Emotionalität im Unternehmen nutzen - Persönlichkeit als Führungskraft
Mal ganz ehrlich: Wenn es stetig aufwärts geht, ist es leicht, den Chef zu spielen. Was man anfasst, wird zum Erfolg. Fehlentscheidungen sind schnell wieder gut gemacht. Fehlverhalten ist schnell verziehen. Viele Manager hat es in den Wachstumsjahren auf der Karriereleiter nach oben gespült.
 
Jetzt, wo es hart auf hart kommt, müssen sich die Qualitäten vieler Führungskräfte erst beweisen: Über fachliches Know-how hinaus sind Durchsetzungskraft und Entscheidungsstärke gefragt. Der Leistungsdruck von außen wächst. Der Widerstand von innen nimmt zu. Wenn es gilt, unbequeme Entscheidungen zu treffen, gerät die Führungskraft schnell zwischen die Fronten.
 
Da ist es vielleicht menschlich, wenn man seinen Frust in Aggressionen austobt und einen autoritären und diktatorischen Führungsstil pflegt. Konstruktiv oder produktiv ist es aber in der Regel nicht, wenn ich meine Mitarbeiter unter meinen negativen Gefühlen leiden lasse oder mich scheinbar von deren Ängsten distanziere.
 
In einer Zeit, in der materielle Versprechen nicht mehr möglich sind, sind Führungspersönlichkeiten gefordert, die selbst mit dem Rücken zur Wand noch souverän agieren können. Menschen, die die Fähigkeit besitzen, Mitarbeiter zu fördern statt zu überfordern, zu integrieren statt auszusortieren. Als Führungskraft muss ich mir die Fragen stellen:
 
  • Bin ich in der Lage, meinen Mitarbeitern über deren eigene Sicht der Dinge hinaus, die Komplexität von Entscheidungen und Handlungszwängen zu vermitteln?
  • Verstehe ich es als "Vorgesetzter", Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein in meinen Mitarbeitern zu fördern und sie an Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen?
  • Gelingt es, den mir Anvertrauten als emotionales Vorbild zu dienen?
 
Wer hier immer mit "ja" antworten kann, ist schon erleuchtet oder nicht ganz ehrlich mit sich selbst. Für mich gibt es keine Ideallinie und kein konfliktfreies Führen. Führen heißt in erster Linie kommunizieren, verständlich machen, den Mitarbeitern als Berater, Coach und Trainer dienen, ihnen helfen, sich zu entwickeln. Mit dem Austeilen von Befehlen ist es heute nicht getan. Die Zeiten haben sich geändert!
 
Um die Aufgaben der Zukunft zu bewältigen, bedarf es dringend eines Perspektivwechsels in unseren Führungsetagen. Wir SIND nicht mehr Führungskraft Kraft unseres Amtes. Unsere Mitarbeiter sind es, die uns die "Kraft" zum "Führen" ÜBERTRAGEN, indem sie uns in der Rolle des Führenden akzeptieren. Erst die BEREITSCHAFT der Mitarbeiter, zu folgen, setzt in ihnen die Kräfte frei, die wir benötigen, um die geforderte Leistung zu bringen und wichtige Entscheidungen durchzusetzen.
 
Ein "Vorgesetzter" ohne Akzeptanz steht nur einer Gruppe vor, die Dienst nach Vorschrift macht. Deren Leistung wird in Zukunft nicht mehr konkurrenzfähig sein. Zur echten Führungskraft bedarf es einer großen Portion Persönlichkeit. Das heißt, ich muss mir die Akzeptanz meiner Mitarbeiter verdienen. Das geschieht im ersten Schritt durch fachliche Kompetenz. Mittel- und langfristig aber hauptsächlich durch emotionale und soziale Kompetenz:
 
1. Selbstbewusstsein
 
Als Führungskraft bin ich bereit, mich meinem beruflichen Umfeld zu zeigen. Das heißt, ich bin selbstbewusst genug, auch mein emotionales Wesen zu offenbaren, wenn es den beruflichen Zielen dient. Ansprüche, Ängste, Hoffnungen selbstbewusst zu äußern sind menschliche Regungen, die zur emotionalen Bindung der Mitarbeiter beitragen. Mit den Gefühlen des Chefs kann kann man sich identifizieren, mit seinem Status nicht.
 
2. Emotionale Souveränität
 
Als Führungskraft muss ich fähig sein, zwischen meinen inneren Ängsten und objektiv berechtigten Emotionen in Krisensituationen unterscheiden zu können. Meine emotionalen Reaktionen sind sinnvoll, solange sie von anderen verstanden werden und zur Solidarisierung führen. Wenn ich durch emotionale Überreaktionen meine Ängste nur an meine Mitarbeiter weitergebe, wirken meine Gefühle nur destruktiv. Erst eine gesunde Selbststeuerung der Gefühle führt zur gewünschten Souveränität.
 
3. Begeisterungsfähigkeit
 
Die persönliche Lust an der Leistung anderen mitzuteilen und sie damit an der eigenen Motivation teilhaben zu lassen, ist eine der entscheidenden emotionalen Führungsqualitäten. Keine noch so perfekte Planung, kein Controlling, kein Prämiensystem ersetzt Begeisterungsfähigkeit. Dynamik, Optimismus und Lebensfreude wirken anziehend und ansteckend. Eine Führungskraft, die das ausstrahlt, braucht sich um Akzeptanz nicht zu sorgen.
 
4. Kommunikationsfähigkeit
 
Wer mit seinen Emotionen im Reinen ist, hat die Kraft, sich um die Gefühle anderer zu kümmern, ohne sich selbst zu vernachlässigen. Die Rolle des emotionalen Führers wird oft von Frauen ausgefüllt. Ihnen fällt es in der Regel leichter, das Team zusammenzuhalten und den einzelnen Mitgliedern die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie brauchen. Empathie und Kommunikationsfähigkeit sind die Voraussetzung für diese wichtige emotionale Aufgabe.
 
5. Zukunftsfähigkeit
 
Die vielleicht höchste Entwicklungsstufe einer Führungspersönlichkeit ist die des charismatischen Visionärs. Er unterscheidet sich von anderen Persönlichkeiten durch zwei entscheidende Qualitäten: Die nahezu vollständige Integration und somit Verarbeitung seiner Ängste und seine intuitive Fähigkeit zur Entwicklung und Kommunikation zukunftsweisender Visionen. Die emotionale Qualität des Visionärs ist zur Zeit eine der meist gefragten Kompetenzen. Sie schafft die Energiequellen, die wir so dringend brauchen, um uns wieder aus dem Tal der Tränen herauszuführen.
 
Das Festhalten an Status und überholtem Führungsverhalten bringt uns keinen Schritt weiter. Materielle Werte und Wachstum helfen uns langfristig nicht aus der emotionalen Krise. Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere derzeitige Krise nur durch eine neue Einstellung zur Emotionalität im Unternehmen zu bewältigen ist. Eine gesunde Emotionalität im beruflichen Miteinander beginnt aber immer beim emotionalen Umgang mit der eigenen Persönlichkeit. Die erste Pflicht einer verantwortungsbewussten Führungskraft ist deshalb, sich selbst emotional weiterzuentwickeln. Denn: Die Kraft der Emotionen ist durch nichts zu ersetzen.
 
 
von Michael Blochberger