Mitgefühl für Robert Enke
Robert Enke, die Nr. 1 im Tor der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat sich am Dienstag das Leben genommen. Weil er glaubte, als Vorbild und Leistungsträger keine Schwäche zeigen zu dürfen, ist er am Widerspruch zwischen dem Leistungsdruck und seinem Selbstbild zerbrochen. Was uns an diesem tragischen Tod so sehr bewegt, ist nicht nur das Schicksal dieses Mannes und seiner Frau. In seiner Verzweiflung erkennen wir auch unser eigenes Leid: Auch wir stehen unter Leistungsdruck und glauben, uns keine Schwächen erlauben zu dürfen. Auch wir spielen nach außen oft den Starken und zweifeln im Stillen an uns selbst.
Jetzt, wo sich zeigt, wer Robert Enke wirklich war, fliegen ihm unsere Sympathien zu, wie nie zuvor. Wir sollten daraus lernen, es nie soweit kommen zu lassen. Die Welt ist voller Menschen, die sich danach sehnen, einmal schwach sein zu dürfen und verstanden zu werden. Wer sich zeigt, wie er wirklich ist, dem fliegen die Herzen zu. Jeder von uns kann den ersten Schritt tun, die Nähe seiner Mitmenschen suchen und sein Herz öffnen. Wir werden Nähe, Liebe und Vertrauen entwickeln und die Welt ein Stück lebenswerter machen!
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12. November 2009 um 19:41
Mein Sohn befand sich vor gut zwei Jahren in einer tiefen Depression. Glücklicherweise fand er einen sehr guten Psychiater, der ihn durch diese schwere Zeit begleitete und auch sein Arbeitgeber hat ihn durch sein Versprechen, dass er auf jeden Fall seine Arbeit nicht verlieren würde, unterstützt.
Mein Sohn musste sich also nicht vor aller Welt verstecken und den starken Mann spielen, sondern konnte ganz zu seiner Erkrankung stehen. Er ist sich zwar bewusst, dass es jederzeit einen Rückfall geben könnte, aber er kennt jetzt die Symptome und weiss, dass er nicht schuld an seiner Erkrankung ist.
Wir sind uns in dieser Zeit noch näher gekommen und konnten über viele Dinge sprechen, die vorher stets irgendwie unter den Teppich gekehrt wurden.
Ich selber stamme aus einer Familie, in der niemals über persönliche Probleme. Wünsche oder eigene Ansichten gesprochen wurde. Ich habe immer irgendwie “funktioniert” und habe leider vieles davon an meine Kinder weiter gegeben. Diese Erkrankung schenkte uns die Gelegenheit, ohne Schuldzuweisungen die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Leider ist ein solches Zusammentreffen nicht die Regel.
13. November 2009 um 11:37
Ich finde es sehr traurig, dass die Menschen erst die Sympathien für einen lieben Menschen entwickeln, wenn er gestorben ist oder etwas sehr schlimmes anderes passiert ist. Warum schaut man nicht vorher in das Herz des Menschen und erkennt wie wunderbar und liebenswert er ist und welch lieben Charaktereigenschaften er hat.
Ist wirklich soviel Gefühlskälte unter den Menschen in dieser heutigen Welt? Warum muss es erst so weit kommen, bis ein Mensch für sich keinen Ausweg mehr sieht und seine Schwäche zeigen zu dürfen ist doch das normalste und menschlichste Bedürfnis dieser Welt, wie kann es geschehen, dass soetwas ein Grund sein kann, sich das Leben zu nehmen?
Es tut mir sehr leid um diesen lieben Menschen. Und ich empfinde mit seiner Frau und den zurückgelassenen Kindern und den anderen Angehörigen.Ihnen mein herzlichstes Beileid und die Kraft jetzt mit dieser schweren Lebensituation klar zu kommen. Ganz liebe Grüße von Petra Betcher
14. November 2009 um 13:59
Liebe Maria, seid stolz darauf, dass ihr die Krankheit genutzt habt, euch näher zu kommen und eure Vergangenheit aufzuarbeiten! Jede Krankheit ist auch ein Hilferuf der Seele, eine Aufforderung, uns mit ihr zu beschäftigen und etwas in unserem Leben zu verändern. Die wenigsten erkennen die Signale. Lieber schauen Sie weg oder machen andere verantwortlich. Robert Enke ist ein prominentes Opfer unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Aber wie vielen Menschen geht es ähnlich! Sie glauben, immer perfekter funktionieren zu müssen und trauen sich nicht mehr, ihre Bedürfnisse zu leben. Körper und Seele antworten mit Depression oder anderen Krankheiten.
