochen. An der Verteilung des knappen Wassers entbrennen Rivalitäts- und Verteilungskämpfe. In unserer Sprache ist es tief verankert: Wenn es um die eigene Existenz geht, sind wir schnell bereit, dem Rivalen “das Wasser abzugraben”. Wer überleben muss, fragt nicht nach Regeln und fairen Vereinbarungen. In Situationen des Mangels ist jeder sich selbst der Nächste. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren. Fairness und Sportlichkeit scheinen nur in einer friedlichen Atmosphäre des Überflusses möglich. Obwohl wir aber in einer der reichsten Gesellschaften der Welt leben, empfinden wir Rivalität im Beruf häufig als existenzielle Bedrohung und versuchen, uns Vorteile zu verschaffen. Von der Beziehungspflege über die Einflussnahme auf Vorgesetzte bis hin zu Intrigen, Manipulation, Mobbing und Betrug sind die Übergänge von legitimen über legale zu illegalen Mitteln fließend. Die freie Marktwirtschaft, ein bedingungsloser Wettbewerb Die freie Marktwirtschaft ist der Motor für scheinbar grenzenlose Leistungsfähigkeit und atemberaubend schnelle Entwicklung. In nie zuvor erlebter Geschwindigkeit entwickeln sich neue Märkte und vielversprechende Herausforderungen. Dort, wo lukrative Branchen entstehen, wächst der Bedarf an Arbeitskräften und damit die Chance auf einen fairen Wettstreit mit den Kollegen. Aber schon nach wenigen Jahren kann der Markt von qualifizierten Bewerbern gesättigt sein. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sinken, der Konkurrenzkampf wächst und damit die unlauteren Methoden der Rivalen. Als Grundregel gilt, dort, wo das meiste Geld verdient wird, herrschen auch die unmenschlichsten Rivalitätskämpfe. Die Tour de France als größter und lukrativster Radsport-Wettbewerb der Welt ist ein plakatives Beispiel: Sie ist so umkämpft von hoch qualifizierten Profis, dass das Leistungsniveau nur noch mit illegalen Mitteln zu halten ist. Was für die Organisation, die Sponsoren und die Öffentlichkeit so lukrativ ist, schafft eine gegenseitige Abhängigkeit, in der keiner mehr die Wahrheit hören will. Die Leidtragenden sind die Sportler selbst, die in diesem System ihre körperlichen und moralischen Grenzen überschreiten müssen, um halbwegs erfolgreich zu sein. Sie werden zum Betrug verführt, gefährden ihre Gesundheit und wenn sie sich outen, werden sie bestraft, indem sie aus der Mannschaft ausgeschlossen werden. Die Mittel der Rivalität – eine persönliche Entscheidung Die eigentlichen Leidtragenden in einem umkämpften Beruf sind die Naiven und die Ehrlichen. Wer sich Illusionen macht und den Beteuerungen, es handele sich um einen fairen Wettbewerb, Glauben schenkt, wird regelmäßig verlieren. Dort wo intrigiert, manipuliert und gemobbt wird, muss ich mich entscheiden, in wieweit ich bereit bin, mich auch unfairen Methoden zu stellen. Die Wahl der Waffen muss jeder mit sich selbst ausmachen. Sie allein haben die Verantwortung zu entscheiden, wie weit Sie gehen. Ob Sie sich den Methoden und Machenschaften Ihrer Rivalen anpassen oder sich dagegen wenden. Wenn Sie feststellen, dass Sie mit ehrlichen Mitteln nichts erreichen, ist es besser, aus dem Spiel auszusteigen und sich einen anderen Job zu suchen. Sie verhindern damit Ihre zwangsläufige Niederlage und erringen zumindest einen moralischen Sieg. Wenn Sie sich unlauteren Mitteln unterwerfen aber darunter leiden, weil Sie das unmoralische Treiben vor Ihrem Gewissen nicht verantworten können, dann ist es Zeit, sich für Ihren eigenen, loyalen Weg zu entscheiden, bevor Sie sich zum Opfer machen. Selbst in einer korrupten Gesellschaft gibt es unzählige Chancen, mit fairen Mitteln Bestätigung und Erfolge zu sichern. Mit fairen Mitteln vom Sieger zum Gewinner werden Die großen Chancen liegen nicht auf der Straße, wo sich alle drauf stürzen. Die besten Chancen verstecken sich in Nischen, die nicht jeder kennt. Dort, wo Sie in Ruhe, ohne großen Konkurrenzkampf ihre Kompetenz entwickeln können, zählen Geradlinigkeit und Moral mehr als Ellenbogen. Wenn es ihnen wichtig ist, im fairen Vergleich wieder Bestätigung und Anerkennung zu finden, dann sollten Sie sich fernab von einem krankhaften Rivalismus einen Markt suchen, der Ihren Fähigkeiten und Idealen entspricht. Wenn Sie sich den gesellschaftlichen Zwängen eines unfairen Wettbewerbs entziehen, werden Sie unabhängig von Vergleichen mit Kollegen oder Rivalen Ihre Zufriedenheit und Ihr Glück in den ideellen Werten einer sinnvollen Arbeitswelt finden. Es wird Ihnen nicht mehr um einen vordergründigen Sieg sondern um den echten Gewinn gehen – für sich selbst und für die Gesellschaft. Das entscheidende Kriterium für all unser Tun und Handeln sollte dabei immer sein, die Achtung vor uns selbst zu bewahren und unseren Kindern eine lebenswerte Welt zu übergeben. |