Ich mache die Erfahrung, dass der Anteil derer immer größer wird, die unter (zum Teil mehrfachen) chronischen Krankheiten leiden. Allen ist gemeinsam, dass sie ihre Gefühle unterdrücken und nicht zu ihren Bedürfnisse stehen. Es ist ein Trauerspiel, dass Menschen schon professionelle Hilfe suchen müssen, um Verständnis zu finden und Anerkennung zu bekommen! Dabei wäre es so einfach, wenn wir uns alle etwas Zeit nehmen würden, zuzuhören und Vertrauen zu schenken… Es ist so unglaublich schön, die Dankbarkeit zu spüren, die dann zurückkommt.
16. November 2009 um 13:56
Es wär zu schön um wahr zu sein. Diese vielen Sympathien, die jetzt Robert Enke zufliegen, tun es, weil er tot ist. Er ist nicht der einzige Leistungssportler mit Deprssionen. Die anderen sind selber damit an die Öffentlichkeit gegangen und haben sich zur Genesung aus dem Sportzirkus zurückgezogen. Und sie kommen nie zurück. Unsere Gesellschaft, wie sie heute ist, erlaubt diese mentale Schwäche nicht, jedenfalls nicht, wenn man eine Position mit Verantwortung innehaben will. Und das gilt nicht nur im Sport.
Eine Maschine, die manchmal schwächelt, gilt als nicht zuverlässig und wird ausgetauscht oder zumindest repariert. Man will sich nun mal auf das Equipement verlassen können. Fürs Personal gibt es seit Jahren den Ausdruck Human Ressource. Bei allen Sonntagsreden über Menschlichkeit in der Arbeitswelt oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – die Realität sieht definitiv anders aus. Menschen sind Material, das rationell eingesetzt werden muss. Auch Projekte wie cir-consult oder simplify zielen u.a. darauf ab, dass der Mensch höchst effizient mit seiner Zeit umgeht. Da werden Zeitfresser und Aufmerksamkeitsräuber gesucht usw.
Nein, diese Trauerwoge ist für mich lediglich Ausdruck der Bedürfnisse der Menschen. In der heutigen Gesellschaft können sie aber nicht befriedigt werden.
18. November 2009 um 20:03
Liebe Regina, ich muss dir in vielem Recht geben. Das Schicksal von Robert Enke zeigt, wie krank unser System ist und dass wir den Menschen nicht mehr gerecht werden. Aber es macht keinen Sinn, über alle den Stab zu brechen. Ich kenne zahlreiche Personalentwickler, die sich nicht als verlängerter Arm eines gnadenlosen Leistungsprinzips verstehen, sondern als ausgleichender Gegenpol. Die Unternehmen, die verstanden haben, dass es zu kurzfristig gedacht ist, Menschen zu verheizen, sind noch in der Minderheit, aber es gibt positive Anzeichen für ein Umdenken.
Solange die Gewinnmaximierung im Fokus steht, wird der Mensch zum Kanonenfutter des Systems, weil Geld Verdienen zum sinnentleerten Selbstzweck wird. Das ist krank und macht uns krank! Unser Ziel sollte sein, den Menschen und seine Entwicklungspotentiale wieder zum Maß aller Dinge zu machen. Dafür stehen cit-consult und auch andere. Das heißt nicht, auf Leistung und Erfolg zu verzichten. Kein Wirtschaftssystem kann ohne das überleben. Aber der Blickwinkel muss sich ändern!
Was das für unsere Arbeit als Weiterbildungsanbieter bedeutet, möchte ich an einem unserer Seminare veranschaulichen: Unter dem Titel “Flexibilität und Belastbarkeit stärken” bieten wir ein Stressmanagement-Training an, in dem es nicht um gnadenlose Anpassung und Leistungsdressur geht, wie manch einer vielleicht befürchtet. Woran wir arbeiten, ist die Persönlichkeit des Teilnehmers und seine Einstellung zu dem, was er tut. Der Teilnehmer lernt, destruktive und kräftezehrende Glaubenssätze zu überwinden und sein Leben eigenverantwortlich an seinen Werten und Bedürfnissen auszurichten, statt sich zum Sklaven machen zu lassen. Selbstbewusst stellt er fest: Ich kann mit weniger Kraftaufwand viel zufriedener sein und mehr erreichen!
Und dieses Prinzip gilt für so viele Weiterbildungsmaßnahmen: Statt purer Wissensvermittlung und kalter Technik-Dressur sollten wir an unserer emotionalen Einstellung, an der Überwindung unserer Ängste und an der Genesung unserer Psyche arbeiten. Unsere Gesellschaft kann nur menschlicher werden, wenn uns Bewusstsein und Liebe wichtiger sind als Geld und Status.